Stabil in der Hochburg Bern

Rund 15'000 Menschen im Kanton Bern wählen die Evangelische Volkspartei (EVP). Einen Sitz im Nationalrat hat sie seit Jahrzehnten abonniert. Das dürfte auch diesen Herbst so bleiben.

Die EVP nennt sich blockunabhängig und gibt an, je nach Thema mit verschiedenen Partnern zu kooperieren. Das trägt ihr den Vorwurf ein, nicht fassbar zu sein.

Die EVP nennt sich blockunabhängig und gibt an, je nach Thema mit verschiedenen Partnern zu kooperieren. Das trägt ihr den Vorwurf ein, nicht fassbar zu sein.

(Bild: zvg)

Von den drei bernischen Parteien mit einem religiösen Hintergrund ist die EVP die stärkste und konstanteste. Die im Kanton Bern schwach verankerte CVP und die konservativere EDU errangen in der Vergangenheit ebenfalls je einen Nationalratssitz. Beide Parteien verloren ihn aber vor vier Jahren.

Die EVP, deren Wähleranteil seit 1971 zwischen einem Tiefstwert von 3,3 und einem Höchstwert von 5,4 Prozent schwankte, leistet kontinuierliche Aufbauarbeit. Mittlerweile ist sie abgesehen vom Wallis, vom Tessin und von einigen Innerschweizer Kantonen flächendeckend in der ganzen Schweiz vertreten. Ihre Hochburgen sind aber Zürich und Bern, die beiden einzigen Kantone, in denen sie auch einen Nationalratssitz hat.

Im Kanton Bern verfügt die EVP über 60 Sektionen, und ihre Mitgliederzahl ist in den letzten zwanzig Jahren von 900 auf 1600 gestiegen. In Dörfern wie Grosshöchstetten, Melchnau, Lotzwil oder Thunstetten erreichte sie bei den letzten Gemeindewahlen über 20 Prozent.

In den Neunzigerjahren profitierte die EVP von den Flügelkämpfen in der SVP, aber nach der Gründung der BDP verlor sie diese Wähler wieder und stagnierte einige Jahre. Jetzt ist sie wieder im Aufwind und kann auf eine treue Wählerschaft in landes- und freikirchlichen Kreisen zählen. An rund 30'000 Adressen verschickt sie ihre Berner EVP-Zeitung. Gemäss offizieller Statistik wählten 2011 rund 15'000 Bernerinnen und Berner die EVP. Das deckt sich auch mit den Berechnungen von Parteisekretär und Nationalratskandidat Ruedi Löffel, der als passionierter Zahlenmensch mit Bergen von Daten aufwarten kann.

Nicht ganz ohne Risiko

Im Bundeshaus politisiert die EVP im Schoss der CVP-Fraktion auf einem Mitte-links-Kurs, wobei ihre beiden Vertreterinnen in der 31-köpfigen Gruppe am weitesten links positioniert sind. Eigenständig profiliert sie sich vor allem in Fragen um Leben und Tod. So steht sie der Fortpflanzungsmedizin kritisch gegenüber und will das Referendum gegen das neue Gesetz ergreifen, das unter anderem Untersuchungen von Embryonen auf Erbkrankheiten erlauben will. Die 50'000 Unterschriften zu sammeln, wird für die Kleinpartei zum Kraftakt. Ansonsten schreibt sich die EVP Begriffe wie Verteilungsgerechtigkeit und Umweltschutz auf die Fahne und wehrt sich gegen Armut und ungerechte Steuergesetze.

Die EVP nennt sich blockunabhängig und gibt an, je nach Thema mit verschiedenen Partnern zu kooperieren. Das trägt ihr den Vorwurf ein, nicht fassbar zu sein. Wenn es darauf ankommt, kann die Linke die EVP zu jenem Lager zählen, das den Bundesrat in seiner heutigen Zusammensetzung unterstützt, die Annäherung an die EU mitträgt und der Energiewende zum Durchbruch verhelfen will.

Aushängeschild der Berner EVP ist Marianne Streiff, die als Berufspolitikerin seit 2010 dem Nationalrat angehört. Streiff kandidiert auch für den Ständerat, was allerdings ein aussichtsloses Unterfangen ist. Dank dem Bisherigen-Bonus dürfte sie die Wiederwahl schaffen. Allerdings ist sie nicht mehr der einzige bekannte Kopf auf der EVP-Liste. Auch der Thuner Grossratspräsident Marc Jost und der umtriebige Grossrat und Parteisekretär Ruedi Löffel sind aktive Wahlkämpfer, die die Amtsinhaberin bedrängen könnten.

Die EVP hat sich das Ziel gesetzt, einen zweiten Sitz zu holen. Das wäre allerdings eine grosse Überraschung. Die Partei ist mit ihrer Listenverbindung mit GLP und BDP eine nicht ganz risikolose Wette eingegangen: Die Chance, dass ihre Stimmen einem dieser Partner helfen, seine Sitze zu verteidigen, ist grösser als die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen zweiten Sitz holt. Es sei denn, die EVP würde massiv zulegen – und mindestens eine der beiden andern Parteien Federn lassen.

Schulungen statt Programm

Für den Wahlkampf hat die Kantonalpartei 125'000 Franken budgetiert. Dazu kommen die Aktivitäten der nationalen Partei und die Mittel, die die Kandidaten aus ihrer privaten Kasse einsetzen. Für den Wahlkampf hat sie einen Praktikanten zu 60 Prozent engagiert und kann auf rund ein Dutzend aktive Helferinnen und Helfer zurückgreifen. Ihre Kandidatinnen und Kandidaten werden nicht auf ein Parteiprogramm verpflichtet, aber es werden ihnen freiwillige Schulungen angeboten. Zudem unterschreiben sie eine Loyalitätserklärung, welche die Spielregeln im Wahlkampf festlegt.

Berner Zeitung

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