Spitalliste: Eine Operation mit Komplikationen

Jetzt ist klar, welches Spital ab 2012 welche Operationen durchführen soll: Der Entwurf der Spitalliste liegt vor. Er stösst bei den Privatspitälern auf harsche Kritik.

Welche Operationen in welchem Spital durchgeführt werden, legt der Kanton auf der Spitalliste fest. Deren Entwurf legt er nun zur Diskussion vor.

Welche Operationen in welchem Spital durchgeführt werden, legt der Kanton auf der Spitalliste fest. Deren Entwurf legt er nun zur Diskussion vor.

(Bild: Keystone)

Die neue Spitalliste wird seit langem und mit Spannung erwartet. Jetzt liegt ein Entwurf vor. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Bern hat ihn Ende letzter Woche den Spitälern zugeschickt. Die Liste ist für ein Spital deshalb wichtig, weil es nur zulasten der Grundversicherung abrechnen kann, wenn es auf der Liste aufgeführt ist. Auf dem Entwurf sind alle Spitäler weiterhin aufgeführt, keines wurde ganz gestrichen. «Aber einige Spitäler müssen mit einem gewissen Abbau rechnen oder sich reorganisieren», sagt Thomas Spuhler, Leiter der Abteilung Planung und Aufsicht beim Spitalamt des Kantons Bern. Zum Teil seien die Leistungsaufträge nur provisorisch oder mit Auflagen verbunden. Mit einem Abbau muss etwa die zur Privatklinikgruppe Hirslanden gehörende Klinik Beau-Site in Bern rechnen. Gemäss dem Entwurf darf sie keine Operationen am offenen Herzen durchführen.

«Missverständnis»

Im letzten Jahr hatte die Klinik Beau-Site nach eigenen Angaben über 400 Operationen am offenen Herzen durchgeführt. Die Gesundheitsdirektion will diese künftig beim Inselspital konzentrieren. Das würde die Pläne des Inselspitals und der Klinik Beau-Site durchkreuzen. Die beiden Spitäler wollen ab 2012 gemeinsam ein Zentrum für Herzchirurgie führen. Im Kooperationsvertrag ist aber geregelt, dass die Zusammenarbeit nur dann zustande kommt, wenn das Beau-Site in diesem Bereich auch auf der Spitalliste steht.

Beau-Site-Direktor Adrian Dennler sagt, es müsse ein Missverständnis sein, dass seine Klinik Operationen am offenen Herzen nicht mehr über die Grundversicherung abrechnen soll. «Wir stehen mit dem Kanton im Kontakt und werden das klären», so Dennler. Schliesslich habe der Kanton bestätigt, dass die Klinik Beau-Site 30 Prozent der Herzchirurgie des Kantons Bern abdecke und damit versorgungsrelevant sei. «Hier bestehen fachtechnische Missverständnisse welche klar geklärt werden müssen – die Klinik Beau-Site bleibt eine Herzklinik mit ihrem bisherigen Spektrum», ist Dennler überzeugt.

Wie Urs Birchler, Direktionspräsident des Inselspitals, auf Anfrage sagt, wäre das Inselspital von den Räumlichkeiten her in der Lage, die Herzoperationen der Klinik Beau-Site zu übernehmen. Es bräuchte aber eine gewisse Anlaufzeit, bis auch das nötige Personal zur Verfügung stünde.

«Kopfschütteln»

Dass die Klinik Beau-Site keine Operationen am offenen Herzen mehr durchführen soll, sei unverständlich, sagt Jean-François Andrey, Direktor des Lindenhofspitals. Die neue Spitalliste habe bei ihm Kopfschütteln ausgelöst, meinte er gestern auf Anfrage. Statt Innovationen zu ermöglichen, zementiere die Liste bestehende Strukturen. Sie bilde zudem medizinische Behandlungsprozesse nicht richtig ab. So könne der Lindenhof gemäss Liste zwar Krebsbehandlungen durchführen, müsse aber für gewisse dazu nötige Operationen die Patienten weiterschicken, obwohl dafür gut qualifizierte Ärzte vorhanden wären. «Wenn man uns belegen könnte, dass dies wirtschaftlich sinnvoll und qualitätsfördernd ist, würden wir das verstehen», so Andrey. Doch die Qualitäts- oder Wirtschaftlichkeitskriterien, die der Kanton anwende, wie etwa die Rehospitalisationen oder die Aufenthaltsdauer, seien zu wenig genau. Ab nächstem Jahr sind der Lindenhof und die Sonnenhof-Kliniken zusammengeschlossen. Weil aber der Kanton auf der Liste die Leistungen pro Standort definiere, sei eine Neuausrichtung gar nicht möglich, so Andrey. Am schärfsten aber kritisiert er die Mengenlimitierung in Form von Maximalfallzahlen und Case-Mix, die der Kanton den Spitälern vorschlägt. «Wir müssten 30 Prozent unserer Fälle abgeben», so Andrey. Wie der Patient von seinem Recht der Wahlfreiheit des Arztes oder des Spitals noch Gebrauch machen könne, sei ihm nicht klar. Auch der Grosse Rat des Kantons Bern hat sich gegen die geplante Mengensteuerung ausgesprochen.

Entscheid noch dieses Jahr

Die Spitäler können bis zum 28.Oktober zu den Vorschlägen der Gesundheits- und Fürsorgedirektion Stellung nehmen. Der Regierungsrat will noch dieses Jahr die Spitalliste verabschieden, sodass sie 2012 in Kraft treten kann. Vorgesehen sind Übergangsfristen von sechs bis zwölf Monaten. Gegen den Entscheid kann beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde eingereicht werden. Im Vergleich zur derzeit gültigen Spitalliste aus dem Jahr 2005 enthält der Entwurf zwei wesentliche Änderungen: Die Leistungsaufträge sind detaillierter und für die einzelnen Standorte eines Unternehmens definiert. Zudem wurde geprüft, ob die Spitäler in den einzelnen Leistungen die Voraussetzungen punkto Qualität und Wirtschaftlichkeit erfüllen.

Berner Zeitung

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