Spider zwingt, Farbe zu bekennen

Der Smartspider hat in zehn Jahren die Schweizer Wahlen erobert. Hat die Demokratie damit auch etwas gewonnen? Die Erfinder sind überzeugt davon. Tiefgreifend verändert hat das Tool die Wahlen aber nicht, findet Politologe Georg Lutz.

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Christoph Aebischer@cab1ane
Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Seit der Verein Smartvote 2003 den Smartspider lancierte, ist die Spinne mit acht Beinen nicht mehr zu stoppen. Mitentwickler Daniel Schwarz hat zwar nichts dagegen, für ihn sind aber andere Tools – insbesondere der Fragebogen, auf dem das individuelle Diagramm basiert, fast wichtiger. Mittlerweile ist ein solches Profil für Kandidatinnen und Kandidaten vor Wahlen fast schon ein Muss. Für die SVP Kanton Bern gehört es zum «Standard».

Hat der Spider aber mehr Qualität gebracht? Schwarz ist überzeugt davon. Da alle dieselben Fragen beantworten müssten, sei «Rosinen picken» nicht mehr möglich. Die politischen Überzeugungen träten klar zutage, weil Kandidierende Farbe bekennen müssten. Dank der Fremdeinschätzung sei ein systematischer Vergleich der Kandidierenden möglich. «Subjektiv bleiben natürlich die Antworten», räumt Schwarz ein. Doch müssten Politiker immerhin damit rechnen, darauf behaftet zu werden.

«Zur Cashcow wurde das Angebot bislang nicht», ergänzt Schwarz. Abgegolten werde der Aufwand von Gemeinden, Parteien, via Medienpartnerschaften und punktuell von Stiftungen.

«Wo stehe ich? Wer passt zu mir?»

Für Politologe Georg Lutz, der nicht beteiligt ist am Projekt, ist das Instrument ein Gewinn. «Dazu muss man nur schauen, wie sonst ausgewählt wird: ein netter Kopf, ein treffender Spruch oder Verbandszugehörigkeiten, sogar simple Sympathie entscheiden, ob man den Namen auf die Liste setzt oder nicht.» Insofern mache Smartvote die Auswahl schon objektiver.

Das Instrument helfe, folgende Fragen zu beantworten: «Wo stehe ich? Wer passt dazu?» Kritikpunkte gibt es auch: Exakt messbar, wie die Diagramme suggerieren, sind politische Überzeugungen natürlich nicht. Lutz zieht in Zweifel, ob die Darstellung mit acht Achsen der politischen Wirklichkeit entspricht. Oft seien es eher bipolare Beziehungen, etwa mehr oder weniger Staat. Moniert worden sei auch schon die Auswahl der Fragen und deren Zuordnung.

Schwarz von Smartvote kennt die Kritik. Es habe auch schon Druckversuche gegeben. Als Beispiel führt er die Atomausstiegsfrage an. Sie gehört für ihn klar auf die Umweltschutzachse. Atombefürworter sähen es aber gerne, wenn Atomenergie ebenfalls dort angesiedelt würde. Immerhin sei der Kohlendioxidausstoss vergleichsweise niedrig und ein Atomkraftwerk daher klimafreundlich.

Grundsätzliche Bedenken an Smartvote wurden bisher keine geäussert. Das hängt auch mit der Integrität der Macher zusammen: Lutz attestiert ihnen Transparenz und Unabhängigkeit. «Das haben sie in den vergangenen Jahren bewiesen.»

Was meint er zu je nach Wahlanlass abweichenden Spidern für dieselbe Person, wie zuletzt beim neuen Könizer Gemeindepräsidenten Ueli Studer (SVP)? Dieser positionierte sich gegenüber den Nationalratswahlen von 2011 deutlich moderater. «Das kann Sinn machen», sagt Lutz. Schliesslich gehe es um ein anderes Betätigungsfeld. Schwarz ergänzt, dass dem Profil auch andere Fragebogen zugrunde lägen, was Differenzen ebenfalls erklären könne. Er betont, dass Anwärter auf ein politisches Mandat nicht beliebig an ihrem Spider herumdoktern könnten. «Normalerweise bleibt das Profil nach dem Abschicken des Fragebogens fix.» Nur bei offensichtlichen Irrtümern biete man Hand für Korrekturen.

Wesen der Wahlen nicht verändert

Hat das neue Tool nun die Schweizer Demokratie mehr als nur optisch verändert? So weit würde Politologe Lutz nicht gehen. Denn meist sei das neue Instrument nur ein Element unter vielen beim individuellen Entscheid. Die Forschung habe die Tendenz ausgemacht, dass Smartvotenutzer eher dazu neigten, ihren Wahlzettel aus mehreren Listen zusammenzustellen – das heisst, Kandidierende zu panaschieren. Ein anderer Befund lautete, dass das Tool die Wahlbeteiligung tendenziell erhöhe. Doch Lutz zweifelt an der Aussagekraft dieser Resultate: «Wer Smartvote benutzt, ist an sich schon politisch interessierter als der Durchschnitt, geht also mit Wahllisten versierter um und wählt auch öfter», erläutert er.

Schweizer Innovation

Smartvote und der dazugehörige Spider ist eine Schweizer Errungenschaft. Die hiesige Kandidatenflut und die relativ schwache Parteiräson hat laut Lutz ein gutes Biotop geboten für die Innovation. Mittlerweile wird das Instrument auch im Ausland fleissig kopiert. Dabei machte Lutz eine interessante Beobachtung: «Dort, wo parteiabweichende Standpunkte zum Problem für den Kandidaten werden, hat es einen eher schweren Stand.»

Testen Sie selber: Unter smartvote.bernerzeitung.ch können Sie Ihr eigenes Smartvote-Profil erstellen und dann abgleichen mit denjenigen der Grossratskandidatinnen und -kandidaten. Bis jetzt haben schon deutlich über 1000 davon ihre Profile freigeschaltet. Auch die meisten Regierungskandidaten sind bereits vertreten.

Details zu den Profilen von Regula Rytz, Christian Wasserfallen und Adrian Amstutz. finden Sie hier

Lesen Sie auch: Warum der fiktive Regierungsrat Beat Zoss mit seinem Smartvote-Profil nicht zufrieden ist.

Berner Zeitung

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