Sozialarbeiter reagieren auf Sozialbericht

Der Berufsverband der Sozialarbeitenden im Kanton Bern begrüsst den «differenzierten Bericht» des Berner Regierungsrats zur Armut im Kanton Bern. Er vermisst darin aber Aussagen zur sozialen Verantwortung der Wirtschaft.

Gut 20 Prozent ist das Einkommen der ärmsten Haushalte im Kanton Bern seit 2001 gesunken.

Gut 20 Prozent ist das Einkommen der ärmsten Haushalte im Kanton Bern seit 2001 gesunken. Bild: Keystone

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«Arbeitgebende entscheiden, ob existenzsichernde Löhne bezahlt werden oder nicht. Existenzsichernde Löhne könnten vielen Menschen ein Leben in Armut oder in Abhängigkeit ersparen», schreibt die Sektion Bern von AvenirSocial in einer Mitteilung vom Dienstag.

Wenn ein 100-Prozent-Lohn nicht ausreiche, um die Existenz von Einzelpersonen zu sichern, sei das «ein Skandal», steht weiter in der Mitteilung. «Gleichzeitig schützen unsere Sozialversicherungen immer lückenhafter.» Mit sieben hat die Regierung in den Augen von AvenirSocial auch zu wenige der 22 Massnahmen priorisiert.

AvenirSocial selbst hält unter anderem folgende Massnahmen für geeignet, um die Armut zu überwinden: Ergänzungsleistungen für Working-Poor-Familien, Mindestlöhne statt Sozialhilfe, Stipendien statt Sozialhilfe für Junge und Erwachsene sowie eine bezahlbare, entwicklungsfördernde familienergänzende Kinderbetreuung.

Auch für SP braucht es mehr Massnahmen

Die SP des Kantons Bern schreibt in einer Mitteilung zum dritten Sozialbericht, mit Besorgnis habe sie die neuen Zahlen zur Kenntnis genommen. Sie unterstützt zwar die Vorschläge der Regierung, fordert aber weitergehende Massnahmen, um die Armut bis 2019 zu halbieren.

Auch die SP möchte Ergänzungsleistungen für Familien sowie verstärkte Unterstützung der Familien bei der Frühförderung von Kindern im Vorschulalter. Zudem brauchten Arbeitslose und Erwachsene ohne Berufsbildung mehr Support und die Integration von Ausländern müsse verbessert werden.

Lob von Caritas Bern

Uneingeschränktes Lob bekommt der Regierungsrat für seinen Sozialbericht 2012 von der Caritas Bern. Dieser sei eine «ausgezeichnete, ungeschminkte Analyse der aktuellen Armutssituation im Kanton Bern und schlägt umfassende wirkungsvolle Einzelmassnahmen vor».

Die EVP Kanton Bern lobt den Bericht zwar auch, dieser gehe aber zu wenig weit. Insbesondere die rasche Einführung von Ergänzungsleistungen für Familien fordert die EVP.

Avenir Social sowie die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und die Römisch-katholische Landeskirche Kanton Bern loben den Sozialbericht und die daraus resultierenden geforderten Massnahmen.

Die SVP, welche die Motion Lüthi im Juni 2010 als einzige Grossratsfraktion abgelehnt hatte, kommt jetzt nach dem Studium des Sozialberichts 2012 zum Schluss: «Einmal mehr betreibt Regierungsrat Perrenoud Ideologie statt Sachpolitik. (cls/ur/sda)

Erstellt: 11.12.2012, 15:01 Uhr

Wer gilt als arm?

Im Kanton Bern sind laut Zahlen aus dem Jahr 2010 rund 12,1 Prozent der Haushalte mit Personen im Erwerbsalter arm oder armutsgefährdet. Das sind etwa gleich viele wie 2008. In diesen insgesamt 40'100 Haushalten leben rund 75'500 Personen.

Armutsgefährdet sind laut dem am Dienstag vorgestellten neuen Sozialbericht des Kantons Bern Personen, die mit 50 bis 60 Prozent des mittleren verfügbaren Einkommens auskommen müssen. Dieses mittlere Einkommen betrug im Kanton Bern im Jahr 2010 46'000 Franken. Die Armutsgefährdungsgrenze zieht der Kanton Bern deshalb bei 27'600 Franken.

Für ein Ehepaar mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Armutsgefährdungsgrenze laut Angaben des Kantons bei 4857 Franken und die Armutsgrenze bei 4047 Franken monatlich. Dieser Betrag muss ausreichen, um den Lebensunterhalt inklusive Mietzins und Krankenversicherungsprämien zu bezahlen.

Als arm gilt, wer über weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens verfügt, also höchstens mit 23'000 Franken auskommen muss. sda

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