«Sexarbeit ist gesellschaftlich unerwünscht»

Gegen neue Bordelle ­formiert sich regelmässig massiver Widerstand. Und dies obwohl Sex und Pornografie dank Internet heute allgegenwärtig sind. Christa Ammann, Leiterin der Fachstelle Xenia, erstaunt das nicht.

Junge Frauen, rotes Licht, sonst aber viel Normalität: Viele Bordelle seien von aussen gar nicht als solche zu erkennen, sagt Christa Ammann.

Junge Frauen, rotes Licht, sonst aber viel Normalität: Viele Bordelle seien von aussen gar nicht als solche zu erkennen, sagt Christa Ammann. Bild: Andreas Blatter

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Christa Ammann, Pläne für ein Bordell haben in Worblaufen wie in Bolligen einmal mehr eine grosse Gegnerschaft mobilisiert. Überrascht Sie das?
Christa Ammann: Nein, leider überhaupt nicht. Das passiert regelmässig, wenn Nachrichten über entsprechende Pläne im Quartier die Runde machen. Trotzdem. Dass Bordelle nach wie vor so viele Ängste auslösen, ist ernüchternd.

Manchmal ist das Bordell schon da, wenn der Rummel losgeht. Wie vor vier Jahren in Wabern.
Diesen Betrieb gibt es nicht mehr. Er war mit den geltenden Zonenvorschriften nicht vereinbar.

Die Situation war überall die gleiche. Die Liegenschaften standen mehr oder weniger mitten im Wohnquartier. Vielleicht sollten die Frauen konsequent nur im Gewerbe- und ­Industriegebiet arbeiten.
Ich habe schon das Gefühl, dass der Widerstand in den Wohngegenden grösser ist. In einer typischen Arbeitszone lässt man Sexarbeit viel eher nach dem Motto «Aus den Augen, aus dem Sinn» gewähren. Man findet sie zwar vielleicht nicht gut, man empört sich aber auch nicht lauthals.

Also siedelt man das Sexgewerbe einfach im Gewerbegebiet an, und keinen störts.
Für mich ist das nicht die Lösung. Immerhin bietet ein Wohnquartier einen gewissen Schutz. Denken Sie daran, wenn eine Frau um 3 Uhr morgens Feierabend hat: Im Industriegebiet, wo um diese Zeit niemand ist, steht es um ihre Sicherheit schlechter als in einer Siedlung. Dort kann sie im Fall der Fälle schreien und jemanden wecken.

«Die Arbeit der Frauen wird nicht als Tätigkeit, ­sondern als Teil ihres Charakters angesehen.»Christa Ammann

Sie sprachen eingangs von Ängsten und von Vorurteilen. Sollten diese in einer Zeit, in der Sex und Pornografie allgegenwärtig sind, nicht längst überwunden sein?
Allein die dauernde Präsenz bedeutet noch lange nicht, dass die Gesellschaft mit diesen Themen entspannt umgeht. Ich stelle das gerade mit Blick auf die sexuelle Aufklärung fest: Die heutigen Jugendlichen haben kaum weniger Stress mit diesen Fragen, nur weil sie übers Internet einfacher Zugang zu pornografischen Bildern und Videos haben.

Trotzdem. Wenn Sex und Pornografie so selbstverständlich und legal mitten in der Gesellschaft angekommen sind, sollte der Umgang damit viel entkrampfter sein.
Das ändert nichts daran, dass Sexarbeiterinnen nach wie vor stigmatisiert sind – betroffen sind übrigens nicht nur die Sexarbeiterinnen selber, sondern auch ihre Kunden.

Stigmatisiert heisst?
Die Arbeit der Frauen wird nicht als Tätigkeit, sondern als Teil ihres Charakters angesehen. Was sie tun, ist gesellschaftlich unerwünscht. Die Sexarbeit bleibt ein Randphänomen, behaftet mit sehr ­vielen Vorurteilen. Die Sexarbeiterinnen erfahren unverändert Diskriminierung.

Christa Ammann setzt sich für die Sexarbeiterinnen ein. Foto: Adrian Moser.

Eine Nachfrage muss aber vorhanden sein. Sonst würde es nicht immer neue Pläne für ­Bordelle geben.
Ja, aber man steht nicht öffentlich zu dieser Nachfrage. Und pflegt gleichzeitig die alten Werte und Normen mit der idealen Familie und der monogamen Ehe, die Treue bis zum Tod beinhaltet. Einverstanden, diese Bilder mögen sich ein Stück weit aufgeweicht haben. Vorhanden sind sie aber noch immer.

Apropos Familie: Kann man einem Kind wirklich nicht zumuten, auf dem Schulweg neben einem Bordell durchgehen zu müssen? Für die Gegner scheint das jedenfalls undenkbar zu sein.
Grundsätzlich arbeiten in einem Bordell Frauen, und viele dieser Frauen sind Mütter. Von ihnen geht also keine Bedrohung aus. Ähnliches gilt für die Kunden, stinknormale Männer, die aus ­allen Schichten der Gesellschaft stammen. Wenn so argumentiert wird, drückt sich wieder eine Angst aus, die rational nicht zu begründen ist. Oder höchstens so: Man fürchtet den Moment, in dem das Kind fragt, was genau in diesem Haus gearbeitet wird.

Ein Bordell muss also definitiv niemanden stören.
Es gibt keine Garantie, dass es nie laut wird, nie zu einem gewalttätigen Vorfall kommt. Aber vor solchen Vorfälle ist man auch bei anderer Nachbarschaft nie gefeit. Generell gilt, dass die Sexarbeiterinnen und ihre Kunden alles Interesse daran haben, kein Aufsehen zu erregen. Das Bedürfnis nach Diskretion ist auf allen Seiten gross.

«Im Kampf gegen die Sexarbeit drückt sich ein Stück weit auch die Doppel­­moral un­serer ­Gesellschaft aus.»Christa Ammann

Und die sogenannten ideellen Immissionen?
Ideelle Immissionen liegen dann vor, wenn sich jemand in seinem seelischen und sittlichen Empfinden beeinträchtigt fühlt. Nur – eigent­lich ist der Begriff ist ein Widerspruch in sich. Eine Immission entsteht in der Regel beim Verursacher. Hier ist es anders. Die Immission entsteht in den Köpfen der Anwohner, bei den Empfängern also.

Trotzdem wird im Kampf gegen die Bordelle regelmässig mit diesem Begriff gefochten.
Die Rechtsprechung stellt allerdings kaum mehr darauf ab, die Zonenvorschriften sind viel zentraler. Nochmals: Der Widerstand ge­gen die Sexarbeit hat sehr viel mit Vorurteilen und mit Kopf­kino zu tun. Sie gilt nach wie vor nicht als Normalität, wird nur zu gern in die kriminelle Ecke gedrängt.

Zumal niemand weiss, ob sich ­jene, die zu Hause lautstark ­Widerstand markieren, nicht vielleicht andernorts in einem Etablissement vergnügen . . .
Man darf sicher nicht behaupten, dass jeder Bordellgegner ein po­tenzieller Kunde ist. Trotzdem: Im Kampf gegen die Sexarbeit drückt sich sicher ein Stück weit auch die Doppelmoral un­serer Gesellschaft aus.

Sexarbeit ist für sehr viele Leute halt etwas Fremdes, etwas ­Unbekanntes.
Und dann wird nicht mehr aufgrund dessen argumentiert, was tatsächlich ist, sondern nur noch aufgrund dessen, was man sich vorstellt. Die meisten Leute haben in der Tat keinen direkten Kontakt zu Sexarbeiterinnen. Oder wissen zumindest nichts davon: In vielen Fällen ist gar nicht bekannt, dass in der Nachbarschaft oder vielleicht sogar im gleichen Haus eine Frau dem ­Sexgewerbe nachgeht. Erfahren die Leute davon, stört es sie plötzlich. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.04.2018, 09:54 Uhr

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