Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf

Im Kanton Bern ist das Einkommen der ärmsten Haushalte in den Jahren 2001 bis 2010 um gut 20 Prozent gesunken. Die übrigen Haushalte konnten hingegen ihr Einkommen halten oder gar ausbauen.

Gut 20 Prozent ist das Einkommen der ärmsten Haushalte im Kanton Bern seit 2001 gesunken.

Gut 20 Prozent ist das Einkommen der ärmsten Haushalte im Kanton Bern seit 2001 gesunken. Bild: Keystone

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«Das ist ein ernüchterndes Fazit», sagte Regula Unteregger, Vorsteherin des kantonalen Sozialamts, am Dienstag bei der Vorstellung des rund 115 Seiten starken Berichts vor den Medien in Bern. Das mit Abstand grösste Armutsrisiko hätten immer noch alleinerziehende Frauen.

Zwischen 2001 und 2010 ist aber auch die Armutsgefährdung von Personen zwischen 50 und 60 Jahren stark - um rund die Hälfte - gestiegen. Die kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) führt dies darauf zurück, dass immer mehr Leute in diesem Alter nicht mehr arbeiten können.

Gründe sind gesundheitliche Probleme, mangelnde berufliche Qualifikation oder Rationalisierungsmassnahmen in Betrieben.

Im Durchschnitt mehr Einkommen

Seit 2008 ist aber die Armut und Armutsgefährdung im Kanton Bern nicht weiter angestiegen: Sie blieb auf hohem Niveau stabil. 12,1 Prozent aller Haushalte mit Personen im Erwerbsalter sind derzeit im Kanton Bern arm oder armutsgefährdet.

Im Durchschnitt verdient die bernische Bevölkerung auch mehr als noch 2001: Das mittlere Einkommen erhöhte sich um 4,1 Prozent auf rund 46'000 Franken. «Das ist eigentlich vielversprechend», sagte Unteregger.

Präsentiert hat die kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) den neusten Sozialbericht symbolträchtig in der «Speiseanstalt der Untern Stadt Bern», kurz Spysi. Das ist eine Einrichtung, die seit 1877 Personen ohne grosses Portemonnaie für wenig Geld eine warme Mahlzeit bietet. Der Sozialbericht basiert auf den Steuerdaten des Kantons Bern.

Mit sieben Massnahmen gegen Armut

Der bernische Regierungsrat will nun mit sieben Massnahmen gegen die Schere zwischen Arm und Reich vorgehen. Dieses Massnahmenpaket geht auf einen Auftrag des Grossen Rats zurück: Im Juni 2010 überwies das Kantonsparlament sehr deutlich einen Vorstoss, der einen Massnahmenplan zur Bekämpfung der Armut verlangt.

Ursprünglich legte die GEF sogar 22 Massnahmen vor. Doch hat die Regierung wegen der gegenwärtig schwierigen Lage seiner Finanzen die Massnahmen nach Wichtigkeit geordnet.

Sieben Massnahmen sind nun solche erster Priorität. Zu diesem Paket gehören die Harmonisierung der Stipendien und der Sozialhilfe, die Schaffung einer Beratungskette, die Begleitung von Jugendlichen bis zu einer Anschlusslösung nach der Ausbildung und der weitere Ausbau schulergänzender Kinderbetreuung.

Es gehe darum, bestehende Instrumente zu optimieren und die Armutsprävention zu stärken, sagte der kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektor Philippe Perrenoud an der Medienkonferenz. Im Juni 2013 will er das Massnahmenpaket dem Grossen Rat zur Diskussion vorlegen.

Dannzumals geht es noch nicht um direkte Finanzierungsentscheide. Später aber sei für die Umsetzung der priorisierten Massnahmen mit Kosten von rund 10 Millionen Franken zu rechnen, sagte der Gesundheits- und Fürsorgedirektor.

Halbierung der Armut: Perrenoud hält an Ziel fest

Perrenoud sagte weiter, er halte am 2008 formulierten Ziel fest, die Armut im Kanton Bern innert zehn Jahren zu halbieren. «Vielleicht», fügte er aber an, «erreichen wir unser Ziel mit etwas Verspätung».

Am Ziel gelte es festzuhalten, weil Armut kein vorübergehendes Phänomen sei. Das zeigten die nunmehr drei Sozialberichte aus den Jahren 2008 bis 2012. Die Armut müsse bekämpft werden, weil die betroffenen Menschen unter den damit verbundenen Einschränkungen litten.

Auch könne es sich die Gesellschaft nicht leisten, dass rund ein Zehntel der Bevölkerung in prekären Verhältnissen lebe. Armut sei für die Demokratien eine Gefahr, so Perrenoud. (cls/sda)

Erstellt: 11.12.2012, 10:24 Uhr

Wer gilt als arm?

Im Kanton Bern sind laut Zahlen aus dem Jahr 2010 rund 12,1 Prozent der Haushalte mit Personen im Erwerbsalter arm oder armutsgefährdet. Das sind etwa gleich viele wie 2008. In diesen insgesamt 40'100 Haushalten leben rund 75'500 Personen.

Armutsgefährdet sind laut dem am Dienstag vorgestellten neuen Sozialbericht des Kantons Bern Personen, die mit 50 bis 60 Prozent des mittleren verfügbaren Einkommens auskommen müssen. Dieses mittlere Einkommen betrug im Kanton Bern im Jahr 2010 46'000 Franken. Die Armutsgefährdungsgrenze zieht der Kanton Bern deshalb bei 27'600 Franken.

Für ein Ehepaar mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Armutsgefährdungsgrenze laut Angaben des Kantons bei 4857 Franken und die Armutsgrenze bei 4047 Franken monatlich. Dieser Betrag muss ausreichen, um den Lebensunterhalt inklusive Mietzins und Krankenversicherungsprämien zu bezahlen.

Als arm gilt, wer über weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens verfügt, also höchstens mit 23'000 Franken auskommen muss. sda

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