«Scheinkandidatur»: Joder fährt Rösti an den Karren

Bei der SVP geht es weiterhin rund. Während Rudolf Joder an seiner Kandidatur festhält, erodiert sein Unterstützungskomitee. Dafür teilt er aus gegen Albert Rösti.

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«Für mich hat sich nichts Wesentliches geändert», sagte Nationalrat Rudolf Joder am Donnerstag auf Anfrage. Deshalb bleibe er Ständeratskandidat. «Die Kandidatur von Albert Rösti ist für mich eine Scheinkandidatur und unglaubwürdig», erklärt er. Für ihn sei klar, dass der SVP-Kandidat sich voll auf den Ständeratswahlkampf konzentrieren müsse. Rösti habe bisher immer erklärt, ihm fehle als schweizerischer Wahlkampfleiter der SVP die Zeit. «Die fehlt ihm weiterhin», sagt Joder.

Während sich für den Kandidaten Joder nichts geändert hat, tönt es bei Mitgliedern seines Unterstützungskomitees anders: «Wir haben eine neue Ausgangslage», findet Thomas Knutti, Präsident des Landesteilverbandes Oberland. Die Chancen Joders seien nun deutlich geringer, mit Albert Rösti stehe ein «Zukunftsträger» zur Wahl. Man werde mit Joder die Lage neu beurteilen müssen, sagt Knutti. Aber sollte er bei seiner Kandidatur bleiben, stehe er zu seinem Wort.

Im Dilemma

Mit dem Dilemma der frühen Festlegung kämpft nicht nur Knutti. Ähnlich tönt es beim Präsidenten des Landesteilverbandes Oberaargau. Christian Hadorn lobt den Kandidaten Rösti, um gleichzeitig zu betonen, dass er zu seinem Entscheid stehe. Und dass er Joders Komitee als Einzelperson und nicht im Namen des Landesteilverbandes angehöre. Das sagt auch der Seeländer Martin Schlup, der zunächst sogar in der Vergangenheitsform von seiner Mitgliedschaft im Komitee spricht. Auch Schlup hält nun eine Lagebeurteilung für nötig.

Über die Bücher geht voraussichtlich auch die Junge SVP, deren Präsident Erich Hess dem Komitee mit dem Segen der Basis angehört. Gestern sagte Hess, im Vordergrund müsse die beste Strategie für die Partei und nicht das Personal stehen. «Wir werden die neue Ausgangslage sicher noch einmal diskutieren müssen». Mit Rösti stehe nun ein «sehr aussichtsreicher Kandidat zur Verfügung».

Albert Rösti selbst gab sich gestern Morgen am Rand der Session kampfeslustig: «Ich will nicht nur kandidieren, sondern auch gewinnen», erklärte er. Er habe sich erst Anfang Woche zu diesem Schritt entschlossen, nachdem ihn Werner Salzmann eindringlich darum gebeten habe. «Ich habe intensiv mit ihm gesprochen», bestätigt Parteipräsident Salzmann.

Er habe sich im Frühling von der Bundeshausfraktion davon überzeugen lassen, dass seine Ständeratskandidatur der Nationalratsliste Schub verleihen könne. Nun habe er aber realisiert, dass dieses Vorgehen bei der Basis auf breite Kritik gestossen sei. Zusätzlich habe sich die Situation rund um die Kandidaturen so weit zugespitzt, dass er als Präsident in einen internen Konflikt verwickelt zu werden drohte. Deshalb habe er verzichtet.

Personalprobleme

Hintergrund der turbulenten Kandidatensuche sind zwei Personalien in der Berner SVP. Zum einen haben sich Rudolf Joder und die übrigen Berner SVP-Nationalräte so weit auseinandergelebt, dass sie Joders Versuch, die Amtszeitbeschränkung durch einen Wechsel ins Stöckli zu umgehen, offen zu verhindern versuchen.

Zum andern harrt der Oberländer Nationalrat Hansruedi Wandfluh seit längerer Zeit im Nationalrat aus, obwohl er eigentlich zurücktreten möchte. Dann aber würde der 68-jährige jurassische Ex-Nationalrat Jean-Pierre Graber nachrutschen, was ausser Graber niemand in der SVP zu wollen scheint. Nachdem Peter Brand an seiner Stände-ratskandidatur festgehalten hatte, wuchs die Chance, dass Rudolf Joder als lachender Dritter nominiert würde und als Abschiedsgeschenk seinen Sitz an Jean-Pierre Graber abtreten würde.

Spannende Ausmarchung

Alles deutet darauf hin, dass Joder sein Powerplay durchzieht. Zumindest geht er verbal in die Offensive: Wie die Berner SVP mit ihrem Präsidenten umgehe, halte er für sehr problematisch, sagte Joder in Anspielung auf dessen Rückzug. Und die Argumentation, wonach eine Kandidatur für National- und Ständerat gleichzeitig der Partei Schub verleihe, stimme nicht. Diese Strategie von Adrian Amstutz sei falsch und rühre vermutlich daher, «dass er seine Abwahl als Ständerat nicht verkraftet hat». Insofern hat die Kandidatur von Albert Rösti eine Klärung gebracht: Nun wird der Konflikt dort ausgetragen, wo er ist. In der Bundeshausfraktion.

Berner Zeitung

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