«Polizisten erleben Gewalt, Familiendramen und Schicksale»

Eine Fotoausstellung zeigt den Alltag der Polizeiarbeit. Stefan Blättler, Kommandant der Kapo Bern, spricht über das Image der Polizei, Gewalt gegen Beamte, die Reitschule und Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät.

  • loading indicator
Tobias Habegger@TobiasHabegger

Stefan Blättler, sind Sie gerne Polizist? Stefan Blättler: Ja, sicher. Wir Polizisten haben mit Menschen zu tun. Kein Tag ist wie der andere.

Dafür hat die Polizei ein Imageproblem? Die ETH publiziert jedes Jahr ein Ranking über die Institutionen, denen die Bürger am meisten vertrauen. In dieser Rangliste ist die Polizei seit Jahrzehnten einsamer Spitzenreiter.

Weshalb braucht es – getreu dem Titel der Ausstellung – einen zweiten Blick auf die Polizei? Der Polizist ist nur auf den ersten Blick eine Person, die den Autofahrern eine Busse verteilt. Polizisten leisten auch erste Hilfe, sie schlichten bei Auseinandersetzungen, befragen Menschen, machen Lagebeurteilungen. Die Kantonspolizei Bern wird jeden Tag mit Todesfällen konfrontiert. Darunter sind auch Fälle mit Kindern. Wir erleben Familiendramen und Schicksale.

Mit welchen Schwierigkeiten kämpft die Polizei? Wir stellen im Alltag eine zunehmende Gewalt fest. Gewalt gegen Personen. Gewalt gegen Sachen – und auch gegen die Polizei. Wir fragen uns: Was können wir dafür tun, die Entwicklung zu stoppen?

Als Polizist kann man quasi nur verlieren – egal was man macht, irgendjemand ist unzufrieden. Ich erlebe es anders. Auf meinem Pult finde ich oft Dankesbriefe, etwa von einer Mutter, deren Kind wir weinend im Shoppingcenter gefunden haben. Oder ältere Leute, denen wir die verlorene Kreditkarte zurückbringen. Aber ich verstehe die Frage: Leider wird Kritik lauter artikuliert als Lob. Gerade in den Leserkommentaren der Onlinemedien.

Lesen Sie diese Kommentare? Nein, um Gottes Willen, dafür fehlt mir die Zeit. Aber ich höre davon, wenn es strub wird. Glauben Sie mir: Ich ärgere mich nicht über kritische Kommentare. Manchmal gibt es ein Kopfschütteln, manchmal auch ein Lachen.

Wie war die Zusammenarbeit mit den MAZ-Studenten für die Fotoausstellung? Unsere Mitarbeiter mussten mit den Fotografen einen Weg finden, damit beide ihre Arbeit machen konnten.

Gab es brenzlige Situationen, etwa ihn der Krawallnacht nach «Tanz dich frei»? Pressefotografen müssen lernen, mit solchen Situationen umzugehen. Natürlich haben die Polizisten auf die Fotografen geschaut.

War das eine Art eingebetteter Journalismus? Nein. Die Fotografen hatten freie Hand. Auch bei der Bildauswahl.

Welches Bild gefällt Ihnen am besten? Jenes, auf dem sich Mitarbeitende um die Abklärungen zu einer verstorbenen Person kümmern, die freiwillig aus dem Leben ging. Das Bild berührt mich. Und es macht mir Freude, weil die Polizisten mit Respekt vor dem Menschen ans Werk gehen.

Apropos Respekt: Wie hat sich der Respekt der Bevölkerung vor der Polizei verändert? Es wäre falsch, den jungen Menschen beizubringen, der Lehrer oder der Polizist habe immer recht. Vor 30 Jahren hat man das noch getan. Doch heute wollen wir eine kritische Generation, welche die Vorgaben der Autoritätspersonen hinterfragt. Das ist gut so. Trotzdem gibt es eine zweite Art von Respekt. Dabei geht es um die Frage, wie man Kritik äussert und wie man Autoritäten behandelt. Vor der Polizei soll niemand Respekt haben, weil wir Uniformen tragen. Wir fordern Respekt für die Menschen, die diese Arbeit tun.

Gibt es in der Stadt Bern Orte, wo die Polizei weniger Respekt geniesst als anderswo? Es gibt kaum ein Land, das weniger Polizisten hat pro Einwohner, als die Schweiz. Der Grund: Wir dürfen immer noch stark aufs Prinzip Zivilcourage bauen. In der Schweiz herrscht nach wie vor eine Art soziale Kontrolle.

Gibt es in Bern Zonen, wo diese Zivilcourage fehlt? Ja, zum Beispiel in gewissen Kreisen der Fussballfanszene oder rund um die Reitschule. Doch auch da kam zuletzt eine Diskussion in Gang, die mir Hoffnung macht.

Fehlt hier neben der Zivilcourage auch die Courage der Politiker? Beim Fussball sehe ich eine Entwicklung. Die Gewaltdiskussion hat bei Politikern, Funktionären und Fans eine Sensibilität fürs Problem entwickelt. In letzter Zeit konnten wir die YB-Spiele mit weniger Personal bewältigen.

Wie sieht die Situation bei der Reitschule aus? Gewisse Stimmen aus dem Umfeld der Reitschule haben sich Ende Juli von der Gewalt distanziert. Auf dieser Basis können wir zusammen Lösungen suchen.

Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) hat gefordert, die Polizei solle härter durchgreifen. Ohne Kenntnis aller Faktoren ist es auch für Politiker manchmal schwer, die Komplexität der Polizeiarbeit einzuschätzen.

Was macht einen Polizeieinsatz bei der Reitschule so komplex? Wir können nicht einfach reinspazieren und ohne Beweise jemanden festnehmen. Wir wissen nicht im Voraus, wann auf der Schützenmatte Flaschenwürfe stattfinden. An einem Wochenende ohne angekündigte Demos oder Grossanlässe stehen nicht 600 Polizisten auf Abruf.

Es kann aber nicht im Sinn des Polizeikommandanten sein, dass es in Bern (zumindest für Autofahrer ) No-go-Areas gibt. Wenn ich eine Beiz hätte, bei der es immer wieder Schlägereien gibt, würde ich vom Geranten verlangen, dass er selber die Polizei anruft und mit ihr zusammenarbeitet. Tut er das nicht, dann wechsle ich ihn aus.

Anders gesagt: Die Politiker sollten bei der Reitschule die Betreiber auswechseln? Das müssen die Politiker beantworten. Betreffend der Reitschule stelle ich zumindest fest, dass Anzeichen für eine Veränderung bestehen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt