Nur jeder zehnte Verwaltungsrat kommt aus dem Ausland

Der Einfluss von ausländischen Verwaltungsräten auf bernische Firmen liegt unter dem Schweizer Durchschnitt. Deutsche sind am häufigsten in den kantonalen Aufsichtsgremien vertreten. Für Aufmerksamkeit sorgen aber die Chinesen.

Enge Bande zur Swatch Group: George Clooney ist Verwaltungsrat einer Tochter­firma und wirbt für Omega.

Enge Bande zur Swatch Group: George Clooney ist Verwaltungsrat einer Tochter­firma und wirbt für Omega. Bild: Keystone

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Der wohl prominenteste ausländische Verwaltungsrat eines Berner Unternehmens heisst George Clooney. Der Hollywoodstar sitzt seit Mai 2008 im Aufsichtsgremium der Belenos Clean Power AG mit Sitz in Biel. Die Tochtergesellschaft der Schweizer Uhren­gruppe Swatch Group ist darauf spezialisiert, saubere Energie sowie die Zukunft der Mobilität zu erforschen. Soeben hat Belenos angekündigt, eine Art Superbatterie für Elektroautos herstellen zu wollen. Verbürgt ist, dass Clooney für sein Mandat kein Sitzungsgeld erhält und dass er am Aktienkapital von Belenos mit einem Minderheitsanteil beteiligt ist.

Der 56-jährige Schauspieler aus den USA gehört zu jenen knapp 8900 Ausländern, die dem Verwaltungsrat einer Firma mit Sitz im Kanton Bern angehören. Das entspricht einer Ausländerquote von 11 Prozent in den bernischen Aufsichtsgremien, wie eine Analyse von Daten der Wirtschaftsauskunftei Crif durch diese Zeitung ergeben hat (siehe Kasten). Weil der Verwaltungsrat die Strategie eines Unternehmens bestimmt, lässt sich anhand der Zahl der Nichtschweizer der Einfluss aus dem Ausland abschätzen.

Berner Firmen immun

Im Vergleich zum gesamtschweizerischen Durchschnitt von 20 Prozent ist der Ausländeranteil in den bernischen Verwaltungsräten gering. «Ein Grund könnte sein, dass im Kanton Bern sehr viele kleinere und mittlere Unternehmen angesiedelt sind», sagt Heidi Hug, Sprecherin von Crif. «Diese Firmen sind lokal oder national tätig und richten ihren Fokus weniger international aus.»

Am häufigsten sitzen Deutsche in den bernischen Aufsichtsgremien, gefolgt von Italienern und Franzosen. Ein klingender Name ist etwa Alexander von Witzleben. Der Hamburger Manager ist Verwaltungsratspräsident des börsenkotierten Autoindustriezulieferers Feintool mit Sitz in Lyss.

Die Bedeutung englischsprachiger Verwaltungsräte – Stichwort George Clooney – ist klein. Die Briten landen auf Platz 9 von total 141 vertretenen Nationen, die US-Amerikaner auf Rang 13. Die Australier tauchen auf der 32. Position auf.

Chinesen auf dem Vormarsch

Dafür lohnt es sich, einen Blick auf die Verwaltungsräte aus China zu werfen. Gesamtschweizerisch betrachtet ist es diese Gruppe, die am meisten auffällt. «Wir beobachten einen markanten Anstieg von einem tiefen Niveau aus», sagt Heidi Hug vom Crif. Von 2008 bis 2016 hat sich die Zahl der chinesischen Verwaltungsräte in Schweizer Unternehmen auf 526 verfünffacht. Das nährt Befürchtungen, wonach die Chinesen Schweizer Unternehmen unterwandern und Spitzentechnologie ins Reich der Mitte abzügeln.

Im Kanton Bern sind chinesische Verwaltungsräte ebenfalls eine aktive Gemeinschaft. 152 Staatsangehörige aus China haben Einsitz im Aufsichtsgremium eines bernischen Unternehmens genommen. Die meisten von ­ihnen sind dank Neugründungen in diese Ämter gelangt. Unter den kleinen Firmen bis 250 Mitarbeiter fallen Anbieter von traditioneller chinesischer Medizin, Reisebüros mit China-Bezug, chinesische Gastronomiebetriebe und Beratungsfirmen auf.

Weiter haben Ansiedelungen der kantonalen Wirtschaftsförderung Unternehmen aus China nach Bern gelockt. Bekannte Beispiele sind die beiden Telecomfirmen Huawei und ZTE, welche ihre Schweizer Ländergesellschaften in Liebefeld respektive Bern eröffnet haben. Huawei Schweiz beschäftigt inzwischen an drei Standorten 340 Mitarbeiter. Der Verwaltungsrat besteht aus drei Chinesen.

Schliesslich ist es zu Übernahmen von bernischen Unternehmen durch Chinesen gekommen, was sich wiederum in der Zusammensetzung der Verwaltungsräte widerspiegelt. So hat die Investorengruppe Baoshida im Jahr 2013 das ehemalige Swissmetal-Werk im bernjurassischen Reconvilier gekauft. In dessen zweiköpfigen Aufsichtsgremium sitzen ausschliesslich Chinesen.

Der Unternehmer Xiangdong Zhao hat sich 2014 und 2015 das Familienhotel Jungfrau und das Hotel Schützen in Lauterbrunnen angeeignet. Der Hotelier ist Verwaltungsrat beider Hotels.

So ticken die Chinesen

Wie chinesische Verwaltungsräte ticken, weiss Felix Sutter, Präsident der schweizerisch-chinesischen Handelskammer: «Sie sind einerseits sehr konsensorientiert, andererseits aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds an Hierarchien gewohnt.» Dies bedeute, dass vor allem im Umfeld von staatsnahen chinesischen Betrieben Entscheidungen mit Ansprechpartnern in China und in der Schweiz diskutiert würden und somit eine Entscheidungsfindung länger dauern könne.

Bei nicht staatlichen Unternehmern hingegen sei die Autorität des Besitzers und des Verwaltungsratspräsidenten zu achten und zu nutzen, so Sutter: «Da können Entscheidungen sehr schnell gefällt und auch mit den richtigen Argumenten beeinflusst werden.»

George Clooney jedenfalls hat als Unternehmer ebenfalls an Ansehen gewonnen. Er und seine Geschäftspartner verkaufen die gemeinsame Tequila-Marke Casamigos für eine Milliarde Dollar an den britischen Spirituosenkonzern Diageo, wie Ende Juni bekannt wurde.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.07.2017, 06:19 Uhr

Datencheck

Die Wirtschaftsauskunftei Crif (vormals Orell-Füssli-Wirtschaftsinformationen) mit Sitz in Zürich hat dieser Zeitung exklusiv einen Datensatz mit umfangreichen Informationen zu allen aktiven Firmen mit Sitz im Kanton Bern zur Verfügung gestellt. Per Mai 2017 waren dies knapp 56 000 privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen. Nicht eingeschlossen sind demnach die staatlichen Verwaltungen. Die Angaben zu Umsatz, Anzahl Mitarbeiter, Rechtsform, Tätigkeitsgebiet, Besitzverhältnisse, Geschäftsführung und Verwaltungsrat basieren hauptsächlich auf dem Handelsregister sowie öffentlich zugänglichen Geschäftsberichten. Das Crif pflegt seine Daten aber auch mit eigenen Recherchen und Schätzungen. Die Analyse der bernischen Firmen durch diese Zeitung erlaubt es erstmals, das kantonale Wirtschaftsgefüge im Detail zu durchleuchten. In drei Beiträgen präsentieren wir unsere Ergebnisse. Bisher erschienen: die typische Berner Firma (Ausgabe vom 3. Juli 2017). met

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