Neues Tarifsystem ist besser als sein Ruf

In gut einem Jahr führen die Spitäler ein neues Tarifsystem ein, das für einigen Wirbel sorgt. Gesundheitsexpertin Brigitte Sens hat in Deutschland die Auswirkungen dieses Systems analysiert. Sie empfiehlt der Schweiz Gelassenheit.

hero image

Deutschlands Spitäler arbeiten schon seit einigen Jahren mit Fallpauschalen (DRG). Welches waren die Bedenken am Anfang? Brigitte Sens: Man war besorgt, es werde am Patienten etwas eingespart. Es wurden grauslichste Geschichten erzählt, etwa dass nach einer Hüftoperation aus Kostengründen keine Blutkonserven verabreicht würden. Die Angst war, dass man Patienten zu früh entlässt und dass die Krankenhäuser «Rosinen» – also lukrative Patienten – picken.

Sie haben diese Dinge untersucht und gaben Entwarnung. Ja, bei all den Befürchtungen hatte man übersehen, dass Krankenhäuser bestrebt sind, ihr Image zu halten und deshalb gute Qualität anbieten wollen.

Patienten haben also nichts zu befürchten? Wir konnten nichts beobachten, was sich in der realen Versorgung der Patienten verschlechtert hat. Es wird eben anders, also effizienter versorgt. Ich muss aber fairerweise sagen, dass wir einen Unterschied der Qualität vor und nach DRG nicht messen können, weil es dazu leider keine Daten gibt. Wir haben aber nach wie vor eine sehr hohe Krankenhausdichte und im Verhältnis zur Einwohnerzahl eine erheblich höhere Bettenzahl als im internationalen Vergleich. Bei unserer Befragung sagten zudem weit über 80 Prozent der Patienten, die Qualität der Behandlung sei gut oder sehr gut. Aber Sie haben auch die zuweisenden Ärzte gefragt, und diese äusserten sich kritisch. Ja, sie sagten, die Patienten würden zu früh aus dem Spital entlassen.

Also doch? Sie sagten zwar zu früh, meinten das aber verglichen mit der bisherigen Gewohnheit – und nicht gemessen am Bedarf. Unabhängig von DRG hat sich der Krankenhausaufenthalt seit Ende der 90er-Jahre kontinuierlich verkürzt. Die befragten Ärzte setzten eine frühere Entlassung mit einer schlechteren Qualität gleich. Dem ist aber nicht so. Kein Patient liegt gerne im Krankenhaus, sondern er freut sich, wenn er noch am Freitag entlassen wird.

Sind Sie sicher, dass sich jemand freut, am Freitagabend entlassen zu werden, der allein stehend ist und Hilfe braucht? Nein, wer alleine lebt und nicht zur Apotheke gehen kann, für den ist das ein Problem. Für solche Patienten muss der Austritt deshalb perfekt organisiert werden. Das wird vielerorts nicht gemacht. An dieser Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung haben wir die einzige negative Auswirkung von DRG festgestellt.

Nämlich? Man hat versäumt, die kürzere Verweildauer im Krankenhaus durch eine bessere Übergangslösung in die ambulante Versorgung zu kompensieren. Einige Patienten brauchen für die Entlassung aus dem Krankenhaus keine Hilfe. Andere aber schon. Hier sind deshalb sehr intelligente und effektive Systeme nötig, damit jeder Patient genau mit dem entlassen wird, was er braucht.

Hier versagt das DRG-System? Es verschärft ein bestehendes Problem. Dieses besteht darin, dass in Deutschland und auch in der Schweiz stationäre und ambulante Behandlungen klar voneinander abgegrenzt werden.

Lässt sich dieses Problem lösen? Ja, und einige Krankenhäuser haben es auch gelöst. Sie haben zum Beispiel eigene Pflegedienste oder ein Entlassungsmanagement eingerichtet. Für die Zukunft könnten wir uns für bestimmte Eingriffe eine sektorübergreifende DRG vorstellen, die den ambulanten Versorgungsbereich mit abdeckt.

Ihre Studie zeigt, dass Pflegende seit DRG eine höhere Arbeitsdichte haben. Was heisst das? Früher waren die voll ausgebildeten Pflegefachkräfte für alles zuständig, was auf der Station zu tun war, bis hin zum Essenverteilen. Das hat sich geändert, es wurden Pflegestellen abgebaut und durch Hilfskräfte, etwa Pflegehelferinnen, ersetzt. Diese Entwicklung ist richtig, die Pflege soll sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren können. Von den Pflegenden werden diese Konzentration und das Abgeben von einfacheren Tätigkeiten an Hilfskräfte aber als höhere Arbeitsdichte empfunden. Wir erachten die Pflegenden im jetzigen Zeitpunkt als richtig ausgelastet, weitere Konzentrationen sollte es jedoch nicht mehr geben.

Die Versorgung sei anders geworden, aber nicht schlechter, stellten Sie fest. Ist sie besser geworden? DRG hätte auch ein Instrument der Modernisierung sein sollen, ein Anreiz, die Prozesse und damit auch die Qualität zu optimieren. Das ist noch nicht in dem Masse erfolgt, wie wir das erwartet hätten. Nur 2 von 30 Krankenhäusern haben die Prozesse durchgängig neu organisiert. Diese 2 haben in unserer Studie auch besser abgeschnitten.

Es braucht also noch mehr Druck? Böse formuliert könnte man sagen, dass es den Krankenhäusern in den letzten Jahren finanziell immer noch zu gut ging, sodass Sie es offensichtlich nicht nötig hatten, die Prozesse zu reorganisieren.

Haben sich die Krankenhäuser insgesamt verändert? Ja, es kam zu Spezialisierungen, und wir denken, dass dies auf DRG zurückzuführen ist. Gerade die mittelgrossen Krankenhäuser haben sich gut überlegt, wie sie sich wettbewerbsmässig platzieren und womit sie Geld verdienen können, was ja nicht unanständig ist, sondern die Erfolgsgrundlage der Organisation darstellt.

Gibt es Krankenhäuser, welche diese Neuausrichtung nicht geschafft haben? Die kleinsten Häuser hatten die grössten wirtschaftlichen Probleme mit DRG, und bei ihnen ist es auch zu Schliessungen gekommen, dieser Prozess ist noch nicht beendet. Für die kleinen Häuser ist es schwieriger als für die grossen, sich neben der Grundversorgung zu spezialisieren.

Welchen Ratschlag können Sie den Schweizer Spitälern ein Jahr vor der Einführung von DRG erteilen? Ich würde empfehlen, die Einführung des neuen Vergütungssystems als Anlass zu nehmen, die Arbeitsprozesse zu optimieren. Man muss über intelligente Modelle nachdenken: Wer macht im Krankenhaus welche Arbeit, damit dem Patienten ohne Doppelspurigkeiten oder Reibungsverluste genau das zukommt, was er braucht. Und ansonsten: Gelassenheit.

Zur Person: Brigitte Sens ist in Deutschland Geschäftsführerin des Zentrums für Qualität und Management im Gesundheitswesen, einer Einrichtung der Ärztekammer Niedersachsen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt