Neue SP-Chefin will Frauen ein Vorbild sein

Am Mittwoch wird Ursula Marti voraussichtlich zur Kantonalpräsidentin der SP gewählt. Die 48-jährige Stadtbernerin will sich vermehrt für die Gleichstellung einsetzen. Kompromisse mit politischen Gegnern zu finden, ist für sie essenziell.

Ursula Marti vor dem Café Tingel Kringel an der Mittelstrasse in Bern. Im Hintergrund das Zähringer-Migros, vor dem sie früher oft  Flyer verteilte.

Ursula Marti vor dem Café Tingel Kringel an der Mittelstrasse in Bern. Im Hintergrund das Zähringer-Migros, vor dem sie früher oft Flyer verteilte. Bild: Susanne Keller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist der Ort, an dem alles begann. Unzählige Male verteilte Ursula Marti an Standaktionen in der Mittelstrasse im Berner Länggassquartier Flyer und diskutierte mit den Passanten über politische Anliegen. Ursula Marti setzt sich mit einer alternativen Cola in der Hand an einen der violetten Tische vor dem Café Tingel Kringel.

Sie kehrt immer wieder gerne zurück an die Mittelstrasse. Nicht nur, weil sie sich gerne an die Basisarbeit für ihre Partei erinnert. Sie ist auch stolz darauf, als Stadträtin mit politischen Vorstössen dabei mitgeholfen zu haben, dass aus der einstigen Durchgangsstrasse ein Begegnungsort geworden ist. «Die Mittelstrasse ist der Beweis dafür, dass man mit Hartnäckigkeit, Ausdauer und Zusammenarbeit etwas verändern kann», sagt Ursula Marti, die selber mit ihrer Familie im Länggassquartier lebt, wo ihre politische Laufbahn angefangen hat. Heute wird sie wahrscheinlich zur Präsidentin der SP Kanton Bern gewählt (siehe Box).

Schon als Kind politisch

Wenn Ursula Marti daran denkt, bald die grösste Kantonalpartei der SP Schweiz zu leiten, hat sie Freude und Respekt. Freude, weil ihr Bauchgefühl zu dieser neuen politischen Aufgabe sofort Ja sagte. «Wenn ich schon politische Verantwortung übernehme, dann richtig», sagt sie und nippt an ihrem Getränk. Respekt hat sie vor der «riesigen Aufgabe», die auf sie wartet.

Als Präsidentin leitet sie verschiedene Gremien der Kantonalpartei und nimmt auch Einsitz in der Geschäftsleitung der SP Schweiz. Sie schätzt, dass dies und ihr Grossratsmandat ungefähr ein 50-Prozent-Arbeitspensum ergeben werden. Das zu bewältigen, ist nur möglich, weil Ursula Martis Kinder erwachsen sind und sie ihre Arbeitszeit in der eigenen Firma relativ flexibel gestalten kann.

Die Politik sei schon immer «in ihr drin gewesen», erzählt sie – schon als Kind. «Ich wollte Probleme nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere lösen», sagt sie. Als Beispiel nennt sie eine Episode aus ihrer Schulzeit: Da war es üblich, dass Mädchen den Handarbeitsunterricht besuchten, Buben das technische Zeichnen (TZ). Sie wollte aber unbedingt ins TZ – und durfte dies für ein halbes Jahr auch tun. «Dummerweise sagte ich dann dem Schulleiter, dass ich Krankenschwester werden wolle», erzählt Marti.

Von da an durfte sie nie mehr ins TZ. Später erlebte sie an einer Arbeitsstelle, wie die weiblichen Mitarbeiterinnen abwechslungsweise Kaffeedienst hatten – also Kaffee für alle bereit stellen mussten. Männer waren davon ausgenommen. «Solche Gegebenheiten empfand ich als ungerecht. Sie haben mich gestört, ich wollte sie ändern.»

Gleichstellung wird wichtiger

Dass sich Ursula Marti als junge Mutter der SP anschloss, war für sie sonnenklar: «Die soziale Gerechtigkeit steht bei den Sozialdemokraten zuoberst – wie bei mir.» Mit ihr als Kantonalpräsidentin werde es keinen Richtungswechsel in der Partei geben, betont Marti. «Wir sind gut positioniert.» Die Gleichstellungspolitik werde wohl unter ihrer Federführung etwas stärker gewichtet – auch innerhalb der Partei.

Zwar habe die SP viele starke Frauen, doch in den Sektionen gebe es immer noch viel mehr männliche Präsidenten und Gemeinderäte. Als Kantonalpräsidentin wolle sie ihren Genossinnen zeigen, dass frau durchaus vorausgehen und für eine Sache vorne hinstehen könne, anstatt nur im Hintergrund zu arbeiten.

Mit den nationalen Wahlen steht der neuen Präsidentin im ersten Amtsjahr eine grosse Aufgabe bevor. Ihr Ziel ist es, die sechs Nationalratssitze und den Ständeratssitz von Hans Stöckli zu halten. «Es gefällt mir, gleich mit Wahlen in dieses Amt einzusteigen. Dann muss ich nicht lange überlegen, was zu tun ist.»

Mehrheiten beschaffen

Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Roland Näf, der mit pointierten Äusserungen zu provozieren wusste, wird Ursula Marti von Genossen und Gegnern als eher stille Schafferin bezeichnet, die Brücken baut. Dieses Bild stimme durchaus, findet sie. Sie könne sich gut durchsetzen, aber auf eine andere Art als ihr Vorgänger. Das eine sei nicht schlechter als das andere, in einer Partei brauche es beide Typen.

Für sie ist klar: «Politik bedeutet, Mehrheiten zu beschaffen.» Sie sei gefestigt in ihrer Haltung, müsse aber mit ihren Gegnern Kompromisse finden, um etwas zu erreichen. «Ich kann im Verhandeln sehr pragmatisch sein, solange es in die richtige Richtung geht.»

Kompromisse finden ist auch ein grosses Thema bei der Agglomerationspolitik, die sich Marti ebenfalls auf die Fahne geschrieben hat. Sie ist in Aarberg aufgewachsen und sich daher sehr bewusst, dass die SP nicht überall im Kanton auf eine satte Mehrheit zählen kann, wie das in der Stadt Bern der Fall ist. Oft zieht die Partei auf kantonaler Ebene gegenüber den Bürgerlichen den Kürzeren. Umso wichtiger sei es, innerhalb der Partei keinen Stadt-Land-Graben aufkommen zu lassen und die Beziehung zu den Sektionen zu pflegen.

E-Bike statt Auto

Firmeninhaberin, Politikerin, Mutter – viel Zeit für Hobbys bleibt Ursula Marti da nicht. Sie liebt es, mit ihrem Mann Paul Reichardt zu reisen. Am liebsten unternimmt sie Reisen in Länder, die sonst nicht unbedingt als Touristenmagnete gelten. Auf einer Rundreise durch Polen und das Baltikum etwa faszinierte es sie vor kurzem, die Entwicklung von Ländern zu beobachten, die relativ neu der EU beigetreten sind.

Ursula Marti reist aber auch gerne im Kopf oder kulinarisch: Sie vertieft sich gerne in einen Roman oder Kinofilm und kocht mit Vorliebe orientalische Gerichte.

In Bern flitzt die SP-Frau am liebsten mit dem E-Bike durch die Gassen – das Auto hat die Familie vor vielen Jahren verkauft und stattdessen ein Mobility-Abo gelöst. Und so düst auch Ursula Marti immer wieder mit dem Zweirad durch die Mittelstrasse, die sie einst mithalf, umzugestalten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.11.2014, 07:09 Uhr

Die Wahl steht bevor

Ursula Marti (48) ist im Alter von 29 Jahren relativ spät in die Politik eingestiegen. Die Mutter eines 19-jährigen Sohns und einer 18-jährigen Tochter ist Inhaberin eines Büros für Kommunikationsberatung und Verbandsmanagement.

Sie engagierte sich in der Stadt Bern acht Jahre im Stadtrat, war 2012 Stadtratspräsidentin und ist nun als Grossrätin Mitglied der Finanzkommission. Am Mittwochabend wird sie am Parteitag der SP im Hotel Bern mit grosser Wahrscheinlichkeit zur neuen Präsidentin der Kantonalpartei gewählt.

Ausserdem sind die Nomination von Hans Stöckli für den Ständerat und die Listengestaltung für die Nationalratswahlen Themen des Parteitags.

Artikel zum Thema

Ursula Marti soll neue SP-Präsidentin werden

Die Berner Grossrätin Ursula Marti soll neue SP-Kantonalpräsidentin werden. Die Geschäftsleitung der Partei schlägt die 48-jährige Kommunikationsberaterin einstimmig als Nachfolgerin von Roland Näf zur Wahl vor. Mehr...

Ursula Marti neu im Kantonsparlament

Die Stadtberner SP-Politikerin Ursula Marti wird ab der Juni-Session im Grossen Rat politisieren. Sie rückt für Margrit Stucki-Mäder nach. Mehr...

«Das Parlament hat sachlich gearbeitet»

Bern Die abtretende Stadtratspräsidentin Ursula Marti (SP) leitet am Donnerstagabend letztmals eine Sitzung. Ihre Bilanz: «Das Parlament hat viel und gut gearbeitet.» Mehr...

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Blogs

Foodblog Meine erste Wurst
Die neuen Nachbarn
Gartenblog Verblühte Blumen

Die Welt in Bildern

Süsse Handarbeit: In der Schokoladenfabrik 'La muchacha de los chocolates' platziert ein Arbeiter eine Kirsche in eine mit Schokolade ausgekleidete Form. (21. Juli 2017)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...