Marc Jost: «Ich habe Erfahrung im Bundeshaus»

Weil sich der Thuner EVP-Grossrat Marc Jost weder Adrian Amstutz (SVP) noch Christa Markwalder (FDP) oder Ursula Wyss (SP) im Ständerat vorstellen kann, kandidiert er gleich selber. «Wildfremde Leute» dankten ihm für die Alternative, die er biete, sagt er.

Marc Jost im Ständeratssaal. «Politik auf nationaler Ebene ist mein Ziel, jetzt bietet sich die Gelegenheit dazu.»

Marc Jost im Ständeratssaal. «Politik auf nationaler Ebene ist mein Ziel, jetzt bietet sich die Gelegenheit dazu.» Bild: Andreas Blatter

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Herr Jost, führen Sie einen anstrengenden Wahlkampf?
Marc Jost: Er ist intensiver, als ich angenommen hatte.

Ihre Partei würde sich noch mehr Termine wünschen. Sie wehrt sich, wenn Sie als Aussenseiter nicht zu allen Podien eingeladen werden.
Ich persönlich hatte weniger Einladungen erwartet. Als Politiker, der nicht bereits auf der nationalen Ebene tätig ist, habe ich mich darauf eingestellt, darum ringen zu müssen, ebenfalls wahrgenommen und gehört zu werden.

Verleidet es Ihnen nicht langsam, überall die Ernsthaftigkeit Ihrer Kandidatur unterstreichen zu müssen?
Ich habe mich darauf eingestellt, dass diese Frage immer wieder kommen würde. Wenn man von der Kantonsebene für einen Ständeratssitz kandidiert, muss man damit rechnen. Aber für die Wählerschaft der Mitte, die nicht sehr liberal ist und gleichzeitig keinen EU-Beitritt will, gab es ohne mich keine Kandidatur. Politisch biete ich eine Position an, die die Gegenkandidaten nicht vertreten. Würde beispielsweise ein Regierungsrat der drei Parteien kandidieren, der etwas moderater politisiert, wäre ich nicht angetreten.

Sie treten an, weil Sie selber keine Kandidatur wählen könnten?
Ich hätte tatsächlich meine Mühe gehabt.

Fast scheint es, als wären Sie selber von Ihrer Ständeratskandidatur überrascht worden.
Das stimmt. Ich begann mir erst ernsthaft Gedanken zu machen, als ich nicht nur aus EVP-Kreisen, sondern auch aus CVP-, GLP- und BDP-Kreisen hörte, sie müssten leere Stimmzettel einlegen und wüssten nicht, wen sie wählen sollten. Politik auf nationaler Ebene ist mein Ziel, jetzt bietet sich die Gelegenheit dazu.

Es ist vor allem eine Gelegenheit, für die Nationalratswahlen bekannt zu werden.
Diesen Effekt nehme ich sehr gerne in Kauf. Aber den Ausschlag für die Kandidatur gab die Lücke in der Mitte.

Wie schätzen Sie Ihre Wahlchancen heute ein?
Normalerweise erhalten Personen in der Öffentlichkeit eher negative Feedbacks, wenn überhaupt. Deshalb bin ich positiv überrascht, dass mir wildfremde Leute schreiben, sie wüssten jetzt, wen sie wählen könnten. Aber zu meinen Chancen: Die FDP hat bei den kantonalen Wahlen zehn Prozent erreicht, die EVP knapp sechs Prozent. Mit der GLP und der CVP, mit denen wir die Bundeshausfraktion bilden, kamen wir auf über elf Prozent. Jetzt kommt es darauf an, wie sich die Basis der Parteien verhalten wird. Ich gehe davon aus, dass meine Kandidatur allen drei Gegenkandidierenden Stimmen kosten wird.

Werden Sie von CVP und GLP unterstützt?
Ja, sie unterstützen meine Kandidatur offiziell.

Welche Wähler nehmen Sie der SVP weg?
Wähler, die grundsätzlich bürgerlich wählen, denen die Linie von Herrn Amstutz aber etwas zu weit rechts ist. Für sie bin ich eine Variante, weil ich mich auch klar gegen einen EU-Beitritt äussere und für den bilateralen Weg bin. Für die beiden Frauen hingegen ist die EU ein wichtiger Punkt.

Was spricht nebst der EU für Sie statt für Christa Markwalder?
Sie ist sehr liberal. Ich aber sage – gerade nach der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise –, dass es Regulierung und einen Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer braucht.

Das will die linke Ursula Wyss auch.
Gegenüber ihr hebe ich mich durch eine andere Familienpolitik ab. In der Kinderbetreuung zum Beispiel liege ich eher auf der bürgerlich-konservativen Linie, wenn ich sage, die familieninterne Betreuung müsse der familienexternen Betreuung steuerlich gleichgestellt sein.

In Sachen AKW aber halten Sie es mit der Linken?
Hier stehen zwei Killerargumente im Raum. Einerseits weist die bürgerliche Seite zu Recht auf die Energieknappheit hin, andererseits gibt es das Problem mit der Entsorgung des radioaktiven Abfalls, für das die Bürgerlichen auch keine Lösung bieten können. Für mich stellt sich die Frage, welches Killerargument ich höher gewichten will. Ich finde, wir müssen langfristig denken. Und da wird klar, dass die Entsorgung unsere Kinder und Grosskinder vor grosse Probleme stellen wird. Die Energielücke hingegen kommt so oder so, Uran und Erdöl werden irgendwann ausgehen. Dem müssen wir uns – lieber jetzt als später – stellen und auch als Berner und Schweizer Alternativen suchen.

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrer politischen Arbeit?
Es gibt einzelne Fragen, in denen der Glaube eine Rolle spielt. Ich denke etwa an den Lebensschutzbereich, an Entwicklungszusammenarbeit und den Einsatz für Schwache. Aber für mich sind christliche Werte nicht nur in der Sachpolitik wichtig. Ich habe an mich den Anspruch, auch im Wahlkampf den politischen Gegner nicht als Feind zu sehen.

Werden Sie eigentlich von der offiziellen Kirche unterstützt?
Davon hätte ich nichts gehört. Ich habe sowieso den Grundsatz, dass sich Kirchen nicht für Parteien oder Personen aussprechen sollten. Die Kirche soll politisch werden, wenn es um Religionsfreiheit, Bewahrung der Schöpfung und den Schutz der Schwachen geht.

Was können Sie für den Kanton Bern erreichen, wenn Sie im Bundeshaus kaum vernetzt sind?
Ich muss das relativieren. Ich habe von 2003 bis 2006 Bundeshaus-Erfahrung gesammelt als politischer Mitarbeiter von EVP-Nationalrat Heiner Studer. Aber zur Frage, was ich dem Kanton Bern bieten kann: Ich kenne die kantonale Politik aus den letzten viereinhalb Jahren sehr aktuell, während die andern drei schon weiter weg sind. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass häufig auch Regierungsräte für den Ständerat kandidieren und direkt aus der Kantonspolitik in den Ständerat gewählt werden.

Ihnen fehlt Exekutiverfahrung.
Aber hier geht es um Parlamentsarbeit. Miteinander reden, gemeinsam Lösungen suchen und diskutieren, um einen Kompromiss zu finden, entsprechen meinem Persönlichkeitstyp. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.02.2011, 07:14 Uhr

Zur Person

Seit fünf Jahren sitzt Marc Jost für die EVP im Grossen Rat des Kantons Bern. Doch der 37-jährige Thuner hat schon länger Ambitionen auf ein höheres politisches Amt.

Bei den letzten kantonalen Wahlen kandidierte er für den Regierungsrat, wo er mit knapp 37'000 Stimmen auf dem 10.Platz landete. Jetzt zieht es ihn ins Bundeshaus. Dass er im Herbst für den Nationalrat kandidieren würde, stand für ihn schon länger fest. In Thun hat er sich letztes Jahr auch um einen Sitz im Gemeinderat beworben.

Jost ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Er ist Lehrer und Pfarrer. Während sieben Jahren arbeitete er als Pfarrer im Evangelischen Gemeinschaftswerk, einem eigenständigen Werk innerhalb der reformierten Landeskirche. Seit Herbst 2010 ist Jost Geschäftsführer von Interaction, einem Verband christlicher Hilfswerke. Armutsbekämpfung sei ihm schon immer ein Anliegen gewesen, jetzt könne er sich noch konzentrierter diesem Thema widmen, sagt Jost. Selber bezeichnet er sich als «Mann der Mitte» und als «politischen Brückenbauer».

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