Lidl, Migros & Co. ziehen in die leeren Ladenzentren

In etwa einem Jahr eröffnet Lidl im Zentrum Gäbelbach den elften Standort im Kanton Bern. Der deutsche Riese zieht in das leere Ladenzentrum im Westen der Hauptstadt.

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Das Ladenzentrum Gäbelbach im Westen der Stadt Bern ist kein schöner Ort. Die Passage im Untergeschoss ist gesäumt von schmutzigen Glasscheiben, hinter ihnen kommen leere Ladenflächen zum Vorschein. Kabelreste ragen aus dem ungenutzten Boden, hier und dort liegt ein ­Zigarettenstummel, nichts lädt zum Verweilen ein.

Nur im oberen Stockwerk herrscht ein wenig Leben: Die dort liegende Coop-Filiale und das Restaurant vis-à-vis schreiben seit Jahren gute Zahlen. Im Untergeschoss hingegen stehen alle Ladenflächen leer, die Rede ist von 1320 Quadratmetern freier Fläche.

Ein Zustand, der Philipp Aeberhard schon seit längerem Bauchschmerzen bereitet. Der Geschäftsführer der Gäbelbach Immobilien AG und Leiter Bewirtschaftungen der Dr. Meyer Immobilien AG ist für die Vermietung der Ladenflächen im Zentrum zuständig. «Die Zeiten haben sich geändert», meint Aeberhard, während er den Blick die Passage entlang schweifen lässt, «früher konnte man aus einer Vielzahl Bewerbern auswählen.

Heute muss man mögliche Interessenten gezielt anwerben.» Systematisch habe er Marktketten und Betriebe angeschrieben und angefragt, ob sie nicht Interesse hätten, eine Filiale im Gäbelbach zu eröffnen. Lange ohne Erfolg.

Umso grösser sei nun die Erleichterung, dass endlich eine dauerhafte Lösung präsentiert werden kann: Lidl Schweiz lässt sich mit einer grossen Filiale im Zentrum Gäbelbach nieder. Damit treibt der deutsche Grosskonzern seine Ausbreitung im Kanton Bern voran: Es wird die elfte Filiale des Discounters sein. Das Baubewilligungsverfahren für den Laden im Gäbelbach läuft bereits – wenn alles reibungslos läuft, kann dieser in etwa einem Jahr eröffnen.

Überzeugungsarbeit

Corina Milz, Leiterin der Unternehmenskommunikation von Lidl, bestätigt die Pläne und hebt hervor, wie günstig die Lage im Gäbelbach sei: «Ein guter Standort zeichnet sich für uns durch die Nähe zum Kunden, ein gutes Einzugsgebiet und eine attraktive Lage aus. Das trifft auch auf das Zentrum Gäbelbach zu.» Ganz so einfach sei es aber nicht gewesen, den deutschen Riesen anzulocken, verrät Philipp Aeberhard: «Wir mussten einiges an Überzeugungsarbeit leisten, bis es zum Vertragsabschluss kam.»

«Die Zeiten haben sich geändert.»Philipp Aeberhard

Der Discounter habe anfangs durchaus Zweifel am Standort Gäbelbach gehabt. Erst ein mittels Drohne realisiertes Werbevideo, das die Vorzüge des Zentrums Gäbelbach hervorhob, habe Lidl vollends überzeugen können. «Alleine in den umliegenden Quartieren wie Gäbelbach, Holen­acker, Brünnen oder Tscharnergut wohnen bis zu 35 000 potenzielle Lidl-Kunden», fasst Aeberhard zusammen.

«Der Lidl ist genau das, was dem Zentrum Gäbelbach gefehlt hat», freut sich Walter Straub, Verwaltungspräsident der Gäbelbach Immobilien AG und Geschäftsführer der Fambau Genossenschaft. Besonders in letzterer Funktion hat Straub die Weiterentwicklung von mehreren Überbauungen aus den 60er- und 70er-Jahren miterlebt; die Genossenschaft war am Bau von vielen Siedlungen in der Region Bern beteiligt.

Ein Beispiel von vielen

Das Zentrum Gäbelbach stehe exemplarisch für einen grundlegenden Fehler, der bei der Planung der Quartiere gemacht worden sei, meint Straub: «Früher war es gang und gäbe, dass man ein Zentrum mit Ladenflächen in ein Quartier integriert.» Beispiele für diese Denkweise finden sich in der Region Bern zuhauf: Das Talgutzentrum in Ittigen, das Zentrum La Tour in Lyss, das Zentrum Wittigkofen im Murifeld oder der Kalchackermärit in Bremgarten. Bei allen erhoffte man sich ein lebendiges Quartier, das mit Bäckerei, Apotheke oder Coiffeur alles bietet, was die Bewohner zum Leben brauchen.

Diese Wunschvorstellung ist von den aktuellen Bedürfnissen längst überholt worden. Im Zentrum Gäbelbach selber seien die Ladenflächen schon seit dem Bau 1965 nie komplett ausgelastet gewesen. Zwar hätten sich zu Beginn einige Läden längerfristig gehalten, diese mussten das Zentrum aber infolge der Sanierung 2008 verlassen.

«Früher war es gang und gäbe, dass man ein Zentrum mit Ladenflächen in ein Quartier integriert.»Walter Straub

Damals wurde die Ladenpassage um ein Stockwerk ergänzt – um jenes, in dem sich heute Coop und Restaurant befinden. Damit wurde das Zentrum zum Brünnenquartier hin geöffnet und gegen aussen sichtbarer gemacht. «Ein sehr mutiger finanzieller Schritt», meint Philipp Aebersold, «der sich bis heute bewährt hat.» Am Leerstand in der unteren Etage konnte aber auch der Umbau nichts ändern.

Weiter wie gewohnt

Heute ärgert sich Walter Straub, wenn neue Siedlungen nach dem gewohnten Schema geplant werden – beispielsweise auf dem Warmbächliareal in Bern, wo bis zu 300 Wohnungen entstehen sollen. Eines der Baufelder wird von der Fambau Genossenschaft bewirtschaftet. Auch hier wurde Fläche für Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe eingeplant – «dabei sollte man doch mittlerweile wissen, dass das nicht funktioniert», kritisiert Straub.

Schuld am Sterben der Quartierzentren sei auch der Wandel der Gesellschaft, fügt Philipp Aeberhard hinzu: «Während etwa ein Schuhgeschäft früher viele Kunden in ein Ladenzentrum gezogen hätte, werden Schuhe heute mehrheitlich online gekauft.» Dadurch fehle es an der Laufkundschaft, die gerade für kleinere Mieter enorm wichtig sei.

«Während etwa ein Schuhgeschäft früher viele Kunden angezogen hätte, werden Schuhe heute mehrheitlich online gekauft.»Philipp Aeberhard

Umso mehr freuen sich die beiden Männer über den Einzug von Lidl: Besonders grosse Lebensmittelhändler wie er hätten in der digitalen Zeit gute Chancen, zu überleben und Kundschaft anzulocken. Von diesem Publikumsmagneten profitieren auch die restlichen Geschäfte im Zentrum.

So auch jene im Gäbelbach: Dort wird der Lidl zwar den Grossteil der Fläche im Untergeschoss einnehmen – gezielt habe man aber zwei kleinere Ladenflächen, mal 70 und mal 50 Quadratmeter, für alternative Anbieter stehen lassen. Diese stehen zwar aktuell noch leer, Aeberhard und Straub sind aber zuversichtlich, dass sich auch dies bald ändern wird.

Beispiel: Wittigkofen, Bern

Kiosk, Denner und Coop ziehen im Zentrum Wittigkofen Kunden an. Im oberen Stockwerk zieht bald ein weiterer nationaler Player ein. (Foto: zvg)

Im Untergeschoss des Zentrums Wittigkofen, im Osten der Stadt Bern, ist einiges los: Migros, Denner, Kiosk, Apotheke, Restaurant und kirchliches Zentrum sorgen hier für viel Kundschaft. Anders sieht es im oberen Stockwerk des Quartierzentrums aus: Hier stehen schon seit längerem mehrere grosse Ladenflächen leer. Zwar sind einige davon besetzt – es finden sich etwa ein Fitnessstudio, ein Fachgeschäft für Beleuchtung oder zwei kleinere Büros – es hätte aber noch reichlich Platz für mehr.

Aktuell befände sich das Zentrum aber auf dem Weg der Besserung, versichert Tristan Fasnacht von der Privera AG, die für die Vermietung zuständig ist: «Seit kurzem befindet sich eine Filiale der Kita Pop e Poppa im Obergeschoss. Und demnächst wird auch ein nationaler Player einziehen.» Dieser dürfte für etwas mehr Laufverkehr in der oberen Etage des Zentrums sorgen. Um wen es sich genau handelt, wolle Fasnacht aber noch nicht verraten.

Klar ist: Mehr Ladenfläche bräuchte es in Wittigkofen sicherlich nicht. Ohne ginge es aber auch nicht. Das Anfang der 80er-Jahre erbaute Ladenzentrum wird von den Bewohnern der umliegenden Wohnhäuser nämlich sehr geschätzt. (sm)

Beispiel: La Tour, Lyss

Das lange Warten hat auch in Lyss ein Ende: Im Juli will die deutsche Discounterkette Lidl ins Zentrum La Tour ziehen. Die 1400 Quadratmeter Ladenfläche standen ebenfalls lange Zeit leer. Entsprechend erleichtert zeigt sich Nunzio Lo Chiatto im Namen der Liegenschaftsbesitzerin Immo Helvetic: «Jetzt sind wir auf der ­Zielgeraden», stellt er zufrieden fest.

Noch sind die laufenden Sanierungsarbeiten nicht abgeschlossen. Zum Abschluss wird das Gebäude sein typisches Rot verlieren, wie Lo Chiatto sagt. Nach dem Einzug von Lidl ist das Gebäude bis auf 150 Quadratmeter voll vermietet. (ab/BT/skk)

Beispiel: Kalchackermärit, Bremgarten

Gute Entwicklung: Die Migros hat in den Kalchackermärit in Bremgarten ­investiert. (Foto: Stefan Anderegg)

Der Komplex wurde 1984 eröffnet und sollte ein massgeschneidertes Einkaufszentrum für die Anwohner von Bremgarten werden. Aber nicht alle freuten sich damals über den Bau. Die Gemeindebehörden erhoben Einsprache gegen die Erweiterung des Zentrums in einer zweiten Etappe.

Heute ist der Kalchackermärit gut besucht. Migros, Denner, Post, Restaurant, Kiosk und Bäckerei erfreuen sich an regem Kundenverkehr. Es lief in Bremgarten aber nicht immer so reibungslos: Vor der Jahrtausendwende kämpfte das Laden­zentrum mit ähnlichen Problemen wie der Gäbelbach heute. Als Retterin trat damals die Migros in Kraft: Der Grosshändler kaufte das gesamte Zentrum auf und investierte 2014 in dessen Umbau.

«Die Migros Aare hat an den Standort und dessen Entwicklungspotenzial geglaubt», erklärt Mediensprecherin Andrea Bauer diesen Schritt. Er habe sich gelohnt: «Der Kalchackermärit zeigt eine sehr gute Entwicklung, der Umbau und die Erweiterung haben sich gelohnt.»

Weiter hebt Bauer den guten Mietermix im Kalchackermärit hervor – dieser entspreche den Bedürfnissen der Bevölkerung. Dass es letztlich aber doch die Migros sei, die für Laufkundschaft sorge und so den Löwenanteil am Erfolg des Zentrums trägt, verheimlicht Bauer nicht: «Die Migros Aare war Investor, Initiant und letztlich auch Frequenzbringer des Standorts.» (sm) (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.04.2018, 12:24 Uhr

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