Kanton Bern: Minusrunde dank Systemwechsel

Premiere für den Kanton Bern: Nach Jahren mit schmerzhaften Aufschlägen sinken die Krankenkassenprämien 2012 um durchschnittlich 0,6 Prozent. Möglich ist dies wegen einer Kostenverschiebung hin zum Kanton. Und: Gewisse Berner Spitäler müssen bei ihren Angeboten mit Einschnitten rechnen.

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Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Plus 8,6 Prozent letztes Jahr, plus 11,5 Prozent vor zwei Jahren – und nun das vermeintliche Wunder: minus 0,6 Prozent. 2012 werden die durchschnittlichen Prämien für die Grundversicherung für Erwachsene im Kanton Bern sinken. Für Kinder liegt die Reduktion bei 1,8 Prozent; mehr bezahlen müssen Jugendliche (plus 1,2 Prozent), eine Folge des verfeinerten Risikoausgleichs, der die Jagd auf gute – junge – Risiken weniger attraktiv machen soll. Alles in allem kommt Bern für einmal deutlich besser weg als die restliche Schweiz: Im Schnitt steigen die Prämien um 2,2 Prozent (siehe Kasten).

Es müssten 2,4 Prozent sein

Die Veränderung der einzelnen Prämie kann stark von diesen Durchschnittswerten abweichen. Sie hängt ab von Kasse, Prämienregion, Franchise und Versicherungsmodell (siehe Tabelle). Ein grober Vergleich der wichtigsten Kassen bringt diese Befunde: Viele wollen ihre Kunden mit einer Nullrunde halten, unter anderem Visana, KPT, Assura, Sanitas, CSS, Swica, Atupri. Wenige senken die Prämien: unter anderem Helsana, Intras, Innova. Einige erhöhen sie: unter anderem Progrès, Avanex (Helsana), Avenir (Groupe Mutuel), Sumiswalder, KK Steffisburg.

So oder so besteht wenig Grund zur Freude: Die Minusrunde hat nur zu einem kleinen Teil damit zu tun, dass das Kostenwachstum im Gesundheitswesen gebremst wäre. Sie geht vielmehr zulasten der Kantonskasse, sprich: der Steuerzahler.

Um die Kostenverschiebung voll zu kompensieren, müssten die Krankenkassen die Prämien laut Berechnungen des Kantons um 2,4 und nicht nur um 0,6 Prozent senken. «Das ist ein guter Anfang, aber es ist nicht genug», kommentiert deshalb Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) die Prämien 2012. Er erwartet ab 2013 weitere Abschläge oder zumindest eine Stabilisierung. Aus seiner Sicht haben die Krankenkassen für 2012 «ganz vorsichtig» budgetiert. Perrenoud führt dies primär auf diese Gründe zurück: Spitäler und Kassen haben die Tarife für 2012 noch nicht ausgehandelt, zudem lägen wichtige Verordnungen des Bundes noch nicht vor (zum Risikoausgleich und zu den Reserven).

Anzufügen ist, dass auch der Kanton im Rückstand ist. Insbesondere hat der Regierungsrat die schon lange mit Spannung erwartete Spitalliste 2012 noch immer nicht erlassen. Sie ist von grösster Bedeutung, da sie regelt, welche Spitäler in welchen Bereichen zulasten der Grundversicherung arbeiten dürfen. Kassen und Spitäler klagen schon lange, das lange Warten auf die Liste erhöhe die Unsicherheit massiv.

Doch noch Fallzahlen-Grenze?

Perrenoud entgegnet, die Zeit sei in der ganzen Schweiz knapp. Er betont, die Liste werde sicher noch dieses Jahr verabschiedet, wohl aber erst im Dezember. Vorher will er sie den Spitälern zur «technischen» Konsultation vorlegen. Perrenoud rechnet damit, dass die Liste mit Beschwerden eingedeckt wird, weshalb die Liste wohl ohnehin nicht ab 2012 gelten wird.

Dass er Beschwerden erwartet, deutet darauf hin, dass einzelne Spitäler künftig nicht mehr alle heutigen Angebote erbringen könnten. Perrenoud: «Vor allem in der spezialisierten Medizin wird es auch aus Qualitätsgründen nicht möglich sein, dass alle Spitäler weiterhin alle Leistungen erbringen, die sie heute erbringen.» Ob dies, wie teils erwartet wird, vor allem Privatspitäler im Raum Bern trifft, will Perrenoud nicht kommentieren.

In einem Punkt ist der Gesundheitsdirektor wieder zuversichtlicher: Er geht davon aus, dass es nun doch möglich wird, die Fallzahlen der Spitäler zu «steuern». Damit soll verhindert werden, dass sie die Fallzahlen unnötig stark erhöhen, um die sinkenden Preise zu kompensieren (wir berichteten). Der Grosse Rat wandte sich klar gegen eine «Steuerung» der Fallzahlen pro Spital. Nun sieht jedoch der Bundesrat vor, das gesamte Leistungsvolumen der Spitäler in der Schweiz zu steuern. Erhöht sich dieses um mehr als 2 Prozent, sollen die Spitäler einen Teil der Einnahmen an Kantone und Krankenkassen zurückzahlen. Perrenouds Ziel ist nun, im Kanton Bern eine analoge Regelung zu verankern.

Berner Zeitung

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