In der Waldau nehmen Ärzte Reissaus

Die umstrittene Freistellung des Psychiatrieprofessors Werner Strik führt zu einer Kündigungswelle in der Waldau: Die Hälfte der leitenden Ärzte in Striks Abteilung haben gekündigt. Der geordnete Betrieb könnte gefährdet sein.

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Adrian Zurbriggen@hollerazu

Montagmorgen, 30.April 2012. Frühbesprechung in der Erwachsenenpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD). Regula Mader, Vorsitzende der UPD-Geschäftsleitung, stellt sich der Ärzteschaft. Thema ist die einen Monat zuvor erfolgte Freistellung des Psychiatriedirektors und Professors Werner Strik durch Mader. Die mit Strik loyal verbundenen Assistenz- und Oberärzte warnen Mader vor einer Kündigungswelle als Folge der Freistellung. Davon gehe sie nicht aus, antwortete Mader laut einem dieser Zeitung vorliegenden Gedächtnisprotokoll – und wenn doch, würden eben neue Ärzte eingestellt.

Heute, sieben Monate später, steht Regula Mader nicht mehr an der UPD-Spitze. Sie ist seit einem Monat krankgeschrieben: Burn-out.

Auch ein Chefarzt geht

Eine Rückkehr Maders in die Waldau scheint ausgeschlossen. Zu viel Geschirr hat die ehemalige Regierungsstatthalterin zerschlagen. Zudem hat eine Kündigungswelle die Erwachsenenpsychiatrie der UPD erreicht, deren Ausmasse wohl keiner der an diesem Morgen im April warnenden Ärzte erwartet hätte. Von 14 leitenden Ärzten haben im zweiten Halbjahr 8 die Kündigung eingereicht oder die UPD bereits verlassen. Zuletzt hat auch ein Chefarzt das Handtuch geworfen.

Gerade dieser Abgang ist einigermassen dramatisch: Weil sich die Universität gegen Striks Freistellung wehrt, ist die ärztliche Leitung der Erwachsenenpsychiatrie seit März verwaist. Interimistisch steuern momentan drei Chefärzte die Abteilung, einer von ihnen leitet den UPD-Satelliten am Inselspital. Jener, der nun den Bettel hinschmeisst, nimmt dabei als Zögling von Strik in der Waldau zentrale Aufgaben wahr und gilt als Integrationsfigur.

Fluktuation von 90 Prozent

Desolat sieht die Situation bei den Assistenzärzten aus. Hier wird die Fluktuation dieses Jahr 90 Prozent betragen. Im Schnitt der Vorjahre liegt sie bei 33 Prozent. Arbeiteten Ende Februar 2012 in der Waldau 29 Assistenzärzte, werden es ein Jahr später voraussichtlich noch 13 sein.

Diese Zahlen meldeten zwanzig UPD-Ärzte am 14.November brieflich dem Regierungsrat. UPD-Sprecherin Susanna Regli räumt ein, dass die Fluktuation bei den Assistenzärzten hoch sei, allerdings liege sie nicht bei 90 Prozent. Wie hoch sie nach den Berechnungen der UPD-Geschäftsleitung ist, lässt sie offen. Die Ärzte halten an ihren Zahlen fest und verweisen auf entsprechende Personallisten.

An den Regierungsrat haben sich die Ärzte gewandt, weil dieser zum Schiedsrichter erkoren wurde in den Kompetenzstreitigkeiten zwischen der Uni und der zur Gesundheitsdirektion gehörenden UPD. Bis Mitte Dezember will die Regierung entscheiden, ob sich die Uni durchsetzt und Strik bleiben kann oder ob die UPD-Leitung recht bekommt und Strik gehen muss.

Ganz egal, wie die Regierung entscheidet – der Schaden ist angerichtet. Das beginnt beim Verlust an Fachwissen, der mit dem Abgang der leitenden Ärzte verbunden ist. Und es endet bei gravierenden Rekrutierungsproblemen: Laut den Ärzten ist es wegen des ramponierten Rufs der UPD momentan sehr schwierig, freie Stellen zu besetzen. Das zeigte sich etwa auch vor einem Monat, als der Saarländer Professor Wolfgang Retz eine Berufung der Uni Bern als ausserordentlicher Professor für forensische Psychiatrie ablehnte.

Projekte liegen brach

Besonders schwierig gestaltet sich die Rekrutierung von Assistenzärzten. Die psychiatrischen Kliniken in der Schweiz haben generell Mühe, Nachwuchs zu finden. Im Falle der UPD ist es laut dem Schreiben der Ärzte trotz vielen Stelleninseraten in auflagestarken Ärztezeitungen schier unmöglich.

Dass die UPD für Assistenzärzte nicht eben attraktiv sind, liegt auf der Hand. Durch die Absenz des «Weiterbildungsstättenleiters» Strik liegt die universitäre Forschung brach. Weil offen ist, ob und wann Strik an die UPD zurückkehrt, kann auch der akademische Nachwuchs seine Zukunft kaum planen.

So haben schon in diesem Jahr Assistenzärzte ihre vorgesehenen Forschungsprojekte nicht starten können. Sollte Strik seinen Job definitiv verlieren, dürfte das akademische Vakuum andauern: Die Neubesetzung eines Lehrstuhls dauert erfahrungsgemäss zwei bis drei Jahre.

Neben der unsicheren Perspektive und dem Fehlen der Person Strik als «Vorbild, Leitfigur und Vertreter einer nicht von partikularen Interessen geprägten Psychiatrie» nennen die Ärzte die belastete Atmosphäre als Grund für die Kündigungswelle: In der Klinik herrsche ein «Klima des gegenseitigen Misstrauens und der Missgunst».

Mehr Zwangsmassnahmen

Laut UPD-Sprecherin Regli ist die Situation weniger gravierend als von den Ärzten an der Front geschildert. Man rechne nicht mit einer grösseren Zahl offener Assistenzarztstellen 2013: «Die Rekrutierung läuft auf Hochtouren.» Dem widersprechen die Ärzte: Bereits im August, als «nur» 10 Kündigungen auf dem Tisch lagen, hatten sie in einem Brief an den Regierungsrat Alarm geschlagen: Bald sei es nicht mehr möglich, einen «geregelten und für die Patientenversorgung adäquaten Stationsbetrieb aufrechtzuerhalten».

Anzeichen dafür gibt es bereits: So kommt es vor, dass ein Assistenzarzt wochenlang eine Station mit 18 Patienten alleine betreut. Zudem müssen die Ärzten, weil die Zeit für eine adäquate Behandlung knapp ist, vermehrt Zwangsmassnahmen gegen Patienten anwenden. Dazu gehören etwa die Isolierung oder das Anbinden.

Psychologen springen ein

Um den Mangel an Assistenzärzten zumindest teilweise wettzumachen, haben die UPD momentan vier Assistenzarztstellen mit Psychologen besetzt. Sprecherin Regli bestätigt dies, hält aber fest, das sei keine «Notmassnahme».

Nichtsdestotrotz kann ein Psychologe einen Assistenzarzt nur teilweise ersetzen: Erstere können zwar psychotherapeutische Gespräche führen, als Nichtmediziner erkennen sie organische Ursachen von psychischen Erkrankungen in aller Regel aber nicht. Zudem dürfen sie keine Medikamente verabreichen – was in der Waldau aber oft nötig ist.

Die Patienten übrigens machen sich auf all dies ihren eigenen Reim. Auf den Gängen der Waldau erfreut sich derzeit ein Witz grösster Beliebtheit: «In den UPD wollen alle kündigen, aber keiner weiss bei wem.»

Berner Zeitung

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