Im Notfall bietet Bern eine zu grosse Auswahl

Acht Spitäler in Bern haben eine Notfallstation. Das seien zu viele, kritisieren Fachleute. Denn längst nicht alle, die den Notfall aufsuchen, benötigen dessen teure Infrastruktur. In die öffentliche Spitallandschaft kommt nun Bewegung. Die Privatspitäler halten am Angebot fest.

Das Inselspital soll mit dem Stadtspital zusammenarbeiten. Wie der Notfall organisiert wird, ist offen.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Das Inselspital soll mit dem Stadtspital zusammenarbeiten. Wie der Notfall organisiert wird, ist offen.

(Bild: Keystone)

Im Schnitt werden täglich rund 200 Personen auf einer Spitalnotfallstation in der Stadt Bern behandelt. Acht Notfallstationen stehen dafür zur Verfügung. Das seien zu viele, kritisierte kürzlich Heinz Zimmermann, Direktor des Notfallzentrums am Inselspital. Nirgendwo sonst in der Schweiz gebe es so viele Notfallzentren an einem Ort. In diesem Bereich sei viel Sparpotenzial vorhanden. Nachts würde ein einziges Zentrum ausreichen, um die schwer verletzten Patienten zu versorgen.

Dass es in Bern zu viele Notfallstationen gibt und dass dieses breite Angebot die Kosten in die Höhe treibt, kritisieren auch weitere Fachleute. Die Spitäler jedoch sind im Clinch: Gerade wenn in Zukunft der Wettbewerb vermehrt spielen soll, ist ein Notfallzentrum für ein Spital wichtig, um Patienten zu akquirieren. Und weil dessen Ausrüstung teuer ist, soll sie auch entsprechend ausgelastet werden.

Handlungsbedarf

Die Patienten wiederum haben sich an das Angebot gewöhnt, viele suchen die Notfallstation auf, auch wenn sie problemlos vom ärztlichen Notfalldienst behandelt werden könnten. So kommt es, dass die Notfallstationen in den letzten Jahren ausgebaut wurden. Damit werden nicht alle Patienten dort versorgt, wo es am effizientesten ist, offenbar hat aber niemand ein Interesse daran, dies zu ändern. «Diesem Problem hat sich bisher niemand angenommen», sagt Hans-Peter Kohler, Direktor und Chefarzt an der Klinik für innere Medizin Ziegler und Tiefenau. Auch Annamaria Müller, Vorsteherin des Spitalamts des Kantons Bern, sagt: «Es gäbe in Bern sicher intelligentere Lösungen als das bestehende Angebot.»

In die öffentlichen Spitäler kommt nun Bewegung. Das Ziegler- und das Tiefenauspital werden zu einem neuen Stadtspital zusammengelegt. Zusammen behandeln die beiden Spitäler jährlich rund 20'000 Patienten im Notfall. Zudem ist ein Zusammenschluss dieses neuen Stadtspitals mit dem Inselspital geplant, das im Notfallzentrum jährlich rund 30'000 Personen betreut. Dabei stellt sich die Frage nach einem gemeinsamen Notfallzentrum beim Inselspital. So könne man Synergien nutzen, heisst es, doch Kohler widerspricht heftig. «Einzig mit zwei räumlich getrennten Notfallstationen erreichen wir, dass alle Patienten die richtige Versorgung erhalten – nämlich für die Schwerstverletzten die Spitzenmedizin des Unispitals und für die anderen dringenden Fälle das Angebot des Stadtspital-Notfalls.» Allen Patienten die Infrastruktur der Spitzenmedizin bereitzustellen, sei weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll.

Privatspitäler ändern nichts

Bei den Privatspitälern ist keine Bewegung in Sicht. «Nötig wäre aber auch hier eine Angebotsbereinigung», sagt Hans-Peter Kohler. Die Klinik Sonnenhof betreibt seit ihrer Gründung eine Notfallstation und betreut dort jährlich rund 11'000 Patienten. Daran soll sich nichts ändern. Patrik Schwab, Leiter des Notfalls, bestätigt aber, dass Bern inzwischen sehr viele Notfallstationen habe. Der Kanton habe es verpasst, klare Aussagen für die Zukunft zu machen. Im Hinblick auf die zukünftige Spitalliste sei jedes Spital bestrebt, einen eigenen Notfall zu betreiben. Mit klaren Aussagen vonseiten des Kantons könnte die Verunsicherung beseitigt und eine teure allgemeine Aufrüstung verhindert werden, so Schwab.

Jean-François Andrey, Direktor des Lindenhofspitals, wo jährlich rund 5000 Notfälle versorgt werden, ergänzt: «Wir haben gar keine Wahl. Wer einen Grundversorgungsauftrag des Kantons hat, muss eine Notfallversorgung rund um die Uhr anbieten. Einen Leistungsauftrag ohne adäquate Notfallversorgung zu haben, käme einer Rosinenpickerei gleich.»

«Die Spitäler sind frei»

Spitalamtvorsteherin Müller sagt dazu: «In der Regel wird von einem Akutspital das Betreiben einer Notfallstation erwartet. Es muss aber nicht jedes Spital eine eigene Notfallstation führen.» Die Spitäler könnten sich hier durchaus zusammenschliessen: Ein Zusammengehen mit anderen Anbietern müsste eigentlich auch im Interesse des Spitals liegen, so Müller. «Wir können das aber nicht beeinflussen, die Spitäler sind in der betrieblichen Umsetzung ihres Leistungsauftrags frei.»

Die Klinikgruppe Hirslanden negiert ein Überangebot: «Bei einem Abbau würde man vor allem in den Wintermonaten eine Unterversorgung der Notfallpatienten riskieren», teilt die Gruppe auf Anfrage mit. Man werde auch in Zukunft Notfallstationen betreiben. Die drei Hirslanden-Notfallstationen Permanence, Salem und Beau-Site sind teilweise spezialisiert und standortübergreifend organisiert. «Da in den peripheren Regionen zunehmend Versorgungsangebote aufgehoben werden, müssen sich viele Patienten direkt an eine der Berner Notfallstationen wenden», so die Hirslanden-Klinik.

Das Problem bleibt bestehen: Es gibt Patienten, die den Notfall aufsuchen, auch wenn sie dessen Infrastruktur nicht bräuchten. «Das Schlimmste ist, wenn man mit Bagatellen ins Inselspital geht», so Kohler. Um den Notfall zu entlasten, soll dem neuen Stadtspital eine Arztpraxis angeschlossen werden, in welcher Hausärzte Notfalldienst leisten. «Dieses Modell befindet sich zusammen mit den Hausärzten in Entwicklung», sagt Kohler.

Berner Zeitung

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