«Ich glaube, dass die Zukunft sozialer wird»

Allzu rational und marktwirtschaftlich kamen Thomas Göttin die «Zeitpunkt»-Szenarien über den Kanton Bern im Jahr 2040 vor. Trotz Stadt-Land-Graben glaubt der Stadtberner SP-Co-Präsident an eine Ära der Gemeinnützigkeit und die Ausstrahlungskraft von Berner Ideen. Ob sich seine Vision durchsetzt und wie sie sich rechnet, weiss auch er nicht mit Bestimmtheit.

Hofft auf erfreuliche Aussichten: SP-Politiker Göttin.Bilder

(Bild: Stefan Anderegg)

Sie haben die «Zeitpunkt»-Szenarien über den Kanton Bern im Jahr 2040 kritisiert. Was fehlt Ihnen in unseren Zukunftsbildern, Herr Göttin?
Thomas Göttin: Die Menschen, ihr Alltag, der Zusammenhalt in der Gesellschaft. Ihre Szenarien entwerfen in meinen Augen ein technokratisches Bild der Zukunft: Grosse Projekte wie ein Solar- und Windkraftwerk auf der Grimsel werden gebaut, Gemeinden fusioniert, das Bergdorf Gadmen wird aufgegeben. Was die Menschen aber im Jahr 2040 beschäftigt, wie viel sie verdienen, was sie feiern, das vermisste ich bei der Lektüre. Ihre Szenarien kamen mir allzu aufgeräumt vor: die Kunst ist in Bern, das Theater in Thun, die soziale Problemzone in Wichtrach. Und der Slogan «Eigenverantwortung, Eigenständigkeit, Beharrlichkeit» der Stadtpräsidentin Ursina Schwarz wirkt auf mich kühl und rational. Die Vorstellung einer Gesellschaft kommt darin gar nicht vor.

Wagen Sie denn eine Prognose, was die Bernerinnen und Berner im Jahr 2040 beschäftigen wird?
Die Leute, die 2040 eine Rolle spielen werden, sind ja schon geboren. Man kann sich durchaus Vorstellungen darüber machen, was sie für ihr Zusammenleben und ihr Wohlbefinden brauchen werden. Man weiss etwa aus der ökonomischen Forschung, dass mehr Geld nicht unbedingt glücklicher macht. Und dass die Leute bei zunehmenden Einkommensunterschieden weniger gesund sind, erstaunlicherweise auch diejenigen, die reicher werden.

Für unsere Szenarien hatte die Frage Priorität, wie der Kanton Bern in Zukunft kostengünstiger werden kann. Danach wird sich dann auch seine Gesellschaftsstruktur ausrichten. Kümmert Sie die Geldfrage nicht?
Die Frage, wie man den Kanton preisgünstiger aufstellen kann, steht für mich nicht im Vordergrund. Damit geht wieder so eine marktwirtschaftliche Ordnungsvorstellung einher. Ich verstehe den Kanton in erster Linie als eine demokratische Einheit, als Bürgergesellschaft, als System der politischen oder kulturellen Teilnahme und der sozialen Bindungen, die ihn zusammenhalten.

Erwarten Sie in Zukunft eine Beeinträchtigung des Berner Zusammenhalts?
Der Kanton weist heute eine hohe Dichte von Milliardären auf und wird gleichzeitig von etwa 100'000 Menschen bewohnt, die an der Armutsgrenze leben. Man kann sich also durchaus fragen, ob sich im Kanton Bern Reich und Arm noch weiter auseinanderlebt oder sich annähert. Ob nur noch eine Elite Zugang zur Kultur hat oder ob der Zugang breiter wird. Ob sich im vielfältigen Kanton Stadt- und Landkultur gleichen oder noch stärker unterscheiden werden. Und ob die Secondos bloss Banlieue-Probleme verursachen.

Vielleicht gibt es im Jahr 2040 gar keine Secondos mehr, weil sie so gut integriert sind.
Das wäre ja schön. In Ihren Szenarien gibt es aber 2040 in Problemzonen weiterhin soziale Spannungen. Ich bin überzeugt, dass auch 2040 in der Schweiz noch Secondos aus den unterschiedlichsten Kulturen leben und unsere Gesellschaft bereichern werden.

Wenn Sie ein Zukunftsszenario entwerfen müssten, wäre es das eines sozialeren Berns?
Die jüngsten Abstimmungsresultate drücken für mich eine Skepsis gegen Privatisierungs- und Sparvorschläge und ein wachsendes Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit und Zusammenhalt aus. In einem positiven Szenario würde ich also keine sozialen Unruhen unterstellen, wie sie der Club of Rome vorausgesagt hat und wie man sie in Griechenland befürchten muss. Ich bin überzeugt, dass der Anteil der gemeinnützigen und genossenschaftlichen Organisationen zulegen wird gegenüber dem privatwirtschaftlichen Profitsektor. Er ist schon heute wesentlich höher, als man annimmt. Deutschlands grösster Arbeitgeber ist mit 520'000 Angestellten die Caritas. Genossenschaften wie die Migros, Coop oder die Raiffeisen weisen Milliardenumsätze auf.

Wir gingen bei unseren Zukunftsbildern davon aus, dass sich durchsetzt, was politisch mehrheitsfähig ist. Ihr Szenario der Gemeinnützigkeit dürfte das Minderheitsprogramm eines SP-Politikers bleiben.
Sie unterstellen in Ihren Szenarien, dass sich in Bern das Eigenverantwortungsprogramm einer freisinnig-grünliberalen Mehrheitspartei durchsetzen wird. Bei der heutigen FDP kann ich aber derzeit kein Programm erkennen, mit dem sie die Mehrheit erringen wird. Überdies: Ob eine Gesellschaft sozialer wird, ist nicht einfach eine Frage der politischen Mehrheiten. Sie ergibt sich aus einer Summe der Entscheide aller Menschen, wie sie leben und arbeiten wollen. Da kann ich mir einen Zuwachs von Gemeinnützigkeit durchaus vorstellen. Betrachten Sie nur die Erfolgsgeschichte des Carsharing Mobility. Oder die Renaissance der Wohnbaugenossenschaften in Bern. Es braucht keinen Wahltermin, an dem solche Modelle durchgesetzt werden. Das läuft langfristig ab.

Glauben Sie wirklich an eine freiwillige Abkehr der Menschen vom Profit- und Wachstumsmodell?
Auch Sie gehen ja in Ihren Szenarien davon aus, dass wie nach einem Zeitsprung etwas mit einem Mal da ist, dass die FDP-Grünliberalen plötzlich an der Macht sind und das Grimsel-Windkraftwerk schon gebaut ist. Wie es dazu gekommen ist, weiss man nicht so genau. Ich gebe zu: Ich vertraue auf Entwicklungen hin zu einem sozialen und schonungsvollen Umgang unter Menschen und mit Ressourcen.

Trotz Mobility wächst die Verkehrsflut weiter. Trotz Wohnbaugenossenschaften ist der Traum vom Haus im Grünen, der die Zersiedlung antreibt, ungebrochen.
Mobility-Mitglieder fahren aber weniger Autokilometer als Autobesitzer. Und Genossenschaftsbewohner belegen weniger Wohnraum als Einfamilienhausbesitzer. Das ist schon ein Schritt.

Führt er schon in eine sozialere oder grünere Zukunft?
Die Zukunft wird durch mehrere Faktoren bestimmt. Neben neuen gesellschaftlichen Organisationsformen oder technischen Neuerungen spielen in meinen Augen auch die Geschichten eine zentrale Rolle, die wir uns erzählen und an denen wir uns orientieren. Mobility ist so eine Geschichte. Eine Erfolgsgeschichte. Hätten wir mehr solche Geschichten, würde das die Entwicklung zu mehr Gemeinnützigkeit verstärken.

Auch ein gemeinnütziger Kanton Bern wird sich in Zukunft mit der schwierigen Solidarität zwischen Stadt und Land herumschlagen und sich überlegen müssen, ob sich die Besiedlung peripherer Täler noch lohnt.
Ich würde es falsch finden, in den Alpen ganze Täler aufzugeben, wie Sie sich das mit dem Tal von Gadmen ausgedacht haben. Wir haben auch die gesellschaftliche Aufgabe, solche Räume zu erhalten. Weil sie ein Teil unserer Identität sind. Man muss die Leute, die dort leben, nach ihren Bedürfnissen fragen. Man sieht dezentrale Strukturen immer nur negativ. Aber es könnte auch neue Formen von Dezentralität geben, etwa durch eine kleinräumigere Energieversorgung.

Was können Sie als städtischer SP-Politiker gegen die Aversion tun, die das Land der rot-grünen Stadt entgegenbringt?
Vorab: Der Graben zwischen Stadt und Land ist jahrhundertealt und nicht nur eine Frage von Rot-Grün. Vielleicht ist er in Bern so ausgeprägt, weil es hier anders als in Biel, Basel, Genf und Zürich in den 1920er- und 1930er-Jahren keine rote Phase gab und Bern eine Tradition der politischen Auseinandersetzung fehlt. Es gibt keine Erfahrung der städtischen Bürgerlichen mit der Oppositionsrolle. Es könnte sein, dass der politische Disput in Bern sowie zwischen Bern und dem Umland deshalb blockierter ist als anderswo. Hinzu kommt: Leute aus der Stadt Bern treten oft zu dominant auf und fragen zu wenig nach den Bedürfnissen der Landbewohner.

Im Herbst sind in der Stadt Bern Wahlen. Wird die Regionalpolitik oder die Hauptstadtregion ein Wahlkampfthema sein, oder sind sie dafür zu wenig sexy?
Es ist tatsächlich schwierig, im Stadtberner Wahlkampf mit regionalen Themen Aufmerksamkeit zu bekommen. Ausserhalb des Wahlkampfs gibt es aber durchaus Möglichkeiten und Bemühungen, über den Stadt-Land-Graben hinaus zu kooperieren. Aber das ist immer ein Schritt-für-Schritt-Prozess über Partei- und Gemeindegrenzen hinaus, der gegen aussen wenig spektakulär wirkt.

Wenn sich Alexander Tschäppät bei der Stadtpräsidentenwahl vielleicht doch noch einer Kampfwahl stellen muss, soll er sich dann als Leader und Integrationsfigur der Hauptstadtregion profilieren?
Das wäre eine subtile Gratwanderung. Die Nachbargemeinden würden sagen: Das wollen wir doch gemeinsam machen. Es wäre schwierig, markant aufzutreten, ohne dabei die Diskussionskultur zu beschädigen.

Trauen Sie dem Raum Bern überhaupt zu, in Zukunft als Hauptstadtregion auf Augenhöhe mit den Metropolitanregionen Zürich, Basel oder Genf-Lausanne zu sein?
Absolut! Nicht nur wegen der wirtschaftlichen Vielfalt und der starken Bundesverwaltung, sondern auch wegen der dynamischen Modelle und Ideen, die in Bern ausgedacht werden. Leider sind sie noch zu wenig sichtbar. Das sogenannte Berner Modell der Koexistenz verschiedener Verkehrsteilnehmer, wie es hier auf der Seftigenstrasse oder der Schwarzenburgstrasse eingeführt wurde, macht in der ganzen Schweiz Schule. Es gibt noch weitere Berner Innovationen und Pionierleistungen: die Einrichtung von Quartierkommissionen, das Haus der Religionen oder nun die Frühförderung im Vorschulalter, die in der Stadt Bern eingeführt wurde.

Ist Bern mehr als nur das nationale Politzentrum?
Ja. Bern könnte eine Vorreiterrolle einnehmen bei der Entwicklung neuer Demokratieexperimente und Formen der Partizipation. Etwa für diejenigen, die zwar hier leben, aber nicht wählen und abstimmen können. Und für Themen, die sich auf kleinere und grössere Perimeter als eine Gemeinde beziehen. Beim erwähnten Berner Modell spricht man etwa frühzeitig mit den Nutzern und Anrainern einer Strasse. Man sich überlegt in Bern auch, wie man die Staatsrechnung so auf einer A4-Seite darstellt, dass sie jeder Bürger und jede Bürgerin versteht.

Wird Bern bis 2040 eine neue Demokratie erfunden haben, die die herkömmlichen Gemeinden überflüssig macht?
Im Kanton Bern wird es 2040 jedenfalls weniger Gemeinden geben als heute.

Wird es 2040 den Kanton Bern überhaupt noch geben?
Ich weiss es nicht. Und diese Frage zu beantworten, könnte politisch riskant sein. Als eingewanderter Basler muss ich da etwas vorsichtig sein.

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