Grossratskandidaten mit einer besonderen Geschichte

Unter den 2111 Bernerinnen und Bernern, die für den Grossen Rat kandidieren, hat es ­einige besonders interes­sante Personalien. Das sind die spannendsten Kandidaturen.

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Sie ist 27 Jahre jung und gehört dank provokativen Aktionen und Aussagen bereits zu den schweizweit bekanntesten ­Ge­sichtern der SP: Tamara ­Funi­ciello, Präsidentin der ­Juso Schweiz und Berner Stadträtin, will politisch eine Stufe höhersteigen und kandidiert nun für den Grossen Rat. Wetten, dass sie sich bis zum Wahltermin noch die eine oder andere Provokation einfallen lassen wird?

Alt-Stadträtin und Alt-Nationalrätin, und dennoch immer noch erst 34 Jahre alt: Mit ihrer Kandidatur für den Grossen Rat gibt Aline ­Trede (GB) ihr politisches Comeback. Wenn alles so läuft, wie es jedermann erwartet, spült es die zweifache Mutter Ende März aber nicht ins kantonale, sondern zurück ins ­nationale Parlament – für den Sitz der Grünen, der bei einer Wahl von Nationalrätin Christine Häsler in den Regierungsrat frei würde, sitzt Trede auf dem ersten Ersatzplatz. Falls sie die Auswahl hätte, würde es sie eher in den Nationalrat ziehen, sagt Trede, die sich aber auf keine Spekulationen einlassen will. Seit ihrer Ab­wahl als Nationalrätin 2015, als die Grünen im Kanton Bern einen Sitz verloren, ist Trede ein gebranntes Kind.

Ein politisches Comeback in einer Legislative strebt auch Lea Kusano an. Die 37-Jährige kandidiert auf der Liste der ­SP-Frauen für den Grossen Rat. Die SP-Politikerin gehörte von 2008 bis 2014 dem Berner Stadtrat an und war dort eine der Meinungsführerinnen. Im Sommer 2014 überraschte sie die Partei mit ihrem Rücktritt, den sie mit der Dreifachbelastung Familie, Politik und Beruf begründete. Dennoch kandidierte sie 2015 für den Nationalrat, schaffte es aber nur auf den fünften Ersatzplatz.

Bei der SVP gibt einer sein Comeback, der schon vor über fünf Jahren von einem Parteikollegen als «Aufbackbrötchen» bezeichnet worden war: Beat Schori, 67-jährig, Alt-Stadtrat, Alt-Grossrat, ehemals Präsident der städtischen SVP. 2012 kandidierte er – man sprach von einem Comeback – für den Berner Gemeinderat und für das Stadtpräsidium, scheiterte, und verliess die politische Bühne wieder. Wie der «Bund» berichtete, schaffte es Schori an der Nominationsversammlung der SVP, sich vom neunten ­Listenplatz auf den vielversprechenderen dritten zu hieven.

Die Berner FDP-Stadträtin ­Alexandra Thalhammer möchte ebenfalls in das kantonale Parlament einziehen. Die 38-Jährige kandidiert aber nicht für die FDP, sondern für die Liste Digital-liberal.ch. Dabei handelt es sich um einen politischen Verein, der von Jungfreisinnigen und FDP-Politikern gegründet ­wur­de. Sein Ziel ist es, die Hauptstadtregion im Bereich der ­In­dustrialisierung 4.0 zu stärken. Dem Beirat des Gremiums gehört unter anderen Christian Wasserfallen an, der ­Lebens­partner ­Thal­hammers.

Für einen Sitz dürfte es der Swiss Rebel Force kaum reichen. Doch immerhin ist es dem Altstadt-Videothekar Stefan Theiler gelungen, die musikalischste Liste zu schmieden: Mit ihm treten Krawalljodlerin Christine «Chrige» Lauterburg, Urgestein Hans «Housi» Wittlin, Flamenco-Jazzer Nicolas Perrin, Ex-Schmetterband-Gitarrist Martin Diem, Gitarrero Mario Capitanio und meh­rere weitere Musiker an.

Ebenfalls ein Altstadtoriginal, auch wenn er als Wohnort Hinterkappelen angibt, ist der Komödiant und Ein-Mann-Zirkus-Betreiber Marco Morelli. Der 64-Jährige kandidiert für die Partei der Arbeit (PDA).

Seit 2010 ist Philippe Müller FDP-Grossrat, zuvor war er während neun Jahren Stadtrat. 2005 war Müller als Stadtratspräsident höchster Stadtberner sowie von 2013 bis 2017 Parteipräsident der FDP Stadt Bern. Jetzt kandidiert Philippe Müller, dessen einstiger Slogan «Müller tut was» bis heute nachhallt, für den Regierungsrat des Kantons Bern. Seine Chancen, auf dem bürgerlichen Viererticket gewählt zu werden, stehen gut. Trotzdem kandidiert er auch als Grossrat. Auf dieser Liste dient er als Wahlkampflokomotive.

Ebenfalls wieder Lust auf Politik hat der Solarpionier Josef Jenni. Der Inhaber und Chef der Jenni Energietechnik AG tritt in der Region Emmental auf der EVP-Liste zur Wahl an. Schafft der 64-Jährige die Wahl, wäre es für ihn eine Rückkehr an eine bekannte Stätte: Er gehörte bereits von 2006 bis 2012 dem Berner ­Kantonsparlament an.

Er ist schon 72 Jahre alt, aber seine Klappe ist noch so jung, dass es den Stadtwanderer Benedikt Loderer auf der Liste Les Verts Bienne in die Politik zieht. Schliesslich liesse sich dort sein Lebenszornthema – die Zersiedlung des Landes durch die «Einfamilienhüslipest» – wirkungsvoll vertreten. Der eloquente Architektur­kritiker und frühere Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre» müsste im ­Parlament allerdings von einer ­früheren Idee Abschied nehmen: In der Schweiz eine befristete Diktatur einzurichten, die den Föderalismus abschafft.

Auf ein bewährtes Rezept setzen die Parteien im Umland der Stadt Bern. In den Wahlkreisen Mittelland-Nord und -Süd ­treten die Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten gleich reihenweise an. Wissen wollen es neben vielen anderen auch Fritz Affolter (SVP, Aarberg), Katharina Annen (FDP, Kehrsatz), Peter Gerber (BDP, Schüpfen), Andreas Hegg (FDP, Lyss), Benjamin Marti (SVP, Belp) und Bänz Müller (SP, Wohlen). (sny, hae, ehi, svb, skk)

Erstellt: 10.01.2018, 11:10 Uhr

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