Globuli im Stall ersparen den Doktor

Alternative Heilmethoden sind auch in der Tiermedizin im Kommen. Stallbesuch bei Werner Hachen in Rüeggisberg, einem der ersten Berner Bauern, die bei ihren Tieren auf Globuli, Schüsslersalze und Co. setzen.

Mit sanfter Medizin auf dem Weg der Besserung: Bauer Werner Hachen und die kränkelnde Nicole, der er  gerade einige Globuli gegen ihren schleimigen Auswurf verabreicht hat.<p class='credit'>(Bild: Susanne Keller)</p>

Mit sanfter Medizin auf dem Weg der Besserung: Bauer Werner Hachen und die kränkelnde Nicole, der er gerade einige Globuli gegen ihren schleimigen Auswurf verabreicht hat.

(Bild: Susanne Keller)

Stefan Aerni

«Komm, Nicole, komm.» Fürsorglich streckt Werner Hachen die Hand aus. «Nimm ein bisschen.» Und schon stakst das Kälblein in unsicheren Schritten herbei und leckt die Hand des Bauern, bis diese fast im Mund verschwindet. So jubelt Hachen seinem Jungtier die Globuli unter, ohne dass es etwas von der medizinischen Kügelchen merkt.

Nicole ist mit zweieinhalb Monaten das Nesthäkchen im Freilaufstall von Werner Hachen in Rüeggisberg – und zurzeit auch das Sorgenkind. Das Kälblein ist an einer Lungenentzündung erkrankt. Doch statt gleich den Tierarzt zu rufen, versucht es Hachen zuerst mit sanfter Medizin: Neben den Globuli verwendet er auch einen «Spagyrik-Spray», der – ähnlich einem Nasenspray für Menschen – die Atemwege des Tiers freimachen soll.

«Wenn diese Massnahmen bereits helfen, kommt es mich günstiger», rechnet Hachen vor. «Und später wird es in der Milch und im Fleisch bestimmt keine Antibiotikarückstände haben – sodass auch der Konsument etwas davon hat.»

Seit sechs Jahren setzt Werner Hachen (55) deshalb auf seinem Bauernhof erst einmal auf Homöopathie und andere komplementäre Heilmethoden, wenn eines seiner Tiere kränkelt. Darauf gekommen ist er durch private Erlebnisse und Schicksalsschläge. Vor zehn Jahren starb sein Sohn an einem Hirntumor, ohne dass die Schulmedizin ihm hätte helfen können. Danach ist auch noch seine Ehefrau vom Hof ausgezogen.

In dieser Lebenskrise erinnerte sich Werner Hachen an eine frühere Begebenheit. Als seine Tochter einst als kleines Mädchen beim Anblick von Blut Panik bekam und regelrecht hysterisch wurde, gelang es den Hachens, ihrem Kind mit Globuli die Furcht vor dem Blut zu nehmen. «Es gibt eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als die Schulmedizin für möglich hält», sagt der Bauer und streicht seiner Nicole übers braune Fell.

Ersatz für Antibiotika gesucht

Mit seiner Haltung ist Werner Hachen kein Exot. Globuli und andere Mittel der Alternativmedizin werden immer häufiger auch in Schweizer Ställen eingesetzt. Letztes Jahr haben sich interessierte Bauern zum Beratungsdienst Kometian* zusammengeschlossen. Das Netzwerk, das die Komplementärmedizin in der Landwirtschaft fördert, zählt bereits rund 180 Nutztierhalter und ist in 16 Kantonen vertreten, auch im Kanton Bern.

Initiant und Projektleiter Werner Ammann (Ganterschwil SG) hofft, dass die Mitgliederzahl bis Ende Jahr deutlich über 200 steigt. Denn das Interesse der Bauern an einer sanfteren Tiermedizin ist gross. Das beweise die Beratungshotline, die Kometian mithilfe von Tierärzten und Tierheilpraktikern ebenfalls seit letztem Jahr betreibt. Ammann: «Unser Ziel ist es, dass Komplementärmedizin bis 2030 in allen Tierarztpraxen im Angebot ist.»

Die Chancen dafür sind durchaus intakt. Inzwischen ersetzen die alternativen Heilmethoden bei vielen Tierärzten die problematischen Antibiotika. Denn deren zu leichtfertiger Einsatz kann zu den gefürchteten Resistenzen führen – Antibiotika sind also irgendwann nicht mehr wirksam.

Kein Wunder, hat auch bei den Tierärzten ein Umdenken eingesetzt. Die Fachsektion Komplementärmedizin der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) verzeichnet jedenfalls einen merklichen Zulauf: Allein in den letzten sechs Jahren ist die Mitgliederzahl von 114 auf 129 gestiegen. Neben Veterinären mit Zusatzausbildung in Homöopathie gibts mittlerweile auch solche für Akupunktur, Phytotherapie und neu für Osteopathie. «Das ist eine gute Entwicklung, insbesondere vor dem Hintergrund der Antibiotikaproblematik», sagt GST-Präsidentin Julika Fitzi (Abtwil SG). «Zudem hat der Tierbesitzer eine grössere Therapiewahl.»

Bauernverband interessiert

Beim Schweizerischen Bauernverband beobachtet man den Trend zu alternativen Heilmethoden in der Tiermedizin «sehr aufmerksam», wie Thomas Jäggi vom Geschäftsbereich Viehwirtschaft sagt. Komplementärmedizin biete sich an im Kampf gegen das Antibiotikaproblem. «Aber auch sie hat ihre Grenzen – man denke nur etwa an eine Seuche.»

Das ist sich auch Werner Hachen bewusst. «Ich will die Schulmedizin gar nicht verteufeln», sagt der Rüeggisberger Bauer. «Aber ich bin der Meinung, man sollte nur Chemie einsetzen, wenn es nicht anders geht.»

*Kometian führt am 28.November am Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Inforama in Zollikofen einen Infoanlass zur alternativen Tiermedizin durch (Beginn: 10 Uhr, Kontakt: www.kometian.ch).

Berner Zeitung

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