«Für die Jura-Frage findet man nur Lösungen auf Zeit»

Die Jura-Frage hat den Politikwissenschaftler Claude Longchamp sein Leben lang begleitet. Dass sie nach dem Wechsel Moutiers zum Kanton Jura abgeschlossen ist, bezweifelt er.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Longchamp, haben Sie damit gerechnet, dass Moutier den Kanton Bern verlassen wird?
Claude Longchamp: Man hat gewusst, dass die Stadt tief gespalten ist und dass die Meinungen schon länger gebildet worden sind. Schon 2013 stimmten 55 Prozent der Einwohner Moutiers für einen Wechsel, und bei solchen Identitätsfragen gibt es nie viele Wechselwähler. Vielleicht hat die projurassische Seite auch ein bisschen besser mobilisiert.

Hätte die probernische Seite ­etwas besser machen sollen?
Beide Seiten haben gut mobilisiert, deshalb war die Stimmbeteiligung so hoch. Ich denke nicht, dass eine andere Kampagne zu einem anderen Resultat ­geführt hätte. Wenn man etwas hätte ändern wollen, hätte das längerfristig passieren sollen.

Welche Argumente überzeugten die Leute?
Wahrscheinlich zählten Argumente gar nicht so sehr, denn die Meinungen waren längst gemacht. Es war eine Identitätsfrage, ein Herzensentscheid für den einen oder den anderen Kanton. Oft sind bei solchen Wechseln auch ökonomische Gründe wichtig. Hier aber sprachen diese nicht eindeutig für die eine oder die andere Seite.

Hat die Berner Regierung gut genug um Moutier geweibelt?
Man vertraute darauf, dass die bernjurassische Identität mit dem garantierten Jura-Sitz in der Berner Regierung genügend repräsentiert ist. Aus Berner Sicht ist dieser Sitz ein grosses Entgegenkommen, eine Übervertretung. Früher war der Bernjurassier oft ein Freisinniger. Dadurch, dass die FDP an Stärke verlor, ist der Verwaltungskreis heute sehr polarisiert. Wer bernjurassischer Regierungsrat wird, hat in seiner Heimat entweder keine Unterstützung von rechts oder keine von links. Entsprechend fühlen sich nicht alle von dieser Person vertreten.

Was bedeutet es für den Kanton Bern, dass Moutier geht?
Auf symbolischer Ebene einen Verlust. Man kann sagen: Der Zug bleibt im Bahnhof, aber den Speisewagen hat man abgekoppelt. Das wird im Kanton Bern nun Diskussionen über die politischen Privilegien des Berner Jura auslösen. Es wird um den garantierten Jura-Sitz in der Regierung gehen, die Departementszuteilung, die Anzahl Sitze im Kantonsparlament.

Wird die Position Berns in der Schweiz als Brückenkanton geschwächt, weil die frankofone Minderheit nun kleiner ist?
Das ist sicher so. Die Brückenfunktion des Kantons Bern ist das ausschlaggebende Argument für die Bundesstadt. Doch entscheidend ist die Stadt Biel. Solange Biel eine zweisprachige Stadt ist und zu Bern gehört, bleibt auch der Kanton Bern zweisprachig.

Was bedeutet der Wechsel Moutiers für den Berner Jura?
Dieser Wechsel ist für Moutier wohl einfacher als für den Rest des Verwaltungskreises. Der Berner Jura ist nun ein bisschen zerschnitten und hat seine Hauptstadt sowie seine Durchgangsader verloren. Für den westlichen Teil wird das bewältigbar sein – für den östlichen, nun etwas abgeschnittenen Teil wird die Anbindung an den Kanton Bern schwierig.

Drei der zwölf Grossräte aus dem Berner Jura stammen aus Moutier. Fallen diese Sitze nun einem anderen Verwaltungskreis zu?
Es hängt von der Bevölkerungszahl ab, wie viele der 160 Grossratssitze jeder Verwaltungskreis zugut hat. Deshalb wird es sicher eine Umverteilung geben.

Ist der garantierte Sitz in der ­Regierung noch gerechtfertigt?
Ich gehe davon aus, dass wir bis zu den nächsten Regierungsratswahlen eine intensive Diskussion über dieses Thema führen werden. Für den garantierten Sitz spricht, dass man eine qualitativ wichtige Minderheit privilegieren soll. Dagegen spricht, dass diese Minderheit immer kleiner wird. Zudem hat der Jura-Sitz heute nicht mehr regionalpolitische, sondern staatspolitische Bedeutung. Oft bestimmt seine Parteicouleur über die Mehrheit in der Berner Regierung.

Man könnte zusätzlich die frankofonen Bieler für diesen Sitz zulassen.
Das wäre eine elegante Lösung. Dann wäre der Sitz nicht mehr für eine Region reserviert, sondern für eine Sprachminderheit. Die Regierung lehnt einen entsprechenden Vorstoss zwar ab, aber es könnte ein Ausweg sein. Man darf sich jedoch keine Illusionen machen: Wenn die frankofonen Bieler Anrecht auf diesen Sitz haben, wird er stets durch einen Bieler besetzt sein.

Müsste der Kanton Bern nun sogar noch besser zum Berner Jura schauen, weil dieser schwächer geworden ist?
Man kann versuchen, mehr vor Ort zu sein. Weitere Privilegien zu geben, kann sich ein wachsender und prosperierender Kanton leisten. In Bern hingegen ist das schwierig.

Alle sind nun stolz auf den demokratischen Prozess, durch den sich Moutier von Bern lösen konnte.
Dieser Prozess ist in der Tat vorbildlich. Denn bis in die 1960er-Jahre hinein war die Jura-Frage mit heftigen Konflikten und ­Gewalt verbunden. Eine solche Eskalation könnte zu einem Bürgerkrieg führen. Dass es der Schweiz gelungen ist, diesen Konflikt mithilfe des Selbstbestimmungsrechts zu kanalisieren, ist bewundernswert.

Man könnte auch sagen, dass die Separatisten nach diversen Abstimmungen keine Ruhe ­gaben, bis sie nun ihren Willen erhalten haben.
Höchstwahrscheinlich ist das so, ja.

Moutier ist stark gespalten. Was muss passieren, damit sich die beiden Seiten wieder finden?
Da gibt es nur eine Regel: Die Heisssporne konnten nun eine Nacht lang feiern, aber von nun an gilt es, die Einheit der Stadt zu wahren. Solche Identitätsfragen verletzen tief – auch in einer Generation werden alle Kinder wissen, wie ihre Eltern gestimmt haben. Und trotzdem muss man irgendwie zusammenleben. Es wäre absurd, wenn auch die Stadt gespalten würde und am Schluss jedes Quartier entscheiden müsste, wo es nun hingehören will.

Wer muss aktiv werden?
Wie immer in einer Demokratie ist es an der Mehrheit, einen Schritt auf die Minderheit zuzugehen. Wenn die Polarisierung weiter fortschreitet, wandern Leute ab und die Stadt zerfällt. Eine kleine Stadt wie Moutier kann sich nicht leisten, 1000 Leute zu verlieren. Man muss den Entscheid akzeptieren – aber auch die Tatsache, dass es in dieser Stadt zwei Meinungen gibt.

Kann der Kanton Bern dabei ­helfen?
Der Kantonswechsel geschieht nicht morgen, sondern wohl erst 2021. In dieser Übergangsfrist kann man es besser oder schlechter machen.

Das heisst?
Der Kanton Bern sollte nicht provozieren. Das würde nur Wunden aufreissen. Partnerschaft ist angesagt, auch wenn es schmerzt.

Beim Abstimmungskampf galt es bereits als Provokation, wenn Berner Regierungsräte Schokolade verteilten. Nun wird es um Infrastrukturen wie das Spital oder Strassen gehen, die Bern dem Jura verkaufen will. Wie kann Bern vorgehen, ohne zu provozieren und ohne ständig den Kürzeren zu ziehen?
Da gibt es nur eines: Fingerspitzengefühl und politische Reife von beiden Seiten. Wer aufs Ganze spielt – egal, ob als Sieger oder als Verlieren – ist in diesem Prozess schlecht beraten.

Wo sollte der Kanton Bern künftig all die Institutionen für den Berner Jura unterbringen?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Eine Verlagerung nach Biel oder in den westlichen Teil des Berner Jura. Die zweite wäre die bessere. Dann gilt es, eine der grösseren Ortschaften zum Zentrum zu ­bestimmen.

Welche?
Es ist nicht an mir, das zu sagen. Auch hier muss man eine von unten aufgebaute, möglichst breit akzeptierte Lösung finden.

Sorvilier und Belprahon werden noch über einen Kantonswechsel abstimmen. Wie lautet Ihre Prognose?
Dass die beiden Gemeinden bei einem Wechsel Moutiers noch einmal abstimmen wollen, zeigt: Ihre Verbindung zu Moutier ist grösser als zum Rest des Kantons. Sie werden der Stadt wohl folgen.

Könnte der Entscheid Moutiers doch noch eine Sogwirkung auf weitere Gemeinden im Berner Jura haben?
Kurzfristig denke ich nicht, der Entscheid von 2013 für einen Verbleib bei Bern war zu deutlich. Vordergründig haben alle den Willen, das Thema zu beenden. Mittelfristig weiss man aber nicht, was passiert. Vielleicht ­ziehen Leute weg, fühlen sich marginalisiert, nicht mehr wohl.

Sie zweifeln also daran, dass die Jura-Frage abgeschlossen ist.
Die Jura-Frage hat mein ganzes Leben begleitet. Der Staat geht gut mit ihr um, aber es gibt eine Konstante: Das Thema kam in Zyklen immer wieder auf. Man findet lediglich Lösungen auf Zeit. Diese Lösungen hängen stark von den Leuten ab, die in diesem Gebiet leben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.06.2017, 18:24 Uhr

«Die Mehrheit muss einen Schritt auf die Minderheit zugehen», findet Claude Longchamp. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Moutier steht vor einer Phase der Unsicherheit

Moutier Liegenschaften des Kantons Bern im Wert von knapp 50 Millionen Franken, 378 Kantonsangestellte und die Zukunft eines Spitals: Dies sind nur drei Punkte, die es nach der Entscheidung vom Sonntag zu klären gilt. Mehr...

Nun muss der Jura den Graben zuschütten

Adrian Zubriggen, stellvertretender BZ-Chefredaktor, zur Abstimmung in Moutier. Mehr...

Moutier kehrt dem Kanton Bern den Rücken

51,72 Prozent sagen «Oui»: Moutier nimmt den Kantonswechsel zum Jura mit 2067 zu 1930 Stimmen knapp an. Die Stimmbeteiligung betrug rund 88 Prozent. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Foodblog Si und Dave, die Töfflibuben

Gartenblog Blütenlos schön

Die Welt in Bildern

Auf Abfall gebettet: Ein Arbeiter einer Wertstoffdeponie in Peschawar, Pakistan, ruht sich auf einem riesigen Berg Plastikmüll aus. (17. August 2017)
(Bild: Fayaz Aziz) Mehr...