Für die Biber wird es langsam eng

Angenagte Bäume zwischen Marzili und Engehalde und gestaute Bäche zwischen Rubigen und Thun – der Biber breitet sich unübersehbar aus in der Region. In den Augen vieler ist das ein Gewinn einigen bereitet es aber auch Kopfzerbrechen.

Frische Nagespuren beim Altenberg: Der Biberexperte Silvan Minnig zeigt, wo sich ein Biber am weichen Holz gütlich getan hat.

Frische Nagespuren beim Altenberg: Der Biberexperte Silvan Minnig zeigt, wo sich ein Biber am weichen Holz gütlich getan hat.

(Bild: Urs Baumann)

Der Biber ist zurück. Nachdem er in der Schweiz bis in die 1950er-Jahre komplett ausgerottet war, leben heute alleine zwischen dem Wohlensee und Thun wieder rund 140 Tiere. Viele Anwohner freuen sich über die Rückkehr des Wasserbaumeisters: «Die Begeisterung für den Biber ist enorm», sagt Christof Angst, Leiter der schweizerischen Biberfachstelle in Neuenburg. Doch diejenigen, die direkt mit dem Tier zu tun haben, teilen die Freude nicht immer. Denn so selten man die dämmerungs- und nachtaktiven Tiere zu Gesicht bekommt, so deutlich sind die Spuren, die sie hinterlassen.

Angenagte Baumstämme am Ufer oder gefällte Bäume sind die häufigsten Zeichen dafür, dass ein Gewässerabschnitt bewohnt ist. Unter anderem anhand dieser Fäll- und Frassplätze wird die Zahl der Biber geschätzt. «Die Grösse des betroffenen Gebietes und das Ausmass des Frasses sagen uns, ob ein einzelnes Tier oder eine ganze Familie ein Revier bewohnt», sagt Silvan Minnig. Mit dem Daumen fährt der freischaffende Biologe über einen abgenagten Weidestumpf. «Eindeutig ein Biber», stellt er fest – die Lücke zwischen den unteren Nagezähnen des Tieres hat charakteristische Spuren im weichen Holz hinterlassen. Diesen sogenannten «Daumentest» hat Minnig 2009 im Auftrag der Biberfachstelle auch den rund 25 freiwilligen Helferinnen und Helfern gezeigt, die sich an den Biberzählungen beteiligen.

Totgebissene Junge entdeckt

Während man in den 90er-Jahren die Biber im Mittelland noch praktisch an einer Hand abzählen konnte, hat sich die Population inzwischen vom Seeland bis nach Thun verdichtet. «Die Obergrenze ist aber vermutlich bald erreicht», schätzt Christof Angst. Rund drei Kilometer Flusslauf braucht eine Biberfamilie, um sich langfristig ernähren zu können. «Bereits jetzt finden wir manchmal totgebissene Junge.» Sie werden von ihren Eltern verstossen, wenn die jüngeren Geschwister nachrücken. Die Vertriebenen versuchen dann, ein Revier zu erobern – unterliegen sie im Kampf, kann das für sie tödlich enden. Biber markieren ihr Territorium zudem mit einem stark riechenden Sekret, dem Bibergeil. Die Anwesenheit von zu vielen Artgenossen stresst die Tiere. Deshalb kommen automatisch weniger Junge zur Welt.

Die ersten Biber wurden im Aaretal um das Jahr 2000 gesichtet. Es waren keine Unbekannten: Bei den Hochwassern 1999 und 2000 riss je ein Pärchen aus dem Dählhölzli aus. Eines davon siedelte sich in der renaturierten Aare bei Rubigen an und pflanzte sich fleissig fort. Zur gleichen Zeit gab es aber auch Biberspuren beim Wohlensee. Diese Population ist höchstwahrscheinlich aus dem Niederried eingewandert, wo bereits früher Biber ausgesetzt wurden. Die Populationen wuchsen rasch zusammen. «Vom Schwellenmätteli in Bern wissen wir, dass Biber dort sowohl flussaufwärts als auch -abwärts wandern», sagt Angst.

Gibt die Uferböschung nicht genug Nahrung und Baumaterial her, tun sich die Biber gerne an Zuckerrüben oder Privatgärten gütlich. Die augenfälligen Frassschäden sind aber nicht der Grund, warum einige den Biber am liebsten wieder ausrotten würden. Die Nager bauen auch Gänge in die Uferböschungen und stauen kleinere Gewässer, damit die Eingänge zu ihren Burgen vor Feinden geschützt unter Wasser liegen. So unterhöhlen sie die oft direkt darüber liegenden Strassen und Wege – diese können einstürzen. Das ärgert besonders die Besitzer und die Landwirte, welche die Strassen benutzen, um ihre Felder zu bewirtschaften. Der Biber sei hier eigentlich nur ein Symptom, sagt Christof Angst: «Wenn er negativ auffällt, ist dies ein Zeichen dafür, dass mit dem Gewässer nicht alles zum Besten steht.» Ein zu enges Bett, keine Schwemmfläche und zu dicht am Wasser liegende Strassen oder sogar Siedlungen sind das eigentliche Problem.

Wüten, ohne zu stören

Im Unterschied zu ihnen schafft sich der Biber aber stur seine eigene Umwelt. Einige Meter unverbauter Ufersäume würden laut Angst die meisten Konflikte entschärfen – eine Massnahme, die im revidierten Gewässerschutzgesetz ohnehin vorgesehen ist. In solchen Ufersäumen kann der Biber «wüten», ohne zu stören. So einfach die Lösung klingt, überall umsetzbar ist sie nicht (siehe Text unten). Im Grossen und Ganzen sagt Angst dem Biber aber eine sichere Zukunft voraus. Auch wenn er nicht bei allen willkommen ist, er wird nicht so schnell wieder aus dem Mittelland verschwinden.

Berner Zeitung

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