Fotos zeigen den ungeschminkten Alltag der Polizei

Angehende Fotojournalisten erhielten Einblick in die Arbeit der Kantonspolizei. Entstanden ist dabei aber keine Imagekampagne, sondern eine Ausstellung, welche die Menschen in den Uniformen zeigt.

  • loading indicator

Mit tränenden und roten Augen blicken sie einen an, junge Polizeischülerinnen und -schüler. Einer wischt sich mit einem Frotteetuch das Gesicht ab. Die haben sicher ein hartes Konditionstraining hinter sich, denkt man beim Betrachten der Porträtserie – und bemerkt erst auf den zweiten Blick, was dahintersteckt: Fotografiert wurden die angehenden Polizisten nach einem Selbstversuch mit Pfefferspray. «Sie sollten am eigenen Leib erfahren, wie sich das anfühlt», sagt Carole Lauener, die die Bilder gemacht hat. Sie ist eine von neun Studierenden am Medienausbildungszentrum (MAZ) Luzern, denen die Kantonspolizei Bern während fast eines Jahres Einblick in ihre Arbeit gewährte. «Der zweite Blick» heisst das schweizweit einmalige Projekt, das zu einem Bildband und einer Ausstellung führte (siehe Kasten).

Verständnis wecken

Die Idee zu der ungewöhnlichen Zusammenarbeit hatte Kapo-Mediensprecher Michael Fichter. Als ehemaliger Journalist und Pressefotograf kennt er beide Seiten. Natürlich wolle man mit dem Projekt auch Verständnis für die Arbeit der Polizei wecken, sagt Kommandant Stefan Blättler. Eine Imagekampagne sei «Der zweite Blick» aber nicht.

«Die Bilder zeigen den wahren Polizeialltag.» Die Polizei machte den Fotografinnen und Fotografen keine inhaltlichen Vorgaben. In sämtlichen Abteilungen wurden Ansprechpersonen bestimmt, welche den Studierenden die Türen öffneten. Was juristisch und ethisch vertretbar war, durfte gezeigt werden. Die Zusammenarbeit klappte aber nicht von Anfang an reibungslos.

Anfängliche Skepsis

«Beide Seiten waren skeptisch», sagt der Dezernatschef der Sondereinheit Enzian. Er möchte aufgrund seiner Position nicht namentlich genannt werden. «Ich hatte auch schon schlechte Erfahrungen mit Medienschaffenden gemacht und war zurückhaltend.» Die ihm zugeteilte Fotografin Giorgia Müller sagt lachend: «Das habt ihr mich auch spüren lassen!» Mit der Zeit sei aber auf beiden Seiten ein Vertrauensverhältnis entstanden.

Das Resultat sind Einblicke, die so noch nie möglich waren. Die Fotos zeigen Grosseinsätze wie die Verhaftung des «Heilers», aber auch unspektakuläre Alltagsarbeit: Eine berittene Polizistin erklärt einem Touristen vom Pferderücken aus den Weg. Man beobachtet Polizisten beim Znüni oder daheim beim Essen mit der Familie. Man sieht Polizeialltag und denkt: Das möchte ich nicht machen. Polizisten, die nach einem Freitod als erste vor Ort sind. Ein Beamter beugt sich über das Bett und deckt den Verstorbenen zu. Eine Fotoserie zeigt die Spurensicherung, nachdem an der Aare eine Leiche gefunden worden ist. Bei manchen Bildern läuft es einem kalt den Rücken hinunter, bei manchen muss man einfach lachen: Ein Polizist schneidet Hanfpflanzen zurück, einer ist für eine Übung mit einem rosa Jupe verkleidet. Aber: Alle Fotografen agierten mit der nötigen Zurückhaltung, niemand wird blossgestellt. Ein «zweiter Blick», der sich lohnt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...