Eine Velofahrt mit direktem Draht zum lieben Gott

Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn wollen Velofahrer einladen, entlang der Herzroute Kirchen zu besuchen. Dazu gibt es einen Workshop in Biglen und in Walkringen.

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Die Herzroute ist eine Velostrecke, die für E-Bikes ausgetüftelt wurde (siehe Box). Im Kanton Bern stehen entlang dieser Route etwa zwanzig Kirchen. Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso) haben nun die Zusammenarbeit mit den Herzrouteverantwortlichen aufgenommen. Mit einem Pilotprojekt wollen sie dazu anregen, diese Kirchen zu öffnen und Velotouristen einzuladen, die Gotteshäuser zu besuchen.

«Es geht nicht darum, Glaubensinhalte zu vermitteln, sondern darum, lebendige Gastfreundschaft zu praktizieren», sagt Ralph Marthaler. Der Beauftragte Kirche und regionale Entwicklung hofft, dass damit die Kirchen für die Menschen eine neue Bedeutung erhalten. Unter dem Motto «Fährt Gott Velo?» bietet Marthaler nun in Walkringen und Biglen einen Workshop an, um mit den lokalen Kirchen nach Wegen zu suchen, wie die Gastfreundschaft für Velofahrer in ihrem Dorf ausgestaltet werden könnte. Falls mehr als zehn Kirchgemeinden mitmachen, wird die Zusammenarbeit von Kirche und Herzroute 2015 offiziell lanciert.

Angebote für Velofahrer

Um bei diesem Pilotprojekt mitmachen zu können, muss die Kirche mehrere Bedingungen erfüllen: Sie muss an der Herzroute liegen, jeden Tag von 9 bis 18 Uhr offen sein und etwas Besonderes anbieten, das sich ausdrücklich an Velotouristen richtet. «Das kann ein Velofahrergottesdienst oder auch nur ein Krug mit Wasser sein», sagt Ralph Marthaler. Es gehe darum, dass die Kirchen verlässlich geöffnet seien. Auch darum, Gastfreundlichkeit zu zeigen, und um spezielle Gesten gegenüber den Velofahrern, wie etwa einen Hinweis auf das WC, ein besonderes Gästebuch oder Spiele für Kinder.

Eine Frage drängt sich auf: Ist dieses Pilotprojekt eine PR-Aktion, die dazu dient, Menschen in die meist leeren Kirchen zu holen? Ralph Marthaler versteht, dass dies durchaus so wahrgenommen werden könnte. Er erklärt aber, dass dieses Projekt in erster Linie eine neue Nähe zwischen Kirche und Menschen schaffen wolle. «Wir möchten eine lebendige Kirche, die nicht nur am Sonntag offen ist und die den Menschen ihre Schätze zeigt und sich gastfreundlich präsentiert.» Dazu komme, dass Kirchen praktisch die einzigen öffentlichen bedachten Gebäude seien, die Velotouristen oder Wanderer vor Unwetter schützten und einen Moment der Stille böten, ohne dass sie dafür etwas konsumieren müssten.

Beispiel Taubertal

Inspiration für eine kirchliche Veloroute holte sich Ralph Marthaler im «lieblichen Taubertal». Hier, nordöstlich von Stuttgart, führt einer der bekanntesten Radwege Deutschlands an dreissig Kirchen vorbei. Nebst dem, dass Velotouristen für Leib und Seele Ruhe finden, gibt es im Taubertal auch praktische Dinge wie Velopumpen oder Werkzeuge, eine Bank zum Ausruhen, eine stille Nische in der Kirche sowie Hinweise auf die nächste Velomechanikerwerkstätte.

So stellt sich das Ralph Marthaler entlang der Herzroute vor. Er, selber ein begeisterter Velofahrer und Wanderer, ist gespannt, ob das Pilotprojekt an der Herzroute auf Resonanz stösst. An einem Workshop in Biglen und in Walkringen werden Vertreter der Herzroute und der Radwegekirchen aus dem Taubertal den lokalen Kirchenleuten Möglichkeiten aufzeigen, wie sie Gäste empfangen können.