«Eine Bodenverlegung ist markant teurer, das bleibt so»

Für die BKW ist eine unterirdische Verkabelung der Hochspannungsleitung Wattenwil–Mühleberg kein Tabu mehr. Doch die Kostenfrage bleibt für die Netzverantwortliche Suzanne Thoma zentral.

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Lucia Probst

Frau Thoma, 20 Jahre lang hat die BKW für den oberirdischen Ausbau der Hochspannungsleitung Wattenwil–Mühleberg gekämpft. Jetzt akzeptieren Sie ein Urteil, das eine Studie für eine unterirdische Teilverkabelung verlangt. Wieso?
Suzanne Thoma: Grundsätzlich ist ein Gerichtsurteil erst mal zur Kenntnis zu nehmen. Wir können akzeptieren, dass man nochmals fundiert prüfen will, was die Auswirkungen einer stärkeren Verkabelung wären. Das hätte die vom Gericht verlangte Studie zeigen sollen. Deshalb fechten wir das Urteil nicht an.

Das heisst, bei Ihnen fand ein Umdenken statt.
Wir sind lösungsorientiert und wollen diese Leitung bauen: So wollen wir auch die Anpassung unserer Position verstanden wissen. Einfach immer unter der Bedingung, dass die ökologischen und wirtschaftlichen Vor- und Nachteile einer Verkabelung sachlich abgewogen werden. Wir sehen uns im Dienste der Kundschaft und der Bevölkerung. Wenn diese am Ende des Tages die Leitung ganz oder teilweise unterirdisch verkabelt haben wollen, werden wir das tun.

Zumindest die betroffene Bevölkerung will das seit 20 Jahren.
Das stimmt. Meine Vorgänger haben sich vor 10 Jahren sicher noch stärker gegen die Idee gewehrt. Nicht zuletzt, weil sie damals auch technisch kaum realisierbar gewesen wäre. Sie gewichteten auch stärker, dass Störungen bei Bodenleitungen schwieriger zu beheben sind.

Sie sagen, es gibt Vor- und Nachteile. Wie sehen die für Sie aus?
Eine Verkabelung sieht vermutlich schöner aus, hat aber nicht zwingend ökologische Vorteile. Es hat Kabel im Boden, es braucht Betonschächte, Wartungsstationen, Zufahrtsstrassen. Umstritten ist auch, ob die Kabel zu einer lokalen Erderwärmung führen. Die Strahlung hingegen lässt sich im Boden besser eindämmen. Es gibt zu diesen Punkten verschiedene Meinungen. Sicher ist: Keine Variante ist einfach problemlos. Nach allem, was wir wissen, ist eine Bodenverlegung auch markant teurer. Das ist ein Nachteil.

Die Kosten sind für Sie seit je ein zentrales Argument. Wie viel teurer würde die Bodenleitung?
Im Fall von Wattenwil–Mühleberg führt die Leitung durch anspruchsvolles und waldiges Gebiet. Deshalb muss man davon ausgehen, dass die Investitionen deutlich höher sind.

Was heisst das konkret?
Nach einer internen Schätzung, die wir vor ein paar Jahren erstellt haben, wäre die Bodenleitung rund achtmal teurer. Heute wäre es wohl wegen der technischen Entwicklungen möglicherweise etwas weniger, aber immer noch sehr viel mehr. Konkreter lässt es sich noch nicht beziffern.

Die Gegner sagen, die heutige Linienführung sei für eine Leitung im Boden mässig geeignet, und verlangen eine völlig neue Linienplanung. Ist das für Sie ein realistisches Szenario?
Dann müssten wir wieder bei Adam und Eva anfangen. Deutlich bessere mögliche Trasseeführungen sind zurzeit nicht erkennbar. Es ist und bleibt topografisch ein schwieriges Gebiet.

Sie haben also wenig Sinn für diese Forderung.
Wir sehen die Forderung eher als taktisches Manöver. Wir können das Trassee nicht beliebig wählen, jede Variante wird wieder andere Anwohner treffen. Wäre das Trassee länger, würde es auch deutlich mehr kosten. Da muss man realistisch bleiben.

Für die Gegner ist klar: Gemäss heutigem Stand der Technik gehört die Leitung in den Boden.
Natürlich sehen auch wir den Entwicklungsschub der letzten Jahre. Eine Verkabelung ist realistischer geworden. Wir sagen nicht mehr, dass die Bodenleitung aus technischen Gründen grundsätzlich nicht möglich ist. Jedes Projekt muss aber individuell angeschaut werden. Jede Leitung hat eine andere Funktion im Gesamtnetz.

Dabei sind die Kosten für Sie ein entscheidender Faktor.
Die Kostenfrage ist definitiv ein wichtiger Faktor. Die Behörden verlangen von uns, dass die Netznutzungskosten sinken. Müssen wir teure Leitungen bauen, werden sie aber höher. Wir müssten die Kosten der Kundschaft überwälzen können. Ein Mercedes kostet auch mehr als ein VW.

War es nicht eine Zwängerei der BKW, trotz der Bedenken der Anwohner so lange an der oberirdischen Leitung festzuhalten?
Es hätte durchaus die Möglichkeit gegeben, die Güterabwägung durch die Behörden früher vornehmen zu lassen. Technisch ist vermutlich heute alles möglich, es stellt sich aber die Frage von Kosten und Nutzen.

Hat Ihr erlahmender Kampfgeist auch damit zu tun, dass die Leitung gar nicht mehr lange der BKW gehört?
Jein. Es ist richtig, die nationale Netzgesellschaft Swissgrid wird spätestens Ende Jahr die Verantwortung für das Projekt übernehmen. Aber wir sind Aktionärin der Swissgrid, wir werden den Parallelstrang von 132 Kilovolt behalten, und natürlich ist uns die Versorgung der Region Bern weiterhin wichtig.

Trotzdem: Sie werden so elegant ein mühsames Projekt los.
Wir stehen zu diesem Projekt. Es ist ein wichtiges Projekt. Natürlich kann man sagen, dass wir einen Schritt zurücktreten. Aber wir scheuen uns nicht vor der Verantwortung. Und sind auch sicher, dass es am Ende eine Lösung gibt, die akzeptiert wird. Wir kooperieren schon jetzt eng mit der Swissgrid. Diese Kooperation wird bestehen bleiben.

Was tut die BKW jetzt: Warten, bis das Bundesgericht entschieden hat, oder nimmt sie proaktiv Änderungen am Projekt vor?
Ich werde meinen Ingenieuren den Auftrag geben, die verschiedenen Szenarien von der Teilverkabelung bis zur kompletten Bodenleitung nochmals grob zu sondieren. Unsere Hochspannungsspezialisten kennen auch das Terrain sehr gut. Sie sind als Techniker an einer Kabellösung sehr interessiert, weil diese für sie innovativer und herausfordernder wäre.

Wann rechnen Sie mit dem Bundesgerichtsurteil?
Das ist offen. Wir hoffen, dass wir es in einem Jahr haben werden.

Braucht es die verstärkte Leitung überhaupt noch, wenn das Atomkraftwerk Mühleberg abgeschaltet werden soll?
Ja, es braucht die Leitung trotzdem. Sie hat mit dem Kernkraftwerk direkt nichts zu tun. Vielmehr geht es um den Abtransport von Strom aus dem Grimselgebiet. Im Rahmen der neuen Energiepolitik ist die neue Leitung sogar noch wichtiger als früher, im Grimselgebiet soll ja die Wasserkraft ausgebaut werden.

Der Ausbau der Leitung ist bis auf weiteres verzögert. Werden wir das zu spüren bekommen?
Die Leitung ist wichtig für die Versorgungssicherheit der Region Bern und sollte längst ausgebaut sein. Ob und wo ihr Fehlen spürbar wird, hängt von diversen Entwicklungen im Strombereich ab. Klar ist: Um Strom zu transportieren, braucht es Leitungen. Unsere Grosseltern haben das akzeptiert, davon profitieren wir noch immer. Heute will jeder günstigen Strom, aber niemand will eine Leitung, die durch den eigenen Garten führt.

Suzanne Thoma (49) ist Chemieingenieurin ETH und leitet bei der BKW seit 1. August 2010 den Geschäftsbereich Netze. Sie ist auch Mitglied der Konzernleitung.

Berner Zeitung

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