Drei neue Linke ziehen für Bern ins Bundeshaus

Aline Trede (Grüne), Flavia Wasserfallen und Adrian Wüthrich (beide SP) sind die neuen Nationalräte im Kanton Bern. Als Linke machen sie sich keine Hoffnung auf grosse Erfolge im Bundeshaus. Doch am Ball bleiben lohnt sich.

<b>Brauchen strategisches Geschick</b> bei ihren künftigen Zügen im Bundeshaus (von links): Die neuen Nationalrätinnen Aline Trede (Grüne, Bern), Flavia Wasserfallen (SP, Bern) und der neue Nationalrat Adrian Wüthrich (SP, Huttwil).

Brauchen strategisches Geschick bei ihren künftigen Zügen im Bundeshaus (von links): Die neuen Nationalrätinnen Aline Trede (Grüne, Bern), Flavia Wasserfallen (SP, Bern) und der neue Nationalrat Adrian Wüthrich (SP, Huttwil). Bild: Raphael Moser

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Es könnte ein Klassentreffen sein: Die drei Menschen, die sich an diesem Morgen beim aufgemalten Schachspiel auf dem Berner Bärenplatz begrüssen, sind ungefähr gleich alt. Doch Aline Trede (Grüne, 34, Bern), Flavia Wasserfallen (SP, 39, Bern) und Adrian Wüthrich (SP, 38, Huttwil) sind an diesem Tag nicht zur Klassenzusammenkunft gekommen.

Auch nicht zum Schachspielen, obschon ihre künftige Tätigkeit ebenfalls viel Strategie erfordert: Sie ziehen nächste Woche als die drei neuen National­räte des Kantons Bern ins Bundeshaus.

Trede und Wasserfallen folgen auf Christine Häsler und Evi Allemann, die beide in die Berner Kantonsregierung gewählt worden sind. Und Wüthrich übernimmt den Sitz des verstorbenen Alexander Tschäppät.

Von Tipps und Mehrheiten

Die Jüngste des Trios hat in Sachen Nationalrat am meisten Erfahrung: Die Stadtbernerin Aline Trede rutschte bereits 2013 ins Bundesparlament nach, wurde 2015 aber abgewählt.

Welche Tipps gibt sie den Newcomern von der SP? Trede schmunzelt. «Man sollte immer möglichst schnell zum Abstimmungsknopf rennen können.» Zudem habe sie sich mit Security- und Servicepersonal angefreundet, falls sie Hilfe brauche oder mal kein Geld dabei habe.

Dann jedoch wird sie ernst: «Politische Mehrheiten werden wir Linken mit der aktuellen Konstellation im Parlament kaum erreichen.» Vor vier Jahren sei das noch anders gewesen. «Da konnten wir ab und zu Allianzen mit Teilen der CVP sowie der GLP schmieden.» Doch das sei nun vorbei, weil SVP und FDP die absolute Mehrheit haben. «Wir müssen auf die nächsten Wahlen hoffen – und versuchen, Abweichler zu gewinnen.»

Parlamentserfahrung haben sie alle drei: Wasserfallen war von 2002 bis 2012 Grossrätin, Wüthrich wird wegen seines Nationalratsmandats aus dem Kantonsparlament zurücktreten. «Im Grossen Rat ist es möglich, während der Debatte im Plenum auf Voten einzugehen und mit Argumenten etwas zu bewirken», sagt er.

Im Nationalrat hingegen werde noch mehr in der Kommission entschieden. Für Trede war die Umstellung vom Berner Stadtrat zum Nationalrat deshalb besonders gross. Zudem waren die Mehrheiten anders: Im Stadtrat ist die Linke die starke Macht.

Von Rollen und Unterschieden

Sie stehen sich politisch nahe. «Bei 95 Prozent der Abstimmungen werden wir den gleichen Knopf drücken», ist Wasserfallen überzeugt. Dennoch gibt es Unterschiede. Trede ist zum Beispiel gegen das Geldspielgesetz, die SP-Leute sind dafür.

Fragt man sie nach ihren Kernanliegen, sind es unterschiedliche: Trede nennt die Grundrechte im digitalen Raum und die Umsetzung der Energiewende. Wasserfallen will die Last der Krankenkassenprämien reduzieren und für Lohngleichheit kämpfen. Wüthrich setzt sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein und will bei der Altersvorsorge einen Schwerpunkt setzen.

«Bei 95 Prozent der Abstimmungen werden wir den gleichen Knopf drücken.»Flavia Wasserfallen, SP

Sie nehmen zudem im linken Spektrum unterschiedliche Rollen ein: Travailsuisse-Präsident und Land-SPler Adrian Wüthrich ist eher gegen die Mitte orientiert, sucht Kompromisse mit den Bürgerlichen, fordert mit der Vaterschaftsurlaubsinitiative ein «Minimalziel» von vier Wochen. Städterin Aline Trede hingegen setzt sich gerne pointiert für linke Anliegen ein.

«Die Bürgerlichen nehmen auch dezidiert rechte Positionen ein. Wenn wir nicht klar links zu argumentieren beginnen, können wir uns gar nicht in der Mitte treffen – sondern landen im rechten ­Spektrum.»

Flavia Wasserfallen sieht nebst der Parlamentsarbeit eine zweite Rolle: Gerade für Minderheiten sei es wichtig, über Initiativen und Referenden auch von aussen immer wieder Druck aufzusetzen.

Die ehemalige Co-Generalsekretärin der SP Schweiz sieht in dieser Doppelrolle eine Stärke ihrer Partei. Auch wenn die Linke im Parlament auf Beton stosse, könne sie manchmal beim Stimmvolk auftrumpfen. Es ist eine Mischung aus Beharrlichkeit und Kompromiss, die sie ­anstrebt.

Von Kindern und Umfeld

Eine weitere Gemeinsamkeit neben dem Alter und der politischen Gesinnung ist die Familiensituation der drei Neo-Nationalräte: Alle drei sind verheiratet und haben kleine Kinder. Der durchschnittliche Nationalrat wendet 87 Prozent Arbeitszeit für sein Mandat auf, zeigte eine Studie der Universität Genf letztes Jahr.

Viel Freiraum bleibt da nicht. Und auch hier finden sie unterschiedliche Lösungen: Wasserfallen teilt sich die Betreuungsarbeit mit ihrem Mann. Beide arbeiten nicht 100 Prozent, und so soll es aus ihrer Sicht auch bleiben.

«Politische Mehrheiten werden wir Linken mit der aktuellen Konstellation im Parlament kaum erreichen.»Aline Trede, Grüne

Bei Trede wäre es in ihren beiden Jahren als Nationalrätin nicht ohne Grosseltern gegangen. Nun wird ihr Mann das Arbeitspensum reduzieren und hauptsächlich zu den Kindern schauen, da sie ihre eigene Firma weiterführen wird. Sie geht aber davon aus, dass sie auch während der Sessionen auf die Grosseltern angewiesen sein wird. «Die Sitzungen dauern jeweils bis 19 Uhr. Ich könnte also nie ein Kind von der Kita abholen.»

Im Grossen Rat sei dies hingegen möglich, sagt Wüthrich. Eigentlich hatte er sich einen Tag in der Woche als Vatertag frei halten wollen – was mit der Wahl in den Grossen Rat 2010 Geschichte war.

In seiner damaligen Stelle erhielt er kein tieferes Pensum als 80 Prozent, und auch das Travailsuisse-Präsidium umfasst dieses Pensum. Seine Frau habe zwar gerade gekündigt, allerdings, weil sie sich beruflich neu orientieren will. «Es ist schon eine Herausfor­derung.»

Trede wirft ein, dass es in Exekutivämtern nochmals schwieriger sei, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. «Da sind wir noch nirgends.» Jobsharing wäre für sie die Lösung, auch für Regierungsräte. «In der Leitung des SP-Generalsekretariats funktionierte das jedenfalls gut», stellt Wasserfallen fest.

Und verweist auf einen gemeinsamen Nenner: «Adrian Wüthrich hat als Gemeinderat dafür gekämpft, dass es überhaupt eine externe Kinderbetreuung in Huttwil gab. Wir in Bern setzen uns dafür ein, dass es genügend und auch für Menschen mit tieferen Einkommen bezahlbare Plätze gibt.» Das Anliegen sei dasselbe, das Umfeld aber ein anderes. «In diesem Umfeld etwas zu bewegen, ist wohl das, was uns antreibt.»

Von Wegen und spätem Glück

Gemeinsamkeit Nummer vier der drei Politiker: Sie sind alle sehr jung in die Politik eingestiegen. Wüthrich gründete als 17-Jähriger in Walterswil eine SP-Sektion und das Jugendparlament Oberaargau. Trede rief mit 21 Jahren die Jungen Grünen ins Leben. Wasserfallen wurde mit 23 Grossrätin. Jetzt, nach über 20 Jahren Politik, wisse er besser, welche Hebel er für welche Anliegen in Bewegung setzen müsse, sagt Wüthrich.

«Das Verrückte aber ist: Die Themen sind noch immer die gleichen wie damals, als wir eingestiegen sind.» Das zeige, dass Politik einen langen Atem brauche. Viele ehemalige junge Parteimitglieder seien nicht mehr da, weil ihnen dieser gefehlt habe.

«Das Verrückte ist: Die Themen sind noch immer dieselben wie damals, als wir eingestiegen sind.»Adrian Wüthrich, SP

Für Trede setzt Politik aber auch viel Energie frei. «Das spürte ich nicht nur bei der Gründung der Jungen Grünen. Wenn eine Gruppe zusammenkommt, die etwas erreichen will, kann man etwas bewirken.» Das fasziniere sie.

Doch spätestens bei Wahlen stehe man in der Gruppe als Konkurrenz zueinander. Was das bedeuten könne, habe sie mit ihrer Abwahl am eigenen Leib erfahren. «Man muss es schaffen, trotzdem zusammenzuhalten», ist sie überzeugt. Und deshalb kehre sie auch mit Freude zurück ins Bundeshaus.

«Die Freude an der Debatte, die nie zu Ende ist, ist für mich über die Jahre hinweg immer weiter gewachsen», sagt Wasserfallen. Sie liebe es, in den Ring zu steigen und in einer kontroversen Diskussion mit Argumenten zu kämpfen.

Und die besseren Argumente würden sich irgendwann durchsetzen. Das zeige die Einführung der AHV oder das Frauenstimmrecht. «Genau», sagt Trede, «und irgendeinisch fingt ds Glück eim – wie bei YB.»

BundesBern: In einer losen Serie berichten wir im Rahmen der Sessionen des nationalen Parlaments über Berner Stände- und Nationalräte und -rätinnen, die jeweils besonders im Fokus stehen. Dieser Beitrag bildet den Anfang der Serie. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.05.2018, 11:14 Uhr

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