«Die meisten wollen nicht einfach Däumchen drehen»

Neophyten bekämpfen oder im Brockenhaus helfen: Beschäftigungsprogramme bieten Asylsuchenden die Möglichkeit, nicht nur Däumchen drehend auf ihren Asylentscheid zu warten.

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Lucia Probst

Etwas arbeiten zu können, sei vielen Asylsuchenden wichtig, sagt Andreas Flury. «Natürlich gibt es immer auch schwarze Schafe, aber die meisten wollen nicht einfach Däumchen drehen.» Flury ist Projektleiter für die Beschäftigungsprogramme im Asylbereich, welche die Heilsarmee Flüchtlingshilfe im Kanton Bern anbietet.

Fast 48'000 Stunden haben Asylsuchende in der Region Bern und im Emmental letztes Jahr in diesem Rahmen gearbeitet. Gedacht sind die Programme für jene, die auf ihren Asylentscheid warten. Das sind zwei Gruppen: die Asylsuchenden in den Durchgangszentren und jene, die danach in Wohnungen untergebracht sind, aber noch nicht wissen, ob sie bleiben können.

Bis zum Halbtagesjob

Die Hürden sind also tief – und doch kommen nicht alle in ein Programm. «Wir haben eine Warteliste», sagt Flury. «Die Plätze sind sehr gefragt, obwohl die Leute für ihre Einsätze herzlich wenig bekommen.» Manche müssten sich auch überwinden, mitzumachen, sagt Flury. Vor allem für gut Ausgebildete sei es oft ein Schock, zu merken, dass sie hier ganz von vorne anfangen müssten. «Für den Anwalt aus Syrien ist es hart, Neophyten ausreissen zu gehen.»

Wer in einem Programm mitmacht, erhält mindestens 2.50 Franken pro Stunde. Manche Programme dauern nur Stunden oder ein paar Tage. Das sind vor allem Einsätze in der Natur, Aufräumarbeiten und kleinere Sozialeinsätze. Andere bieten Halbtagesjobs. «Diese Angebote sind besonders beliebt», sagt Flury. Wer sich zum Beispiel in einem Brockenhaus oder einem Recyclingbetrieb engagiert, erhält monatlich bis zu 200 Franken. «Die Leute mit diesen Jobs fühlen sich als Teil unserer Gesellschaft», sagt Flury. Zu sehen, wie viel besser es ihnen meistens gehe, sei eine schöne Erfahrung. Zehn verschiedene Programme in 27 Einsatzbetrieben bietet die Heilsarmee total an.

Nur gemeinnützige Arbeiten

Auch der finanzielle Zustupf ist willkommen. 9.50 Franken erhält ein Asylsuchender täglich für Essen und Unterhalt. Wer bereit ist, bei den Arbeiten im Asylzentrum mit anzupacken, kann sich bis zu 3 Franken pro Tag dazuverdienen. «Das ist quasi die erste Stufe», sagt Flury. Die zweite seien die Beschäftigungsprogramme.

Was die Asylsuchenden machen, darf den regulären Arbeitsmarkt nicht konkurrenzieren. Das ist für Flury oft eine Krux. Er erhalte immer wieder Anfragen, erzählt er. Von Bauern, die Erntehelfer suchen. Oder von Verpackungsfirmen. Doch meistens muss er ablehnen. «Es darf sich nur um gemeinnützige Arbeit handeln.» So seien letztlich nur Arbeiten möglich, um die man zwar froh sei, die sonst aber niemand machen würde.

Vor allem mit Gemeinden und Non-Profit-Organisationen arbeitet die Heilsarmee zusammen. «Wir geben ihnen die Arbeitskräfte, dafür erhalten die Asylsuchenden eine Tagesstruktur, das ist der Deal», sagt Flury. «Ich bin froh um jede Möglichkeit, die sich ergibt.» Die Konkurrenz sei gross. Flury verweist auf vergleichbare Programme, die es für Arbeitslose, Süchtige oder IV-Bezüger gibt.

Die Asylprogramme muss der Kanton bewilligen. Er bezahlt der Heilsarmee 6 Franken pro Teilnehmer und Stunde, total machte das letztes Jahr rund 285000 Franken. «Das deckt unsere Kosten kaum», sagt Flury. Rund 150'000 Franken hat er letztes Jahr an Asylsuchende ausbezahlt, je rund 100'000 Franken machten die Transportkosten zu den Programmen und der Personalaufwand für die Programme aus.

Jahrelang dabei

Theoretisch dürften sich auch Asylsuchende regulär eine Stelle suchen. Nur in den ersten drei Monaten gilt für sie ein Arbeitsverbot. «Faktisch sind die Hürden im Kanton Bern aber sehr hoch», sagt Andreas Flury. Es gelte der Inländervorrang. Wer einen Asylsuchenden anstellen möchte, muss also nachweisen, dass er niemanden aus der Schweiz oder dem EU/Efta-Raum gefunden hat. «Fast niemand schafft es, so eine Stelle zu bekommen.»

Schwierig findet Flury vor allem die Situation jener Personen, die sehr lange auf ihren Asylentscheid warten müssen. «Sie sind oft jahrelang in unseren Programmen, weil es für sie nichts anderes gibt.» Das mache die Leute depressiv und mürbe und erschwere die Integration, wenn sie schliesslich einen positiven Bescheid erhielten.

Sobald bei jemandem der Asylentscheid vorliegt, erlischt der Anspruch, an den Programmen teilzunehmen. Wer in der Schweiz bleiben kann, erhält danach weit mehr Integrationshilfe. Wer einen negativen Entscheid erhielt, muss ausreisen. Oder taucht unter. «Wer aufgenommen wird, kann den Monat noch zu Ende machen», sagt Flury, «aber danach dürfen wir die Leute nicht mehr beschäftigen.»

Berner Zeitung

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