«Die graue Liste gibt es nur noch in meinem Kopf»

Ueli Affolter, Geschäftsführer des Heimverbands Socialbern, wird pensioniert. Als die schweren Missbräuche des Betreuers H. S. bekannt wurden, kämpfte er für schärfere Kontrollen. Sexuelle Ausbeutung in Heimen begleitete Affolter schon seit Kindestagen.

Ein Aufpasser sagt Adieu: Ueli Affolter überlässt die 
Geschäftsführung von Socialbern einem Nachfolger.

Ein Aufpasser sagt Adieu: Ueli Affolter überlässt die Geschäftsführung von Socialbern einem Nachfolger. Bild: Andreas Blatter

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Herr Affolter, Sie sind in Internaten aufgewachsen, zuerst in Adelboden, danach im Oberried in Belp. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit zurück?
Ueli Affolter: Gut und schlecht. Beides waren Heime für Mehrbessere. Jenes in Adelboden war zudem international, wir zogen morgens sechs Fahnen am Mast auf, darunter die türkische, das war lustig. Mit den anderen Kindern hatte ich sehr gute Erlebnisse. Aber ich war bereits als Drittklässler im Internat, weil mein Vater in die USA ausgewandert war und meine Mutter berufstätig war. Das finde ich heute verrückt – ich war noch so winzig! Ich hatte auch Heimweh, durfte nur in den Ferien nach Hause. Oft flüchtete ich mich ins Lesen. Erich Kästners «Emil und die Detektive» habe ich bestimmt fünfmal gelesen. Im Oberried wars dann gut, nicht mehr so bedrückend.

In Adelboden erlebten Sie auch erstmals sexuellen Missbrauch.
Es herrschte ein Klima von Zynismus, Gewalt und sexueller Ausbeutung. Ich hatte Glück: Weil ich noch nicht in der Pubertät war, wurde ich nicht zum Opfer. Der Täter verging sich nur an pubertären Jugendlichen.

Wie wirkt das bei Ihnen nach?
Heute kann ich zwar nach Adelboden gehen, war dort auch mit meinen Kindern Ski fahren – aber ich habe noch immer ein gespaltenes Verhältnis zu Bergen. Wenn ich aus dem Fenster schaue und das Chuenisbärgli sehe . . . na ja.

Das Thema sexuelle Ausbeutung in Heimen verfolgte Sie. Als Sie im Schlössli Kehrsatz als ­Sozialpädagoge arbeiteten, ­missbrauchte einer Ihrer Kollegen über 16 Jahre hinweg Ihre Schützlinge. Er flog erst Jahre später auf.
Das verfolgte mich insofern, als ich im Nachhinein sagen musste: Ich habe es auch nicht gemerkt. Er ging sehr raffiniert vor, arbeitete nicht in meiner Gruppe, und ich verstand mich nicht gut mit ihm – wobei das vielleicht auch Schutzbehauptungen sind.

Es traf Sie, dass Sie nichts gemerkt hatten.
Ja. Ich konnte mir zwar erklären, weshalb: Man hatte alle mög­lichen Sicherungen rausgeschraubt. Zum Beispiel machten wir Kollegen bei ihm nachts keine Kontrollen und hatten keinen Schlüssel, um in seine Gruppe zu gehen. Solches Wegschauen war typisch. Wir haben gar nicht daran gedacht, dass so etwas pas­sieren könnte – und wurden dadurch zu nachlässig. Deshalb konnte ich meinen Kollegen später nicht gross vorwerfen, dass sie nicht gemerkt hatten, wie der Betreuer H. S. über 29 Jahre hinweg in neun Heimen über hundert Kinder und Behinderte missbrauchte.

Der Fall H. S. flog 2011 auf, 9 Jahre nach jenem in Kehrsatz. War denn in der Zwischenzeit nichts passiert in Sachen Kontrollmechanismen?
Da war nicht viel passiert. Man hatte den Kehrsatzer Fall medial unter dem Deckel gehalten, was mich damals extrem entsetzte. Ich behaupte noch heute, dass man alles darauf anlegte, einen Skandal zu vermeiden. Es war halt ein kantonales Heim.

War dies der Grund, weshalb Sie dann als Geschäftsführer von Socialbern beim Fall H. S. so offensiv Kontrollen wie etwa offene Türen forderten?
Das kann schon sein, und mein Hintergrund als Internatsschüler spielte sicher auch eine Rolle. Wobei ich immer versuche, die Distanz zu wahren. Mir ging es vor allem darum, dass wir als Institutionen nicht versuchen, etwas zu verbergen.

Sind Sie froh, dass alles auf den Tisch kam?
Ja, vor allem für unsere Heimlandschaft. Der Fall H. S. war eine Katastrophe. Das Vertrauen in unsere Institutionen war verständlicherweise weg. Dass wir so klar sagten, was wir falsch gemacht hatten und wie wir es ­verbessern wollen, half, dieses Vertrauen zurückzugewinnen.

Ist es denn nun besser?
Es ist nicht perfekt, aber besser. Wir haben das Thema jährlich an Weiterbildungen aufgenommen. Zuletzt ging es im Sommer um interne Meldestellen. Nicht alle unsere 300 Mitglieder haben eine solche Stelle, doch sie überlegen sich zumindest, wie sie eine schaffen können. Es gibt aber keine Garantie, dass nicht wieder ein sexueller Übergriff passiert.

Der Informationsaustausch zwischen den Heimen hatte bei H. S. nicht funktioniert. Sie führten danach eine Liste mit Personen, über die Ihnen Auffälliges gemeldet wurde.
Ja, meine berühmte graue Liste. Ich musste sie vernichten. Sie existiert also nur noch in meinem Kopf, mein Nachfolger wird sie nicht mehr haben. Aber der ­Austausch zwischen den Heimen ist heute besser. Die Zeit, in der man einem Mitarbeiter wie H. S. ein gutes Arbeitszeugnis ausstellte, um ihn loszuwerden, ist vorbei.

Weshalb mussten Sie die Liste vernichten?
Der Vorstand wollte das so, weil die Liste juristisch heikel war. Ich hielt auch vage Hinweise fest, ­etwa, wenn ein Betreuer in Pflegesituationen immer die Tür zumachte. Aus Datenschutzgründen ist so etwas nicht erlaubt.

Sollte es erlaubt sein?
Es ist nur dann sinnvoll, wenn eine Stelle Erfahrung damit hat, wie sie mit solchen Informationen umgehen muss. Journalisten fragten mich beim Fall H. S., weshalb es keine schwarze Liste gebe. Aber eine solche Liste nutzt relativ wenig. Es dürfen lediglich Verurteilte verzeichnet werden.

Oft wurden auch Kehrseiten der Kontrollen erwähnt. Steht man heute als männlicher Betreuer unter Generalverdacht?
Das glaube ich nicht. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass die Männer in den Institutionen so fühlen.

Der Fall H. S. war für Sie als Geschäftsführer von Socialbern einschneidend. Die Sparmassnahmen 2013 waren es auch.
Durchaus, ja. Und vor allem auch der Widerstand, den wir damals gemeinsam mit den Selbsthilfeorganisationen leisteten. Seither arbeiten wir viel besser mit der Selbsthilfe zusammen.

Die Zusammenarbeit mit dem kantonalen Alters- und Behindertenamt (Alba) hingegen kritisierten Sie vor einigen Monaten.
Das Alba ist in einer Übergangsphase. Mit der Abteilung für Erwachsene läuft es sehr gut, wobei Abteilungsleiter Claus Detreköy eine zentrale Rolle spielt. Bei der Abteilung Kinder und Jugendliche gab es einfach zu viele personelle Wechsel. Deshalb sind die Ressourcen nicht da, damit Wichtiges angegangen werden kann. Man müsste zum Beispiel dringend sechs Plätze für Kinder und Jugendliche mit einer schweren Verhaltensstörung schaffen. Dieser Mangel führt zu schwierigen Situationen. Institutionen sind überfordert, Leute kündigen, Kinder müssen wieder heim zu den Eltern.

Alba-Chef Markus Loosli hat gekündigt. Er stand immer wieder in der Kritik, sein Amt nicht richtig zu führen.
Ich mochte ihn immer sehr. Man konnte mit ihm Ideen entwickeln. Inwiefern er eine Führungsnatur ist, kann ich nicht sagen. Es gab Situationen, in denen ich mir gewünscht hätte, er würde aufhören zu philosophieren und klare Entscheide fällen.

Wie läuft der Wechsel der Gesundheits- und Fürsorgedirektion von der SP zur SVP aus Ihrer Sicht?
Es ist zu früh dafür, eine Bilanz zu ziehen. Kürzlich führte ich eine Veranstaltung durch, zu der ich jeweils Personen einlade, die bei uns umstritten sind. Da kam der neue Direktor Pierre Alain Schnegg. Er ist bei uns zwar nicht als Person, aber von seiner Parteizugehörigkeit her umstritten. Ich sprach ihn auf die Sparthematik an. Er vermittelte glaubwürdig, dass er zwar sparen werde, aber nicht mehr, als wenn er in einer anderen Partei wäre.

Wie erleben Sie Schnegg?
Er bringt uns sehr viel Offenheit und grosses Interesse entgegen. Ich bin gespannt, wie er sich positioniert, wenn es etwa am 21. Mai um den Kredit für unbegleitete minderjährige Asylsuchende geht. Aber wenn er bekundet, er wolle die Abläufe vereinfachen, hat er unseren Applaus. Er kann als Unternehmer durchaus frischen Wind reinbringen. Die Frage ist, wie weit er mit einsamen Entscheiden wie etwa bei den Kürzungen in der Sozialhilfe kommt.

Schnegg will Institutionen weniger kontrollieren und sie dafür mehr in die Pflicht nehmen. Was sagen Sie dazu – gerade in ­Anbetracht der mangelnden Kontrollen im Fall H. S.?
Die Betriebsbewilligungsstandards, die Pierre Alain Schnegg ausser Kraft gesetzt hat, gehen auch für uns oft zu sehr ins Detail. Gewisse qualitative Vorgaben muss man aber machen. Ich konnte zum Glück einbringen, dass die Punkte, die wir Verbände nach dem Fall H. S. in der Charta zur Prävention sexueller Ausbeutung ausgearbeitet haben, bestehen bleiben. Wenn diese gestrichen würden, würde es mich schwer stören.

Können Sie Beispiele nennen?
Unsinnig ist es etwa, dass eine Institutsleiterin im Kinder- und Jugendbereich immer eine pädagogische Ausbildung mitbringen muss. Sogar die ECTS-Punkte sind vorgeschrieben. Für einen grossen Betrieb wie etwa das ­Behindertenzentrum SAZ Burgdorf sollte das nicht Bedingung sein. Vielleicht bringt jemand ­Erfahrung und eine betriebswirtschaftliche Ausbildung mit, die wichtiger wäre.

Wo sehen Sie die grössten Her­ausforderungen für Ihre ­Mit­glieder in den nächsten ­Jahren?
Es ist eine Herausforderung, den Bedürfnissen nach mehr Selbstbestimmung und mehr Integration in die Gesellschaft gerecht zu werden. Aber die zentrale Aufgabe für die Institutionen ist seit meinen Anfängen 1976 dieselbe geblieben: mit den Kindern, ­Jugendlichen und Behinderten einen Alltag zu gestalten. Wenn ich heute die Frauen treffe, die ich damals betreute, sprechen sie mich darauf daran, wie wir Theater gespielt haben. Sie erinnern sich nicht an meine pädagogischen Fähigkeiten, sondern an den «Hamlet» im Schloss-Estrich. Solche Erlebnisse zählen.

Welche Erlebnisse warten auf Sie nach der Pensionierung?
Meine Erfahrungen als Kind in Adelboden lassen mich nicht los. Ich werde versuchen, zu diesem Thema ein Buch zu schreiben oder einen Dokumentarfilm zu machen. Es ist ein interessanter Fall von sexueller Ausbeutung, er geschah in einer spannenden Zeit in den 1960er-Jahren, als sich die gesamte Gesellschaft veränderte. Die Zeitzeugen sind noch da, ich habe Kontakt zu meinen damaligen Schulkameraden. Ausserdem möchte ich eine Art Comedyprogramm auf die Beine stellen mit einer Kunstfigur, die sich über ­ihre Unzulänglichkeiten aufregt. Schliesslich habe ich in meinem Leben viel mehr Lustiges als Trauriges erlebt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.02.2017, 12:07 Uhr

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