Die Verteidigung der Mundart

Mit Volksinitiativen gegen Hochdeutsch im Kindergarten wehren sich Politiker für die Mundart. Pädagogen halten das für ein emotionales Scheingefecht. Aber die Debatte geht tiefer und über die Schule hinaus. Hinter der Sorge um den Dialekt stehen Identitätsfragen. Im Verhältnis zwischen Hochdeutsch und Mundart widerspiegelt sich auch jenes zwischen Eingeborenen und Eingewanderten.

Darf ich reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist? Um die Frage, ob schon im Kindergarten Hochdeutsch vor der Mundart Vorrang hat, ist eine politische Debatte entbrannt.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Es ist eine Vorstellung, die vielen Deutschschweizer Eltern absurd vorkommt: Ihr Kind fragt beim Basteln im Kindergarten nicht in der vertrauten Mundart, sondern auf Hochdeutsch: «Muss ich den Weihnachtsstern anleimen?» Vierjährige sollen im Schulmodell der Basisstufe schon Hochdeutsch trainieren. Bald, frotzeln Eltern, werde ihr Kind nach einem Sturz in der Turnhalle gar auf Hochdeutsch getröstet: «Tut es weh? Das wird schon wieder!»

Gestörter Sprachfriede

Nach dem Schock über das miese Abschneiden der Schweizer Schüler beim internationalen Lesevergleich in der Pisa-Studie von 2000 setzten die Bildungspolitiker auf Hochdeutsch als pädagogisches Allheilmittel. Jetzt sind sie daran, noch die Altersgrenze für den Hochdeutscheinsatz zu senken – durch die Umsetzung des interkantonalen Schulkonkordats Harmos, in dessen Rahmen der Kindergarten und die ersten zwei Schuljahre zur Basisstufe verbunden werden können.

Aus dem Unbehagen gegen diese Hochdeutschoffensive schlagen Politiker Kapital. In den Kantonen Zürich und Basel-Stadt sind Volksinitiativen «für Mundart im Kindergarten» – von der EVP und der SVP – zustande gekommen. Im Kanton Luzern sammelt die Junge SVP Unterschriften. Die drei Kantone haben in ihren Lehrplänen für den Kindergarten eine Quote festgelegt: Ein Drittel oder gar die Hälfte der Unterrichtszeit soll auf Hochdeutsch erfolgen. Die Volksbegehren wollen nun den Dialekt im Kindergarten als Hauptsprache festschreiben.

Der Unmut hat über das Schulzimmer hinausgegriffen. Das zeigen die Reaktionen auf ein Hochdeutschplädoyer des renommierten Zürcher Literaturprofessors Peter von Matt im «Tages-Anzeiger». Er sprach dort vom «Wahn», Mundart als Muttersprache und Hochdeutsch als Fremdsprache zu betrachten. Und er befand, wer im Gespräch mit Deutschen nicht auf Hochdeutsch umschalte, sei «ungehobelt, bäurisch und stillos». Von Matts Polemik kam den zahlreich reagierenden Leser als professorale Herabminderung ihrer Herzenssprache vor. Sie fühlten sich in ihrem sprachlichen Selbstverständnis nicht ernst genommen.

Unverwüstliches Berndeutsch

Auch im Kanton Bern kommt die Mundartfrage aufs Tapet. Erich Hess, Präsident der Jungen SVP Schweiz, will nächste Woche im Grossen Rat mit einer Motion fordern, die Unterrichtssprache im Kindergarten müsse «grundsätzlich Schweizerdeutsch» sein. Leidet auch das Berndeutsch unter dem Vormarsch des Hochdeutschen?

Die Nachfrage bei den eigenen und anderen Kindern ergibt ein etwas anderes Bild. Berndeutsch scheint gegen fremde Einflüsse ziemlich widerstandsfähig zu sein. Ältere Berner Volksschullehrer unterrichten die Mathematik durchwegs im Dialekt. Wenigstens im Deutsch bemühen sich die Lehrkräfte, wie es der Berner Lehrplan vorschreibt, um Hochdeutsch, fallen aber für disziplinarische Anweisungen gern in die Mundart zurück.

Die Schüler schreiben nur in der Schulstunde Hochdeutsch, in der Pause aber tippen sie einen abenteuerlichen Mundartfreistil in ihre Handys: «Cha chum chille, dä lehrer isch wieder sooooo psycho. U sis outfit: abartig schwul.» (Auf Hochdeutsch: Kann mich kaum erholen, der Lehrer ist wieder so gestört. Und seine Kleidung: sehr peinlich.)

Spielraum im Berner Lehrplan

«Die SVP rennt offene Türen ein, das Thema wurde im Kanton Bern schon geklärt», sagt der kantonale Erziehungsdirektor, Regierungsrat Bernhard Pulver. 2007 haben Petitionäre und dann SVP-Grossrat Thomas Fuchs in einer Motion gefordert, die Mundart müsse in Fächern wie Werken und Turnen Standard bleiben. Man habe Fuchs beruhigen können, dass dem so sei, sagt Pulver. Der Berner Lehrplan von 2006 sei in der Sprachenfrage bewusst liberal. In der Volksschule solle «grundsätzlich, gezielt und bewusst Hochdeutsch» gesprochen werden, was auch Spielraum lasse für den Dialekt.

Für den Kindergarten verlangt der Berner Lehrplan keine Hochdeutschquote, sondern einen «differenzierten und spielerischen Umgang» mit der Mundart wie auch dem Hochdeutsch. Für die Kleinsten gebe es keine Hochdeutschpflicht, und es sei auch keine vorgesehen, sagt Pulver.

Hochdeutsch gegen Dialekt?

Der Erziehungsdirektor kann die Sorge der SVP um die Mundart nicht nachvollziehen. Die Partei fordere in ihrem eben lancierten SVP-Lehrplan für die Volksschule ja selber ein «gepflegtes Hochdeutsch». «Als Mitbegründer der Gesellschaft bedrohter Völker halte ich die Schweizer Dialekte absolut nicht für bedroht», erklärt Pulver. Die Berner Sprachrealität gibt ihm recht. Das Berndeutsch von heute mag nicht mehr so blumig klingen wie vor hundert Jahren in Rudolf von Tavels nostalgischen Berndeutschromanen. Aber im Berner Rock, im Berner Rap und selbst in der mit Anglizismen spielenden SMS-Sprache kommt ein kraftvolles, modernes Berndeutsch zu Wort. Der schon 12'000-mal verkaufte Dialektroman «Dr Goalie bin ig» von Autor Pedro Lenz ist eben für den Schweizer Buchpreis nominiert worden. «Solange die Mundart gebraucht wird, verschwindet sie nicht», so Lenz.

Er macht sich dennoch Sorgen: «Mundart und Hochdeutsch könnten in der Schule gegeneinander ausgespielt werden, sodass der Eindruck entsteht, Dialekt zu reden, sei falsch.» Lenz verweist auf den antrainierten Komplex der Schotten gegenüber ihrem Sprachidiom. Oder auf Deutschland, wo der Dialekt vielerorts als Sprache der sozial Schwachen und Ungebildeten gilt. «Mundart ist die Sprache, die ich im Ohr habe. Es wäre schade, wenn diese verunsichert würde», sagt Lenz.

Der Berndeutsch singende Kinderliedermacher Roland Zoss fürchtet gar, dass die Kinder heute nicht mehr richtig Berndeutsch lernen, und fordert die schulische Förderung des Dialekts.

Ärger hinter Mundartsorgen

Die Sorge um den Rang der Mundart kommt emotional daher, sie ist dennoch ein Seismograf für gesellschaftliche Verstimmungen. Die Aversion gegen das Hochdeutsch im Kindergarten ist Ausdruck eines verbreiteten Ärgers über die Dauerreformen im Bildungswesen. Und über den immer früheren Zugriff des Staats auf die Kindheit. Im Bildungsdschungel ist die Mundart eine übersehbare Lichtung des Vertrauten und Angestammten.

Die Verteidigung des Dialekts ist auch eine Reaktion auf die stark gewachsene Präsenz der Deutschen in der Schweiz. Und auf ihr schnelles Hochdeutsch, das bei den weniger gewandten Deutschschweizern bisweilen leise Minderwertigkeitsgefühle auslöst. Mundart ist eine Masseinheit der Schweizer Identität. Hochdeutsch und Mundart sind mehr als verschiedene Sprachebenen, sie stehen auch für unterschiedliche Ausdrucks- und Verhaltensweisen.

Hinter der Mundartfrage wird schliesslich die verschärfte Integrationsdebatte spürbar. Hochdeutsch wird auch – an Schulelternabenden oder in der Notfallaufnahme von Spitälern – als Zugeständnis an Hochdeutsch sprechende oder fremdsprachige Einwanderer verstanden. Zur Integration in der Schweiz gehört für Liedermacher Roland Zoss auch die Bereitschaft und Fähigkeit, die Mundart zumindest zu verstehen.

Dialekt als Polit-Instrument

«Die Sprache ist wieder einmal Vehikel für politische und ideologische Debatten», meint Peter Sieber zur aktuellen Diskussion. Der Sprachwissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule und der Universität Zürich ist eine Kapazität in Sachen Schweizer Sprachlandschaft. Die SVP formuliere mit ihren Initiativen ihr Programm, wonach das Heimische Vorrang vor der grösseren Welt habe, sagt Sieber. Aber auch Peter von Matt habe die Debatte instrumentalisiert, «um bildungsbürgerliche Ideale aufrechtzuerhalten».

Sieber stört sich an der Emotionalisierung der Debatte. Die empirischen Daten zeigten, dass die Verwendung von Hochdeutsch die Vitalität des Dialekts nicht beeinträchtige, aber eindeutig die Sprachfähigkeiten verbessere. Ein Hochdeutschverbot für Kleinkinder wäre für Sieber deshalb absurd. Sie würden sich heute am Fernsehen das Hochdeutsche schon vor dem Schuleintritt spielerisch aneignen.

Eine Untersuchung von Hochdeutsch im Kindergarten, im Februar 2010 von der Fachhochschule Nordwestschweiz in Liestal durchgeführt, belegt offenbar Siebers Sicht. Das Fazit: Je mehr und gezielter Hochdeutsch gesprochen wird, desto grösser sind Wortschatz, Ausdrucksfähigkeit und Sprechfreude der Deutschschweizer wie auch der fremdsprachigen Kinder.

Die Schule, sagt Sieber, sei vor allem zuständig für die schriftliche Ausdrucksfähigkeit, aber nicht für das mündliche Gleichgewicht von Dialekt und Hochdeutsch. Ginge es nach Liedermacher Roland Zoss, müsste die Schule – gerade fremdsprachigen Kindern – auch den Dialekt lehren. «Das wäre eine Überforderung», sagt Albert Tanner von der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern, die die Berner Lehrer ausbildet. Die Schweizer Schulen hätten in ihrer Geschichte noch nie die Mundart, sondern nur Hochdeutsch beigebracht, sagt Tanner, der an der PH Bern das Institut Vorschulstufe und Primarstufe leitet.

Verschärfte Sprachvielfalt

Die aktuelle Aufregung um den Status der Mundart ist für Tanner auch auf den letzten Einwanderungsschub zurückzuführen, der sprachlich noch nicht richtig verdaut sei. «In den 1960er-Jahren kamen die Italiener, die noch Mundart lernten, in den letzten Jahrzehnten aber sind Migranten aus ganz unterschiedlichen und ferneren Kulturkreisen gekommen, für die schon Hochdeutsch eine hohe Hürde ist», erklärt Tanner.

Unsere Sprachvielfalt werde immer akzentuierter, so entstehe der Eindruck, der Dialekt verliere an Raum. Die Mundart sei aber in den letzten dreissig Jahren gerade durch die Sprachvielfalt, die die Schule produktiv zu nutzen versuche, enorm befruchtet, erneuert und belebt worden.

Die wahre Sprachnot

Mundartbewahrern machen allerdings gerade die fremdsprachigen Anleihen im SMS-Dialekt der Jungen Sorge. Dagegen könne er nichts tun, sagt Erziehungsdirektor Bernhard Pulver: «Die Sprache wandelt sich, sie ist kein Einzelbild, sondern ein Film, der sich nicht anhalten lässt.»

Sorgen, betont Pulver nun, mache er sich nicht um das Nebeneinander von Mundart und Hochdeutsch, sondern um die generelle mündliche und schriftliche Sprachkompetenz. Gerade auch diejenige von bildungsfernen Schweizer Kindern. Es gebe kaum ein Berufsfeld, das heute nicht gute sprachliche Fähigkeiten verlange. Nicht alle aber würden diese mitbringen.

Pulver schliesst mit einer Bemerkung, die für einen Schulpolitiker erstaunlich ehrlich klingt: «Die Schule allein kann die Sprachkompetenz nicht verbessern.» Im Schulzimmer zähle die Lehrperson, die vor einer Klasse stehe, viel mehr als alle Sprachquoten, Lehrpläne und Bildungsreformen.