Die Spitex-Story

Vor vier Monaten will der Verwaltungsrat der Spitex Bern ein Komplott des eigenen Geschäftsführers aufgedeckt haben. Seither hatte der Fall allerdings keine rechtlichen Konsequenzen. Nun tritt der alte Verwaltungsrat ab.

«Komplott aufgedeckt»: Vizepräsident Christoph Minnig und Präsidentin Rahel Gmür am 19. Februar in Bern. Am Mittwoch treten sie ab.

«Komplott aufgedeckt»: Vizepräsident Christoph Minnig und Präsidentin Rahel Gmür am 19. Februar in Bern. Am Mittwoch treten sie ab. Bild: Adrian Moser

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Die Genossenschafter der Spitex Bern sind vorgewarnt: «Bitte beachten Sie, dass in diesem Jahr kein Apéro riche ausgerichtet wird», heisst es in der Einladung zur Generalversammlung von Mittwochabend im Eventforum Bern.

Die Spitex, so sieht es aus, gibt sich jetzt bescheiden.Es war ja auch der Vorwurf der Verschwendung, der Anfang Jahr die Turbulenzen in der Organisation ausgelöst hat. Es begann damit, dass Geschäftsführer Daniel Piccolruaz dem Verwaltungsrat einen sehr laschen Umgang mit Geld vorwarf. Das brachte zwar eine Umwälzung in Gang – aber ihm schliesslich auch den Vorwurf eines Komplotts ein.

Piccolruaz ist längst weg, und nun tritt auch fast der gesamte Verwaltungsrat ab. Sechs neue Personen, darunter die frühere National- und Berner Gemeinderätin Therese Frösch als Präsidentin, stellen sich am Mittwochabend zur Wahl in den Verwaltungsrat.

Die Frage ist, was aus den Anschuldigungen und Drohungen geworden ist. Die Frage ist auch, ob es wirklich ein Komplott gab bei der Spitex Bern.

Eine Kündigung und Protest der Betriebsleiterinnen

Es ist nicht ganz klar, wann die Krise bei der Spitex Bern beginnt. Sicher ist, dass sie am Mittwoch, 24. Januar, so richtig Fahrt aufnimmt. An diesem Tag informiert der Verwaltungsrat die Mitglieder der Geschäftsleitung über einen «Wechsel in der Geschäftsführung».

Der Geschäftsführer heisst ­Daniel Piccolruaz. Er arbeitet seit 2017 bei der Spitex Bern. Hauptberuflich ist er zwar Geschäftsführer der Spitex Seeland in Aarberg. Seine Arbeit macht aber Eindruck, deshalb will ihn auch die Spitex Bern. Er übernimmt die Leitung in Bern im Mandat, bleibt aber in Aarberg. Die Spitex Bern überweist monatlich eine Pauschale ins Seeland.

Nun aber heisst es in einem «vertraulichen» Papier, dass das Teilzeitmandat von Piccolruaz per Mitte 2018 beendet werde. Die Spitex müsse wieder von einer Person mit einem Vollzeitpensum geführt werden. Bis zu einem Treffen mit Vertretern des Verwaltungsrats sowie Piccol­ruaz am Montag, 29. Januar, gelte Schweigepflicht.

Zur Geschäftsleitung gehören im Januar auch fünf Betriebsleiterinnen. Noch am gleichen Tag setzen sie einen Brief an den Verwaltungsrat auf. Sie reagieren «mit Bestürzung» auf die Nachricht und protestierten gegen die Absetzung Piccolruaz’. Das tun sie auch am Treffen vom 29. Januar – das nicht wie geplant verläuft. Es gibt keine Klärung, stattdessen bleibt ein «konsternierter» Verwaltungsrat zurück.

Piccolruaz habe «mit keinem Wort versucht, die Situation zu entschärfen». Stattdessen habe er schon damals begonnen, eine «Destabilisierung herbeizuführen», so der Verwaltungsrat.

Ein Bauernopfer und der Lohn der Spitex-Präsidentin

Vorerst versucht der Verwaltungsrat aber noch, die Wogen zu glätten. An einer Informationsveranstaltung für die Mitarbeitenden am Freitag, 16. Februar, im Hotel Jardin in Bern, sagt Verwaltungsrat Peter Huber: «Wir haben gedacht, wir müssen ein Opfer erbringen, um das Terrain zu ebnen, das eine Weiterarbeit ermöglicht.»

Das Opfer ist der Leiter der Abteilung Finanzmanagement und Controlling. Zwar hat er aus Sicht des Verwaltungsrats «hervorragende» Arbeit geleistet. Doch mit Piccolruaz und den Betriebsleiterinnen versteht er sich offenbar nicht. Der Mann erhält die Kündigung. Huber: «Es war sozusagen ein Bauernopfer im Versuch, eine Lösung zu ermöglichen.»

Am gleichen Tag macht die Berner Zeitung die Spitex-Krise öffentlich. Am Samstag darauf ist der Lohn von Präsidentin Gmür in den Medien ein Thema: Ihr Verwaltungsratsmandat, das mit einer fixen Anstellung verbunden ist, lässt sie sich mit 185 000 Franken bezahlen.

Das Komplott und einwichtiges Beweisstück

Am Montag, 19. Februar, tritt in der Welle 7 in Bern Präsidentin Gmür vor die Medien – und eine Lawine los: Der Verwaltungsrat habe ein «Komplott gegen die Spitex aufgedeckt». Deshalb sei Piccolruaz «mit sofortiger Wirkung seiner Funktion enthoben», die fünf Betriebsleiterinnen ­seien suspendiert.

Als zentrales Beweisstück präsentiert Gmür ein «Drehbuch» vom 28. Januar. Als «Autor» wird auf dem Papier Daniel Piccolruaz genannt, doch das ist eine nachträgliche Veränderung durch den Verwaltungsrat. Auf dem Original stehen nur die Namen der Betriebsleiterinnen. Auch das Wort «Destabilisierung» fügt der Verwaltungsrat hinzu.

Das Papier trägt die Überschrift «Historie/Vorgehen/Meilensteine». Es führt einige Vorkommnisse seit der Information über Piccolruaz’ Ausscheiden auf sowie mögliche zukünftige Schritte, falls die Leiterinnen die Kündigung erhalten sollen. Am Ende steht: «Falls der Verwaltungsrat die Spitex tatsächlich an die Wand fahren will», würden mutige Mitarbeiter eine Auffanggesellschaft gründen.

Der Gegenangriff und ein Ende nach 19 Jahren

Am Donnerstag, 22. Februar, nimmt Piccolruaz erstmals ausführlich Stellung. Zum «Drehbuch» sagt er in der BZ: «Das war kein Plan, sondern eine gedankliche Abfolge von Ereignissen und deren Wirkungen.»

Dann bläst er zum Gegenangriff: «Ich wurde persönlich angegriffen, ich erleide gerade Rufmord.» Frau Gmür habe ihn krimineller Handlungen bezichtigt. «Ich werde den Verwaltungsrat anzeigen.»

«Juristisch ist der Fall erledigt.»Adrian Dennler, Präsident Spitex Seeland

Tags darauf gibt Gmür auf. «Die Anschuldigungen in den Medien und die Sorge um die Spitex Bern» hätten sie «schwer erschüttert», heisst es in einer Mitteilung. Nach 19 Jahren an der Spitze der Spitex Bern zieht sie sich zurück.

Was bleibt, sind Feststellungen der Spitex Bern vom 19. Februar: «Juristisch liegt eine schwere Pflichtverletzung vor.» Piccol­ruaz habe ein «illoyales und treuwidriges Verhalten» zu verantworten. Deshalb prüfe die Spitex Schadenersatzansprüche sowie strafrechtliche Schritte.

Und auch der Verwaltungsrat der Spitex Seeland werde dazu aufgefordert, «die Ereignisse rund um ihren Verwaltungsratspräsidenten und den Geschäftsführer» restlos aufzuklären.

Der Präsident heisst Adrian Dennler. Als er das hört, fällt er aus allen Wolken.

Ein paar Fragen und keine Antworten – fast keine

Der Komplottvorwurf wird auf der Website seit Monaten und bis heute aufrechterhalten. Deshalb die Frage an die Spitex Bern: Was haben die Untersuchungen zur schweren Pflichtverletzung von Daniel Piccolruaz ergeben? Die Antwort von Verwaltungsrätin Regina Natsch von Dienstag: «Da es sich hierbei um eine Suggestivfrage handelt, möchten wir diese entsprechend nicht beantworten.»

Auch zur Frage nach möglichen rechtlichen Schritten und Schadenersatzansprüchen äussert sich Natsch nicht. Tatsache ist: Bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern ist bisher keine Anzeige gegen Piccolruaz eingegangen. «In der Geschäftskontrolle findet sich nichts», sagt Sprecher Christof Scheurer.

Piccolruaz selbst will sich nicht zur Sache äussern. Auch nicht zu seiner allfälligen Anzeige gegen den Verwaltungsrat. Tatsache ist: Gegen Rahel Gmür ist bei der Staatsanwaltschaft kein Verfahren im Gang.

Die Spitex Bern hat ihren Genossenschaftern kürzlich den Jahresbericht 2017 zugestellt. Die Spitex Seeland und Daniel Piccolruaz werden darin mit keinem Wort erwähnt.

Die Spitex Seeland wiederum hat sich nie mit den Vorwürfen aus Bern befasst. Verwaltungsratspräsident Adrian Dennler sagt nun: «Juristisch ist der Fall erledigt.»

Was bleibe, sei ein fader Bei­geschmack. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.06.2018, 23:11 Uhr

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