«Die Spitäler müssen produktiver werden»

Das Privatspital Lindenhof in Bern müsste geschlossen werden, sollte es von der Spitalliste gestrichen werden und könnte es nicht mehr zu Lasten der Grundversicherung abrechnen, sagt Spitaldirektor Jean-François Andrey.

Claude Chatelain

Herr Andrey, in einem Satz: Weshalb sind im Kanton Bern die Prämien überdurchschnittlich hoch? Jean-François Andrey: Die Privatspitäler leisten 40 Prozent der Grundversorgung im Kanton Bern. Und die Kosten der Privatspitäler werden vorläufig noch vollumfänglich von den Krankenkassen bezahlt, während die öffentlichen Spitäler vom Steuerzahler mitfinanziert werden. Im Übrigen ist Bern nicht am teuersten. Vier andere Kantone haben noch höhere Prämien.

Christoph Bangerter von der KPT antwortete auf die gleiche Frage, dass wir im Kanton Bern zu viele Spitalbetten hätten. Die Anzahl Spitalbetten ist ein ungeeignetes Planungsinstrument. Wir haben ja heute Fallpauschalen. Das Spital wird für die behandelten Patienten entschädigt und nicht für die Anzahl der Betten. Früher war das anders. Da hatten wir ein kostenbasiertes und nicht ein preisbasiertes Entschädigungsmodell.

Das Angebot bestimmt die Nachfrage: je mehr Betten, desto grösser der Zwang, diese zu belegen. Auch das stimmt nicht. Das würde stimmen, wenn die Spitäler nach Aufwand entschädigt würden. Dann hätten wir den Anreiz, die Patienten möglichst lange im Spital zu behalten. Bei den Fallpauschalen besteht dieser Anreiz nicht.

Sind Sie demnach nicht der Meinung, im Kanton Bern gebe es zu viele Spitalbetten? Sagen wir es so: Der Wechsel vom kostenbasierten zum preisbasierten Entschädigungsmodell wird revolutionierend sein. Die Spitäler müssen dadurch produktiver werden. Sie versuchen, mit minimalem Kosteneinsatz das Maximum herauszuholen.

Also sagen Sie, der freie Markt werde es schon richten? Nein, das sage ich nicht. Der Kanton hat die Aufgabe, die Spitalversorgung unter wirtschaftlichen und qualitativen Aspekten sicherzustellen. Der Kanton legt einheitliche diagnosebezogene Pauschalen und qualitative Rahmenbedingungen fest. Wenn ein Spital mit diesen Vorgaben nicht mehr zurechtkommt, ist seine Existenz gefährdet. Wir haben einen regulierten, nicht einen freien Markt.

Stimmt die Aussage, dass Berner Patienten länger im Spital bleiben als andere Schweizer? Es gibt eine Kluft zwischen öffentlichen und privaten Spitälern. In öffentlichen Spitälern ist die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Schnitt einen Tag länger als in privaten.

Offensichtlich lässt sich aber nicht leugnen, dass Berner Patienten zu oft und zu aufwändig im Spital behandelt werden. Das sagen zumindest die Krankenkassen. Ich habe mich im Rahmen einer Weiterbildung an der Universität Bern intensiv mit dem Thema «Konkurrenzfähigkeit der Gesundheitssysteme» beschäftigt. Da haben wir ganz andere Zahlen gesehen. Die durchschnittlichen stationären Behandlungskosten im Kanton Bern liegen nur leicht über dem schweizerischen Durchschnitt.

Was geschähe mit dem Privatspital Lindenhof, wenn es von der Spitalliste gestrichen würde und damit nicht mehr zu Lasten der Grundversicherung abrechnen könnte? 90 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir im OKP-Bereich, also mit der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. 60 Prozent unserer Patienten sind allgemein versicherte Patienten. Diese Zahlen sagen eigentlich schon alles.

Das Spital müsste schliessen. Richtig.

Könnte das Lindenhofspital nicht als Vertragsspital weitergeführt werden? Dann könnten wir vermutlich nur noch Patienten mit einer Zusatzversicherung behandeln und müssten mit den Krankenkassen entsprechende Verträge aushandeln. Und was würden die Krankenkassen tun? Sie würden von Jahr zu Jahr auf den Preis drücken bis zum Gehtnichtmehr. Denn sie wissen, dass wir keine Alternative haben, wieder auf die Spitalliste zu kommen, und ihnen auf Gedeih und Verderben ausgeliefert sind.

Wie positioniert sich das Lindenhofspital im verschärften Wettbewerb? Wir bieten das gesamte Spektrum wie die Hirslanden-Gruppe an. Mit einer Ausnahme: Herzchirurgie.

Also bleibt das Lindenhofspital seinem Ruf treu, ein Gemischtwarenladen zu sein? Wir haben natürlich auch unsere Schwerpunktabteilungen: Gynäkologie, Geburtshilfe, Orthopädie, Innere Medizin, Neurochirurgie und Viszeral-Chirurgie. Aber will man ein Notfallspital sein, braucht man daneben ein breites Angebot. Hat ein Notfallpatient zum Beispiel Thoraxbeschwerden, so muss der Notfallarzt den Patienten dem entsprechenden Facharzt zuweisen könne.

Berner Zeitung

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