Die Scheu vor dem Dialekt

Sein neues Buch soll mithelfen, den Dialekt zu pflegen und zu bewahren – doch verstehen die jungen Leute die Sprache von Hans Ulrich Schwaar noch?

«Läbigs Bärndütsch» weckt ihr Interesse, auch wenn sie längst nicht mehr alles verstehen: Manuel Trummer und Cornelia Jost.

«Läbigs Bärndütsch» weckt ihr Interesse, auch wenn sie längst nicht mehr alles verstehen: Manuel Trummer und Cornelia Jost. Bild: Hans Wüthrich

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«Holeie»? Klar wissen Cornelia Jost und Manuel Trummer, was mit diesem berndeutschen Wort gemeint ist. «Herumschreien», sagt sie, «herumsingen», ergänzt er – was aber «hoope» heisse? Da wird die Sache bereits schwieriger. «Ich brauche den Ausdruck im Alltag nicht mehr», antwortet Cornelia Jost und fügt an, dass es doch so viel wie «rufen» bedeute. Manuel Trummer kann gar nicht mehr mithalten. Ihm ist das Wort kein Begriff.

Wieder einmal hat Hans Ulrich Schwaar berndeutsche Texte verfasst. «Läbigs Bärndütsch» heisst der Band, und er ist die Fortsetzung von «Rychs Bärndütsch» aus dem letzten Jahr. Mit diesem Werk wollte der Schriftsteller und Kunstsammler, der jahrelang in Langnau tätig war, seiner Leserschaft die Schönheit und Vielfalt des Emmentaler Dialekts vor Augen führen, denn genau ihn wähnte er akut bedroht.

Schuld war die den Schulen verordnete Pflicht, auch in Fächern wie Turnen oder Werken Hochdeutsch zu reden. Das sei Unsinn, fand der mittlerweile bald 92-Jährige und versuchte, über eine Petition Gegensteuer zu geben. Prompt unterschrieben mehr als 13000 Leute, vergebens allerdings, denn der Kanton sah keinen Grund, auf den Entscheid zurückzukommen.

Ein Stück gröber als früher

Umso mehr mögen nun die interessierten Leserinnen und Leser all die urchigen Ausdrücke geniessen, die Schwaar in Stabreimen zu wohl klingenden Wortpaaren vereint – wobei, Hand aufs Herz: Verstehen junge Leute von heute diese Sprache tatsächlich noch?

«Lüdere». Jetzt verstehen Cornelia Jost und Manuel Trummer definitiv nur noch Bahnhof. Sie schweigt mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht, derweil ihm wenigstens noch einfällt, dass die Lüderen doch eine Alp ob Wasen sei. Dass das Wort für «trinken» stehen könnte, ahnen beide nicht – und was es wohl mit dem Ausdruck «leiänte» auf sich hat? Erneut herrscht betretene Stille, und diesmal können nicht einmal mehr die älteren Semester am Tisch weiterhelfen. Erst eine Rückfrage im Bekanntenkreis bringt des Rätsels Lösung: «Leiänte», das ist doch nichts anderes als «lamentieren».

Dabei sind Cornelia Jost und Manuel Trummer durchaus das, was man waschechte Emmentaler nennt. Sie ist 23-jährig, lebt seit je in Langnau und arbeitet in einem Büro in der Stadt Bern, er zählt 22 Jahre, ist auf einem Bauernhof auf der Moosegg aufgewachsen und in diesem sogar noch etwas ländlicheren Umfeld nach wie vor daheim. Auch seinem Job im Verkaufsinnendienst geht er nicht in der Stadt, sondern im dörflich geprägten Sumiswald nach.

Trotzdem: Sie rede schon ganz anders als ihre Mutter, sinniert Cornelia Jost. Ihr Dialekt nähere sich mehr und mehr einem standardisierten Berndeutsch an, wie es im ganzen Kanton gesprochen werde. Die breit gedehnten Vokale, wie sie fürs Oberemmental so typisch und für ihre Mutter so alltäglich seien, seien ihr bereits völlig fremd, und auch der Wortschatz sei merklich anders geworden. «Meine Grossmutter machte Kommissionen, und meine Mutter geht ‹kömerle›», nennt sie ein Beispiel. Sie selber gehe einkaufen, «das alte Wort wird verloren gehen».

Die Sprache, so Manuel Trummer weiter, sei ein Stück gröber geworden, «wir Jugendlichen genieren uns, die härzigen Wörtli von früher zu gebrauchen». Ergänzend flössen mehr und mehr Ausdrücke aus dem Englischen ein, etwas sei «easy» oder «huere cool», und – «sorry, mach dir nur keinen Stress».

Und das «Karisieren»?

Noch eine Frage: Ob die zwei jungen Leute wissen, was «karisieren» ist? Nein? Dabei passt das Wort so gut zu ihrem Alter – genau: «anbandeln». Oder in Neudeutsch: «flirten». (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.10.2011, 11:06 Uhr

Das Buch

Hans Ulrich Schwaar «Läbigs Bärndütsch», Landverlag Trubschachen, 2011.

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