Die Provokateurin, die keine sein will

Sie gilt als Feministin, debattierfreudig und provokativ: Claudine Esseiva politisiert am linken Flügel der FDP und sieht sich selbst schlicht als Frau, die sagt, was sie denkt.

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Plötzlich war sie da und galt als die «junge Wilde». Die 36-jährige Betriebsökonomin Claudine Esseiva, Generalsekretärin der FDP Frauen Schweiz und Beraterin bei der Berner Lobbyfirma Furrerhugi, posierte auch schon oben ohne für ihre Anliegen.

Mit Adrian Haas und Peter Flück stach sie bei der parteiinternen Nominationswahl zwei Grossräte aus, obschon sich ihre Legislativerfahrung auf ein Engagement im Parlament der Stadt Freiburg beschränkt. Man wollte frischen Wind, gerade der Jungfreisinn und die Frauen machten sich für sie stark.

Doch längst nicht alle Liberalen sind glücklich mit der Kandidatur der Stadtbernerin, die am linken Flügel der Partei politisiert und sich für Frauenquoten in Teppichetagen starkmacht. Rechtsbürgerliche in der Kantonalpartei haben mit einigem Mühe, was Claudine Esseiva vertritt.

National tanzt sie noch mehr aus der Reihe, weil die Partei dort einen rechtsbürgerlicheren Kurs verfolgt. Es erstaunt deshalb nicht, dass Esseiva sich hin und wieder rechtfertigen muss, weshalb sie in der FDP und nicht etwa in der SP politisiert.

Neue Wege ins Kader

Claudine Esseiva als Sozialdemokratin? Darüber kann die ehemalige Stadträtin und SP-Nationalratskandidatin Lea Kusano nur lachen. Sie sind befreundet, aber: «Wenn es zu wirtschafts- und gewissen sozialpolitischen Themen kommt, haben wir komplett unterschiedliche Haltungen.» Hier weiche Esseiva nur in Themen ab, «die für eine echte Wirtschaftspartei vernachlässigbar» seien.

Für Esseiva selbst sind die Frauenanliegen der Grund, weshalb sie politisiert. «Wir nutzen unser wirtschaftliches Potenzial nicht optimal, wenn wir 50'000 Akademikerinnen teuer ausbilden, diese dann aber nicht erwerbstätig sind», sagt sie. Deshalb müsse man Wege in die Teppichetage finden, die nicht von vornherein fünfzig Prozent der Bevölkerung von Kaderstellen ausschlössen.

Als junge Kommunikationsunternehmerin habe sie lernen müssen, dass sie in den Zigarrenrunden älterer Herren immer fremd bleiben werde. Deshalb müssten sich Frauen besser vernetzen und auch dazu bereit sein, daheim kein Monopol für sich zu beanspruchen. «All das», findet Esseiva, «ist doch Liberalismus pur.»

Esseiva lebt nach dem Grundsatz, dass Frauen und Männer gleich sind. Sie arbeitet wie ihr Partner 100 Prozent, wenn sie den zweijährigen Sohn morgens in die Kita bringt, holt er ihn abends ab. Sie halten in humorvoller Weise auf einer Strichliste fest, wer wann einen freien Abend für sich beansprucht.

Vieles gehe manchmal chaotisch zu und her, sie sei weder die perfekte Mutter noch die vorbildliche Businessfrau. Sie versteht sich selbst nicht als Provokateurin, sondern schlicht als Frau, die sagt, was sie denkt.

Dass das nicht bei allen gut ankommt, nimmt sie in Kauf. «Claudine Esseiva bringt neue Ansichten in unsere Partei und hat ausgefallene Ideen. Beides ist gut für uns», sagt FDP-Grossrat Philippe Müller. Klassisch bürgerliche Parteimitglieder berichten, dass sich das Gros der Wähler eine FDP rechts der Mitte wünscht.

Unterschiedliche Realitäten

Esseiva schätzt es, mit anderen Meinungen konfrontiert zu werden, oder, wie sie es sagt: die eigene Komfortzone zu verlassen. Sie gilt als debattierfreudig, will aber auch zuhören – weshalb sie im Fotostudio dieser Zeitung vor dem Berner Bären die Hand ans Ohr legt.

Gerade im Kanton Bern müsse man sich bewusst sein, dass die Leute in unterschiedlichen Realitäten leben. Über den Stadt-Land-Graben hinweg seien die Angst um den Job, das Problem des starken Frankens und das Gefühl von Sicherheitsverlust Themen, welche die Leute beschäftigten.

Esseivas Zauberformel zur Lösung dieser Probleme klingt wie aus dem Parteibüchlein der FDP: Es gelte, Arbeitsplätze zu schaffen und die KMU zu stärken. Eine schlanke Bürokratie, Bildung und Innovation seien dafür wichtig.

«Die etwas andere Ständerätin» – mit diesem Slogan wirbt Esseiva für sich. Für 30000 Franken bespielt sie vor allem elektronische Medien und Panels im Bahnhof Bern, will dort junge Wähler gewinnen. Die «junge Wilde» posiert dabei als Businessfrau, als Mutter – und in der Berner Tracht.

Gut möglich, dass Esseiva damit ihre Berner Wurzeln betonen will. Oder Rechtsbürgerlichen die Botschaft vermitteln, dass auch linksliberale Feministinnen Traditionen schätzen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.09.2015, 10:33 Uhr

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