Die Insel macht keine IV-Gutachten mehr

Still und leise hat das Inselspital seine Medas, die Stelle für IV-Gutachten, Ende letzten Jahres geschlossen. Dies, obschon das Geschäft gut lief, wie regelmässige Bonuszahlungen für die Mitarbeitenden belegen.

Das Inselspital hat seine Stelle für IV-Gutachten
auf Ende letzten Jahres geschlossen.

Das Inselspital hat seine Stelle für IV-Gutachten auf Ende letzten Jahres geschlossen. Bild: Keystone

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Dass das erste Neugeborene 2012 der Frauenklinik Yannick heisst, war dem Inselspital eine Pressemitteilung wert. Dass die Spendengala der Klinik für Frauenheilkunde 80'000 Franken für das Gewinnen und Einfrieren von Stammzellen aus Nabelschnurblut einbrachte, ebenso. Die Schliessung der Medizinischen Abklärungsstelle Medas, die in den letzten Jahren zwischen 300 und 600 polydisziplinäre IV-Gutachten pro Jahr erstellt hatte, hingegen wurde der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt. Betroffen waren sieben Festangestellte in der Administration, die bis auf eine Person alle in der Insel einen neuen Job gefunden haben. Die Gutachterärzte arbeiteten auf Honorarbasis.

Auf Nachfrage bestätigt Sprecher Markus Hächler, dass die Medas per Ende 2011 geschlossen wurde. Es gehöre nicht zum «Kernauftrag» eines Unispitals, IV-Gutachten zu erstellen. Nachdem das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) letzten Sommer alle Rahmenverträge mit den schweizweit 18 Medas gekündigt hatte, um neue Verträge auszuhandeln, sei der Moment für eine Standortbestimmung gekommen, erklärt Hächler.

«Wichtige Aufgabe»

Das erstaunt: Als diese Zeitung letzten Sommer beim Inselspital nachfragte, warum man eine Medas führe, verwies das Spital auf die Ausführungen der kantonalen Gesundheitsdirektion GEF von 2009. Als Antwort auf einen politischen Vorstoss schrieb die GEF damals, die Insel-Medas erfülle mit ihrer Gutachtertätigkeit eine «wichtige Aufgabe im Dienste der Öffentlichkeit». Weiter sei das Verfassen von Gutachten obligatorischer Teil fachärztlicher Ausbildungen. Zudem erwirtschafte die Medas alljährlich einen «kleinen Überschuss». Diese Argumentation habe sich auf die alten Rahmenbedingungen bezogen, entgegnet Hächler jetzt.

Doch gerade aus wirtschaftlicher Sicht würden die neuen Rahmenverträge das Weiterführen der Medas rechtfertigen: Ab 1.März gelten höhere Vergütungssätze für die IV-Gutachten (siehe Kasten). Die Insel ist denn auch die einzige Medas, welche sich wegen der neuen Rahmenbedingungen zurückzieht.

Schon bislang war der laut GEF «kleine Überschuss» der Insel-Medas nicht zu verachten. Gewinnzahlen nennt das Spital zwar nicht; dass das Erstellen von IV-Gutachten ein gutes Geschäft ist, liegt aber auf der Hand: In den letzten Jahren machten sich drei Mitarbeitende der Insel-Medas selbstständig und betreiben nun florierende private Abklärungsstellen (wir berichteten).

Als Folge davon hat die Insel-Medas von 2006 bis 2009 über die Hälfte ihres Auftragsvolumens an die private Konkurrenz verloren. 2009 erstellte die Insel-Medas bloss 290 IV-Gutachten zum Fixpreis von 9000 Franken. Drei Jahre zuvor waren es noch 653 Gutachten. 2011, im letzten Jahr ihres Bestehens, gab die Insel-Medas 246 Gutachten ab.

Lukrative «2.Gehaltsstufe»

Dass die Medas bis zuletzt mehr als bloss einen «kleinen» Überschuss erwirtschaftet hat, merkten die Mitarbeiter vierteljährlich: Über die «2.Gehaltsstufe» in ihren Arbeitsverträgen erhielten sie bei gutem Geschäftsgang alle drei Monate Boni ausgeschüttet. Das machte, so sagen Insel-Ärzte, je nach Funktion des Mitarbeiters pro Jahr rasch einen mittleren fünfstelligen Betrag aus.

Gemäss «Organisationsreglement» der Medas durfte Chefarzt Ulrich Bürgi 20 Prozent des Umsatzes dafür verwenden. Für 2010 wies die Insel-Jahresrechnung der Medas einen Umsatz von 2,6 Millionen Franken aus. «Die Insel-Medas zahlte kleinere Honorare als die Konkurrenz. Als Kompensation gabs bei entsprechender Leistung und gutem Geschäftsgang den Zustupf», begründet Hächler die Boni.

Angst vor schlechter Presse?

Diese Boni wären dank den höheren Tarifen wohl bald grösser geworden, ebenso der «kleine Überschuss» des rentablen Insel-Aussenpostens, der nicht dem Spitalbetrieb, sondern der Inselspital-Stiftung angegliedert war. Doch wie man hinter vorgehaltener Hand hört, soll sich die Spitalleitung vor schlechter Presse gefürchtet haben. Dieses Risiko ist bei den Medas natürlicherweise hoch: Aufgrund der Gutachten wird über strittige IV-Gesuche in komplizierten Fällen entschieden. Besonders fragwürdige Entscheide finden regelmässig ihren Weg in die Medien. So musste Insel-Medas-Chef Bürgi Ende 2008 in der Sendung «10 vor 10» erklären, warum seine Gutachter einen – wie sich danach zeigte – schwerstkranken Mann 100 Prozent arbeitsfähig erklärt haben.

Ein diskretes Geschäft

Dass die Furcht vor weiteren negativen Schlagzeilen bei der Schliessung eine Rolle gespielt haben könnte, bestreitet Hächler: «Dies trifft nicht zu. Die Gutachtertätigkeit passt nicht mehr in die strategische Ausrichtung des Universitätsspitals.» Fakt ist indes, dass die Schliessung letzten Sommer beschlossen wurde – just in diesen Tagen, als die Medien das Funktionieren der 18 Medas breit und kritisch thematisiert hatten. Im Zentrum dieser Artikel stand ein Bundesgerichtsurteil, das auf strukturelle Mängel im Medas-System hinwies, das tendenziell patientenfeindlicher geworden sei.

Offenbar sah die Insel-Leitung die Medas als diskret zu betreibendes Geschäft. Auf der weit verzweigten Website des Inselspitals existierte die Medas nicht. Wer also zur Begutachtung aufgeboten wurde, suchte im Internet vergeblich Informationen über die Gutachter, die ihn dort erwarteten. So gesehen ist es konsequent, dass der Öffentlichkeit die Schliessung vorenthalten wurde: Die Medas ist so still und leise eingegangen, wie sie betrieben wurde. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.01.2012, 08:51 Uhr

Das Medas-System wird per 1. März umgebaut

Die Medas stehen seit einiger Zeit in der Kritik: Sie seien wirtschaftlich von der Invalidenversicherungen (IV) abhängig und würden deshalb zu oft einen berechtigten Anspruch negieren. Letzten Sommer hat das Bundesgericht vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) Massnahmen verlangt, welche die «Waffengleichheit» zwischen der IV und den begutachteten Personen herstellen. Auf 1.März setzt das BSV folgende Neuerungen in Kraft:

Tarife: Um dem jeweiligen Einzelfall gerechter zu werden, wird der bisherige Einheitstarif von 9000 Franken pro polydisziplinäres Gutachten durch ein mehrstufiges Tarifsystem ersetzt. Laut Ralf Kocher, Leiter Rechtsdienst beim BSV, werden die neuen Tarife «generell höher sein als der bisherige Einheitstarif».

Auftragsvergabe: Um die Unabhängigkeit der Medas zu stärken, werden die Aufträge der kantonalen IV-Stellen künftig per Zufallsgenerator an die Medas verteilt. Bisher konnten die IV-Stellen die Medas selbst aussuchen und beauftragen.

Qualität: Bei vielen Medas sind «fliegende» Gutachter aus dem Ausland auf Honorarbasis tätig, die laut Bundesgericht mit den «hiesigen (versicherungs-)medizinischen Anforderungen» zu wenig vertraut sind. Hier will das BSV laut Ralf Kocher von den Medas «insbesondere mehr Transparenz und dementsprechend mehr Informationen einfordern». So verlange das BSV nun schriftliche Bestätigungen, dass die ärztlichen Leiter und die Gutachter über die zur Ausübung ihrer Tätigkeit notwendigen Papiere und Bewilligungen verfügen. Da es sich dabei auch um kantonale Bewilligungen handelt, stehen laut Kocher die Kantone ebenfalls in der Pflicht.

Trotz diesen neuen Vorschriften hat sich einzig die Insel aus dem Medas-Geschäft zurückgezogen. Den restlichen 17 Medas – ein Drittel davon sind private Anbieter – hat das BSV neue Rahmenverträge angeboten. Ralf Kocher rechnet damit, dass es künftig in der Schweiz noch mehr Medas geben wird: «Weil der Bedarf an IV-Gutachten wohl noch steigen wird und wir auch die Durchlaufzeiten der einzelnen Gutachten verkürzen möchten, sind wir an zusätzlichen Gutachterstellen interessiert.»

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