Die Berndeutsch-Expertin

Kanton Bern

Ursula Pinheiro-Weber hat das Standardlehrbuch für Berndeutsch verfasst.

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Mirjam Comtesse

Frau Pinheiro-Weber, haben Sie unsere Berndeutschkolumne gelesen? Ab und zu. Eine hat mich etwas irritiert.

Erzählen Sie! Es ging darum, dass Bernerinnen und Berner sagen, etwas heisse auf Berndeutsch so oder so. Sie reden nicht von Schweizerdeutsch. In Ihrer Kolumne haben Sie das als Grössenwahn interpretiert. Sie schrieben, die Berner glaubten, sie hätten eine eigene Sprache. Dabei ist doch genau das Gegenteil der Fall: Die Berner sind sich bewusst, dass ein Wort nur in ihrem Dialekt gilt. Sie wollen nicht stellvertretend für die gesamte Deutschschweiz etwas definieren.

Das könnte natürlich auch eine Erklärung sein. Wissen Sie, als die erste Auflage des Berndeutschlehrmittels auf Französisch herauskam, gab es ein riesiges Medienecho in der Romandie. Damals hiess es, in Zeiten, in denen Europa näher zusammenrücke, könne man nicht dafür plädieren, einen regionalen Dialekt zu lernen. Das sei gewissermassen eine verkappte Gegenbewegung. Schon damals konterte ich: Das Schweizerdeutsche an sich gibt es nicht, sondern nur unterschiedliche Dialekte.

Sind Sie ein Berndeutschfan? Berndeutsch gefällt mir natürlich, es ist meine Sprache. Und in keinem anderen Dialekt gibt es so viel Literatur. Aber wenn schon, dann wäre ich Französischfan.

Nerven Sie sich wie ich über Berner, die bei jeder Gelegenheit erklären, dass Berndeutsch der schönste aller Dialekte sei? Das erlebe ich selten. Ist es wirklich so penetrant?

Ja. Als Thurgauerin bekomme ich regelmässig nicht besonders erbauliche Reaktionen. Aber sagen Sie, welches ist der zweitschönste Dialekt? Französisch (lacht). Nein, der Basler Dialekt gefällt mir auch. Ich habe viele Freunde in Basel, mit denen ich es oft sehr lustig habe. Welcher Dialekt schön ist und welcher nicht, ist für mich aber kein Thema.

Sondern? Mir geht es darum, den Menschen den Berner Alltag und die Befindlichkeiten näherzubringen. Im Lehrmittel ist es mir deshalb wichtig, dass nicht eine geblümelte Gotthelf-Sprache vorkommt, sondern dass die Dialoge so klingen, wie die Leute heute reden. Die Interessierten sollen sich besser verständigen können. Das Berndeutsche ist nicht entscheidend. Ich hätte genauso gut über einen anderen Dialekt oder eine andere Sprache schreiben können.

Wieso haben Sie eigentlich ein Berndeutschlehrmittel verfasst? Ich habe sechzehn Jahre lang für die Association Romande Französischsprachige in Bern unterrichtet. Mit der Zeit war ich es leid, für jede Lektion erneut Kopien mit Aufgaben, Spielen und Liedern zu verteilen. Mit dem vielen Material wollte ich deshalb ein Buch zusammenstellen. Glücklicherweise war Emmentaler-Druck bereit, ein Berndeutschlehrmittel für Französischsprachige herauszugeben. Der Verlag wollte aber auch eine Version für Deutschsprachige. So haben wir am Ende alles noch von Französisch auf Deutsch übersetzt. Die erste Auflage erschien 1992.

«Meine Freunde, meine Mutter, ich und sogar unser Abwart sprachen Texte für die erste Auflage des Lehrmittels.»

Inzwischen ist sogar eine Version für Englischsprachige erschienen. Wird das gekauft? Natürlich handelt es sich bei meinem Lehr- und Lernbuch um ein Nischenprodukt. Aber seit 1992 verkaufen wir jedes Jahr etwa gleich viele Bücher – rund 500 Exemplare. Die englischsprachigen machen den kleinsten Anteil aus, doch auch hier sind die Zahlen stabil. Als Nächstes möchte ich übrigens noch eine portugiesische und eine italienische Variante herausbringen.

Die erste Auflage sieht ziemlich handgemacht aus. Wir haben fast alles selber gemacht! Damals lag noch eine Kassette bei, aufgenommen bei Radio Extra Bern. Meine Freunde, meine Mutter, ich und sogar unser Abwart sprachen Texte. Das Resultat wirkt natürlich nicht topprofessionell, aber umso authentischer. Für die neuen CDs lesen Profis vom «Regionaljournal Bern» die Texte.

Wollen Romands, Engländer oder Deutsche tatsächlich Berndeutsch lernen? Oft redet man ja ihnen zuliebe in ihrer Sprache. Das ist genau ihr Problem: Die Bernerinnen und Berner wechseln sofort in die Fremdsprache. Aber auch wenn Sitzungen im Büro auf Französisch oder Englisch abgehalten werden – das soziale Leben spielt sich im Dialekt ab. Spätestens beim Apéro reden die Leute wieder so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Oder dann versteht die Mutter nicht, was das Kind vom Kindergarten erzählt, weil es Berndeutsch spricht.

Wie wäre es mit einer Berndeutsch-App? Das wäre doch die moderne Art, einen Dialekt zu lernen. Natürlich! Aber der Verlag muss noch überzeugt werden.

Und wenn Sie sich selbst einen Programmierer suchen? Stimmt. Das ist eine gute Idee. Ich gehe dem mal nach.

Ursula Pinheiro-Weber: «Bärndütsch. Ein Lehr- und Lernbuch», Hep-Verlag, 176 Seiten.

Mit diesem Beitrag endet die Kolumne «Berndeutsch für Fortgeschrittene». Unsere Autorin Mirjam Comtesse klingt zwar immer noch wie eine Thurgauerin. Sie versteht aber dank ihrem Volkshochschulkurs immerhin die Finessen des Berndeutschen besser.

Berner Zeitung

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