«Die BKW schaltet als Erste ihr AKW ab»

Die BKW-Chefin ist erleichtert über das Nein zur Initiative «Mühleberg vom Netz». «Das Stimmvolk war vernünftig», sagt Suzanne Thoma im Interview.

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Suzanne Thoma, das Berner Stimmvolk will das AKW Mühleberg nicht sofort vom Netz nehmen. Wie ist Ihre Gefühlslage?
Suzanne Thoma: Am Ende dieses Tages bin ich doch erleichtert.

Haben Sie eine Annahme der Initiative befürchtet?
Nein, wir haben mit einer Ablehnung der Initiative gerechnet. Es war für mich wie bei einer Prüfung: Wir wussten zwar, dass wir eine gute Arbeit geschrieben haben. Aber man wartet dann doch gespannt auf die Note.

Was waren die Schwierigkeiten bei dieser Prüfung?
Die Herausforderung bestand darin, auf eine sachliche und wahrheitsgemässe Art zu kommunizieren. Und dies so, dass die Leute auch verstehen, was die Pläne der BKW sind und warum es nicht sinnvoll wäre, jetzt schnell, schnell und übereilt ein Atomkraftwerk abzuschalten.

Die Befürworter der Initiative warfen Ihnen vor, nicht sachlich zu informieren. Vor allem in Bezug auf die Kostenfolgen: Sie zogen ihre Zahl in Zweifel, dass der Gewinn der BKW bei einer Annahme der Initiative um 120 Millionen Franken pro Jahr tiefer ausfallen würde. Haben Sie diese Vorwürfe getroffen?
Ich war mir bezüglich der Zahlen sehr sicher. Deshalb haben mich die Vorwürfe nicht getroffen und ich habe sie nicht persönlich genommen.

Die Zeitung «Der Bund» hatte geschrieben, dass Sie nach einem Ja zur Initiative zurücktreten würden. Stimmt das?
Ein unmittelbarer Rücktritt wäre kein Thema gewesen. Aber sicher wäre die Entwicklung des Unternehmens sehr eingeschränkt gewesen. Denn der Schaden, der durch die Annahme der Initiative entstanden wäre, wäre massiv gewesen und hätte irgendwann Auswirkungen gehabt.

Im Hinblick auf diesen Abstimmungskampf war es ein cleverer Schachzug, dass die BKW entschieden hat, das AKW im Jahr 2019 vom Netz zu nehmen.
Das Werk 2019 ausser Betrieb zu nehmen war von unternehmerischen Kriterien geprägt. Wir hätten uns auch ohne die Initiative für dieses Datum entschieden. Und wir werden am Jahr 2019 festhalten und Mühleberg abschalten.

Auch nach dieser Abstimmung ist der Weiterbetrieb des AKW noch nicht vollkommen gesichert. Sie müssen der Atomaufsichtsbehörde Ensi demnächst Pläne für die Nachrüstung des AKW einreichen.

Wir haben das Kernkraftwerk die letzten 40 Jahre sicher betrieben – und werden dies auch die nächsten 5 Jahre tun. Wir müssen dem Ensi bis Ende Juni unsere Detailplanung für die Nachrüstungen einreichen. Wir werden wie geplant 200 Millionen Franken investieren. Das ist ein ordentlicher Betrag. Wir gehen davon aus, dass wir bis zum Herbst eine Antwort von der Behörde haben werden. Konkret geht es vor allem um den Bau einer weiteren Notkühlung. Zudem bauen wir eine stärkere Kühlung im Abkühlbecken, wo die Brennstäbe hinkommen.

Wie steht es um die Erdbebensicherheit beim AKW und beim Wohlensee-Staudamm?
Die Erdbebensicherheit ist bei beiden Anlagen gegeben. Bei der Wohlensee-Staumauer haben wir besondere Massnahmen getroffen. Diese haben wir völlig unabhängig vom Ensi und vom Resultat dieser Abstimmung verstärkt. Wir hätten dies nicht unbedingt tun müssen. Denn die bestehende Staumauer hatte die Erdbebenstresstests bestanden. Das zeigt, dass bei der BKW die Sicherheit immer Priorität hat.

Wie sieht es aus im Werk? Ist dort die Erdbebensicherheit gewährleistet?
Da gibt es die Auflage, dass es ein Erdbeben überstehen muss, wie es hier alle 10'000 Jahre auftreten kann. Diese Sicherheit ist selbstverständlich gegeben.

Fast 37 Prozent der Menschen im Kanton Bern wollten Mühleberg sofort vom Netz nehmen.
Es stimmt mich nachdenklich, dass uns diese Leute die paar Jahre bis 2019 nicht geben wollten. Dies, obschon wir dann als erstes Kernkraftwerk der Schweiz vom Netz gehen, vermutlich 15 Jahre vor dem nächsten. Nachdenklich bin ich auch, weil diese Leute den Grossteil des Stromes ohne Mühleberg aus dem Ausland importieren wollten, und zwar einen Mix aus Kohle- und Atomstrom.

Hat die BKW ein Imageproblem?
Ich denke nicht, aber heutzutage ist es schwierig, dass man als Kernkraftwerksbetreiber bei über 50 Prozent der Bevölkerung positiv wahrgenommen wird, insbesondere in der Region Bern.

400'000 Menschen beziehen Strom aus Mühleberg. Wie versorgt die BKW diese Menschen nach 2019?
In den nächsten 10 Jahren sehen wir keine Versorgungslücke auf uns zukommen. Es gibt in Europa sehr viel Strom. Wir müssen diesen dann importieren. Was später passiert, ist schwierig abzuschätzen, denn es werden grosse Kraftwerkkapazitäten wegfallen, gerade auch in Deutschland. Zudem ist der Zubau von erneuerbaren Energiequellen in der Schweiz erschwert. Komplett vom Ausland abhängig wollen wir aber nicht sein. Wir tun, was wir können.

Kann der Kanton Bern nach 2019 noch Selbstversorger sein?
Nein. Die drei Terawattstunden aus Mühleberg können nicht einfach so ersetzt werden. Stellen Sie sich mal vor, was es braucht, um nur eine Windturbine im Berner Jura hinzustellen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht komplett vom Ausland abhängig werden. Denn wenn es in Europa einen Versorgungsengpass gibt, schaut jedes Land zuerst für sich.

Wie sehen mögliche Lösungsansätze der BKW aus?
Wir unterstützen Bestrebungen zur Energieeffizienz. Der Minderverbrauch von Strom wird einen grossen Teil zur Versorgungssicherheit beitragen. Es gibt viele und gute Technologien.

Bisher ist der Stromverbrauch aber immer angewachsen.
Dieses Szenario trifft zu. Und wir sollten uns darauf vorbereiten. Doch es gibt weitere denkbare Szenarien: Weltweit forschen Zehntausende Menschen im Bereich Energieeffizienz und auch Speichermöglichkeiten. Zudem wird die Ausbeute bei der Fotovoltaik stets erhöht. Auch in Sachen Energieeffizienz sind wir noch weit davon entfernt, unsere Möglichkeiten auszuschöpfen.

Sollte der Staat mit Vorschriften eingreifen?
Ich bin gegen staatliche Zwangsmassnahmen. Doch man sollte ökonomisch sinnvolle Anreize schaffen für Investitionen in die Energieeffizienz. Zudem kann der Staat etwas unterstützen mit Fördergeldern, beispielsweise für Leute, die Solarzellen aufs Dach montieren. Das Gute ist: Wir haben Zeit. Die Energiestrategie 2050 ist eine Vision des Bundes. Wir müssen die Herausforderungen annehmen. Obschon wir noch nicht genau wissen, wie die Energieversorgung in 20 Jahren aussieht. Deshalb bin ich jetzt sehr froh, dass das Stimmvolk vernünftig war – und uns für die Ausserbetriebnahme von Mühleberg und die Entwicklung der erneuerbaren Energiequellen die gewünschte Zeit lässt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.05.2014, 06:52 Uhr

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Reaktionen

Die grosse Wehmut ist ausgeblieben im Lager der Mühleberg-Gegner. Sie freuten sich über das nationale Nein zum Gripen – und feierten die Schweizer Demokratie.Franziska Herren, die Urheberin der Initiative «Mühleberg vom Netz», gab den Journalisten gestern in Bern Interview um Interview – und strahlte dabei, als hätte sie im Lotto gewonnen. «Für mich ist das keine Niederlage», sagte die 47-Jährige aus Wiedlisbach. «Ich bin glücklich und stolz auf mich, dass ich diese Abstimmung möglich gemacht habe.» Die direkte Demokratie sei ein Privileg, sagte sie. «Mit Herzblut und Einsatz können alle hier ihr Anliegen vors Volk bringen.» Man brauche dazu keine grosse Lobby im Rücken.

Etwas nachdenklicher gestimmt war Peter Stutz, der Kampagnenleiter des Vereins «Mühleberg stilllegen». Der Ja-Anteil sei mit 36,7 Prozent doch etwas tief ausgefallen, sagte er. «Das ist ein Zeichen für die Staats- und Expertengläubigkeit der Bevölkerung.» Trotzdem ziehe er Positives aus dieser Mühleberg-Abstimmung: «Die Anti-AKW-Bewegung lebt. Und wir haben erstmals einen Abschalttermin für ein Atomkraftwerk.» Die Initiative habe dazu beigetragen, dass die BKW das AKW Mühleberg 2019 vom Netz nehme. «Dies und das nationale Nein zum Gripen sind für mich heute ein Grund zum Feiern.»

Ein deutliches Ja aus Bern

Nur sechs Gemeinden im Kanton Bern haben Ja gesagt zur Initiative «Mühleberg vom Netz», die das sofortige Aus für das Atomkraftwerk verlangt hat. Am meisten Zustimmung (55,6 Prozent) erhielt das Anliegen in der Stadt Bern. In der Standortgemeinde Mühleberg lehnten 75,3 Prozent die Initiative ab. Am meisten Gegenstimmen für die AKW-
Kritiker gab es aus Champoz im Berner Jura (siehe Grafik links).

«Politik soll sich raushalten»

FDP-Grossrat Adrian Haas vom Gegenkomitee zur Mühleberg-Initiative sieht im Nein des kantonalen Stimmvolks «ein Zeichen dafür, dass sich auch die nationale Politik bei den Abschaltterminen der übrigen Schweizer AKW raushalten soll». Es sei die alleinige Sache der Energiekonzerne, darüber zu entscheiden.

Von einem klaren Vertrauensbeweis sprach BKW-Präsident Urs Gasche: «Das war keine Grundsatzabstimmung. Die Stimmbürger haben begriffen, dass es bei dieser Vorlage um
ein Detail ging», sagte er. «Und sie haben bei diesem Detail mit Vernunft entschieden.»

Auch die zuständige Regierungsrätin Barbara Egger (SP) betonte: «Der Entscheid war deshalb so deutlich, weil die BKW das Atomkraftwerk sowieso im Jahr 2019 abstellt.» Das Abstimmungsresultat sei kein Votum gegen die Energiewende. «Es ist ein Votum für einen geordneten Atomausstieg», sagte die Energiedirektorin.Tobias Habegger

Resultat: 137285 Ja (36,75 Prozent), 236285 Nein (63,25 Prozent), Stimmbeteiligung: 51,6 Prozent.

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