Der dritte Sitz liegt in Reichweite

Alles deutet darauf hin, dass die FDP in diesen Wahlen zu den Siegern gehören wird. Das dürfte daran liegen, dass sie ihr Profil wieder geschärft und sich rechts der Mitte positioniert hat.

Die FDP-Nationalräte Christa Markwalder und Christian Wasserfallen bei einer Delegiertenversammlung Anfang Jahr: Nichts deutet darauf hin, dass ihre Wiederwahl gefährdet ist.

Die FDP-Nationalräte Christa Markwalder und Christian Wasserfallen bei einer Delegiertenversammlung Anfang Jahr: Nichts deutet darauf hin, dass ihre Wiederwahl gefährdet ist. Bild: Keystone

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Nach jahrelangen Niederlagen konnte die FDP in der letzten Zeit wieder Siege vermelden: In den Kantonen Zürich, Luzern, Tessin und Baselland legte die einst allmächtige Partei dieses Jahr wieder zu. Auch die Prophezeiungen für den 18.Oktober deuten auf einen Erfolg hin.

Allerdings müsste auch eine Steigerung des Wähleranteils um ein paar Prozentpunkte in der langen Perspektive eher als Erholung denn als Sieg interpretiert werden. Vor vier Jahren erlitt die FDP im Kanton Bern eine historische Niederlage, bei der sich ihr Wähleranteil von 15,1 auf 8,7 Prozent fast halbierte.

Bis zur Gründung der SVP-Vorläuferin BGB im Jahr 1918 war der Freisinn die mächtigste Berner Partei gewesen. Dann folgten Jahrzehnte als Juniorpartner der heutigen SVP, in denen die FDP regelmässig rund ein Sechstel der Wählerstimmen hinter sich hatte. Noch von 1983 bis 2007 errang sie immer vier oder fünf Nationalratssitze. Im Jahr 2011 waren es noch zwei.

Ein heilsamer Schock

Was den langsamen Erosionsprozess vor vier Jahren mit einem Erdrutsch beschleunigte, war das Aufkommen von BDP und GLP. Der Schock hatte heilsame Wirkung: Nun begriffen auch die letzten Aushängeschilder, dass die unter Präsident Fulvio Pelli und Fraktionschefin Gabi Huber eingeleitete Neupositionierung dringend nötig war. Rechts der Mitte war mit der Radikalisierung der SVP und dem Drängeln der anderen Mitteparteien nach links jene Lücke entstanden, in der die FDP seit einigen Jahren wieder einigermassen kompakt politisiert.

Heute reicht ihr Spektrum auf der Links-rechts-Skala von –10 bis +10 von 1,6 bis 4,1. Nach rechts verbleibt damit immer noch eine grosse Lücke zur SVP. Der linke Flügel überschneidet sich nach wie vor mit CVP und BDP, wie das Rating der «Neuen Zürcher Zeitung» zeigt.

An diesem linken FDP-Flügel politisiert von der Berner FDP Nationalrätin Christa Markwalder mit 1,6 Punkten. Am rechten FDP-Flügel ist mit 3,6 Punkten Christian Wasserfallen positioniert. Nichts deutet darauf hin, dass die Wiederwahl der beiden profilierten bisherigen Politköpfe gefährdet ist. Markwalder hat die sogenannte Kasachstan-Affäre souverän gemeistert, und ihre europafreundliche Haltung dürfte sie zwar Stimmen kosten, aber auch als Standhaftigkeit honoriert werden. Wasserfallen gehört inzwischen zur Parteiprominenz. Vielmehr ist bei der FDP «ein dritter Sitz realistisch und ein vierter im Bereich des Möglichen», wie Parteisekretär Stefan Nobs sagt.

Rund 11 Prozent Wähleranteil müsste die Berner FDP erreichen, um den dritten Sitz zurück zu erobern. Dieses Ziel liegt in Reichweite. Zumindest von der Ausgangslage her müsste Claudine Esseiva zum Handkuss kommen. Die ebenfalls dem linken Parteiflügel zugerechnete Ex-FDP-Generalsekretärin erhielt mit der Ständeratskandidatur eine zusätzliche Bühne. Jedoch riecht der von ihrer Arbeitgeberin, der PR-Agentur Furrerhugi, durchgestylte Wahlkampf etwas streng nach Inszenierung.

So eindeutig ist die Sache deshalb nicht: Mit dem kämpferischen Grossrat Philipp Müller, dem Berner Gemeinderat Alexandre Schmidt und dem Thuner Unternehmer Peter Dütschler gibt es Konkurrenz, die eher auf jenem Mitte-rechts-Kurs politisiert, dem die Partei auf nationaler Ebene ihre jüngsten Wahlerfolge verdankt.

340'000 Franken investiert die Berner FDP in den Wahlkampf. Dabei legt sie Wert auf die Feststellung, dass fast 90 Prozent dieser Mittel von ihren Mitgliedern stammen und nur gerade ein Zehntel aus Spenden von Firmen und Organisationen. Fast ein Drittel des Budgets floss in eine «Wahlzeitung», die kürzlich kantonsweit gestreut worden ist. Die ansonsten klassische Kampagne fokussiert im Gegensatz zur SVP nicht auf Themen, sondern auf die Werte «Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt».

Hauptanliegen sind die Erhaltung von Arbeitsplätzen, eine finanziell tragbare Sicherung der Sozialwerke und der Abbau von Bürokratie. Ansprechen will sie eine Wählerschaft, die Freiheit und Leistung hoch gewichtet und die wirtschaftsfreundlich und gesellschaftlich liberal ist. Im Gegensatz zu den Mitteparteien, die sich je nach Thema mit links oder rechts verbünden, definiert die FDP einen klaren politischen Hauptgegner: Linksgrün.

Ehrenkodex für Kandidaten

Die Kandidaten unterschreiben keine Verpflichtung auf das FDP-Wahlprogramm, aber einen sogenannten Ehrenkodex für den Wahlkampf. Darin ist auch geregelt, dass sie im Fall einer Wahl der Partei eine Prämie von 20'000 Franken schulden. Solche Regelungen kennen auch andere Parteien, wobei die Beträge dort tiefer sind. Dafür sind die jährlich wiederkehrenden Mandatsabgaben der FDP-Nationalräte an ihre Partei mit 1500 Franken vergleichsweise tief. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.09.2015, 07:52 Uhr

Steckbrief

Die FDP des Kantons Bern

Gründungsjahr: 1889
Aktive Mitglieder: 5700
Sektionen: 130
Wähleranteil 2011: 8,7%
Sitze im Nationalrat: 2
Sitze im Grossen Rat: 17
Gemeindepräsidien: 34
Parteisekretariat: 220 Stellenprozent (3 Personen)

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