Der Walliser Wolf war auch ein Berner

Die DNA-Analyse hat es an den Tag gebracht: Beim abgeschossenen Wolf im Wallis handelt es sich um jenes Tier, das seit 2006 im Kanton Bern unterwegs war. Ein Lebenslauf vom Wolf M16, der lebend und tot für Aufregung sorgt.

Der Wolf M16 war in den Berner Alpen zu Hause. Im Wallis wurde er im Alter von gut 5 Jahren abgeschossen.

Der Wolf M16 war in den Berner Alpen zu Hause. Im Wallis wurde er im Alter von gut 5 Jahren abgeschossen.

(Bild: Kanton Wallis)

Seine Reisszähne trennen Fell- und Hautstücke vom toten Körper. Er schlingt Muskeln und Sehnen hinunter, bis sein grosser Magen voll ist. Sein Gebiss ist tadellos, keiner seiner 42 Zähne fehlt. Das Schwarznasenschaf wird sein letztes grosses Fressen, die Henkersmahlzeit von M16 sein.

60 Kilometer pro Nacht

M16 steht für einen der berühmtesten Wölfe der jüngsten Schweizer Geschichte. Für einen Wolf, der lebend Schafzüchter, Alphirten und Wildhüter auf Trab hält – der sogar tot noch das Klima unter der Bundeshauskuppel anheizt. M bedeutet Männchen, 16 das 16. männliche Tier, das in der Schweiz offiziell registriert wurde.

M16 taucht Ende November 2006 in Pohlern bei Thun erstmals auf. Auf einer abgelegenen Weide reisst er acht Schafe – fünf sind sofort tot, drei müssen notgeschlachtet werden. Die DNA-Analysen zeigen: Das Wolfsmännchen stammt aus einer italienischen Population im Aostatal. Entweder wanderte der Rüde im Gebiet des Grossen Sankt Bernhard oder des Simplon ins Wallis ein.

Bei Streifzügen von bis zu sechzig Kilometern pro Nacht ist es für ihn nicht mehr weit bis ins Berner Oberland und bis vor die Tore der Stadt Thun. Dem Wolf gefällt es im Gebiet zwischen Berner Oberland, Gantrisch und Jaun so gut, dass er gleich länger hierbleibt. Der Berner Wolf macht sich Mitte März 2007 in Boltigen im Simmental über ein Reh her. Nur einen Tag vorher wird er im Sparenmoos ob Zweisimmen gesichtet. Innert Wochenfrist schlägt er im Raum Thun erneut zu: In Thierachern reisst er am 27.März sechs Schafe. Wo sich M16 im Sommer 2007 aufhält, ist unklar. Im Oktober hinterlässt er Spuren auf der freiburgischen Seite des Jaunpasses, Ende November im Saanenland.

Im Januar 2008 wird der Rüde sozusagen über Nacht zum Medienstar. Wildhüter Peter Schwendimann hätte die Sensation um ein Haar vermasselt. In Latterbach hatte er eine Fotofalle aufgestellt, um die Luchspopulation zu überwachen. Als Schwendimann den Datenträger der Kamera auswechselt, glaubt er erst, dass ein streunender Hund in die Falle geraten ist. Erst auf den zweiten Blick stellt der Wildhüter fest: Beim Zufallsbild handelt es sich um einen Wolf. Weil kein anderer seit 2006 im Kanton Bern seine Spuren hinterlassen hat, muss es sich um M16 handeln.

Von Frühling bis Sommer 2008 schlägt M16 zwischen Rüschegg und Lauenen immer wieder zu. Er hat eine Vorliebe für Schafe, die für ihn eine leichte Beute sind. Denn die Besitzer sömmern ihre Herden ungeschützt. Im Alpsommer 2009 ergänzen auch Ziegen in Gsteig, Därstetten und in Erlenbach seinen Menüplan. Am 15.Oktober 2009 wird auf der Portweid an der Lenk von einem gerissenen Kuhkalb berichtet. Weil ein DNA-Nachweis fehlt, ist unklar, ob M16 tatsächlich wieder zugeschlagen hat.

Hirsche im Winter

M16 streift gezielt durch die Alpen. Die kantonalen Jagdaufseher und die Wolfsexperten haben die Wanderungen analysiert und erkennen heute ein klares Muster: Der Rüde wählt seine Opfer abhängig von der Jahreszeit aus. Im Sommer ist M16 vor allem auf den Alpweiden im Berner Oberland unterwegs, wo er genügend Schafe findet. Die Herden sind ungeschützt und für den 65 Zentimeter hohen und einen Meter langen Jäger eine leichte Beute. Den Winter verbringt M16 in den Kantonen Freiburg und Waadt, wo er mit angefahrenen, verletzten oder verendeten Hirschen einfache Beute macht.

Begegnung mit F5

Vom Winter in den Waadtländer Alpen zurück in den Walliser Bergsommer 2010. M16 zieht nicht alleine durch die Wälder. F5 begleitet ihn auf seinen Streifzügen. M16 lernte das Wolfsweibchen im Oberwallis kennen. Wo genau, bleibt für immer das Geheimnis des Paares. F5 hinterlässt Anfang 2010 im Val de Dix, einem Seitental südlich der Rhone, ihre Spuren. Ende März, Anfang April zieht sie Richtung Oberwallis und traversiert vermutlich im Pfynwald zwischen Leuk und Siders das Tal. Die Rhone stellt für sie kein Hindernis dar. F5 ist eine gute Schwimmerin. Auf der gegenüberliegenden Bergflanke stösst sie ins Gebiet von M16 vor.

Dass sich der Berner Wolf mit dem Walliser Weibchen zusammenschliesst, ist eine weitere Sensation. Es ist das erste Mal, dass Wölfe in der Schweiz ein Rudel bilden. Bisher waren die Tiere immer alleine unterwegs.

Gut möglich, dass sich der Wolf und die Wölfin in der Paarungszeit ein erstes Mal treffen. Diese dauert üblicherweise von Januar bis März. Ob M16 und F5 zusammen für Nachwuchs sorgten, ist unklar. Walliser Jäger wollen jedoch einen erwachsenen Wolf zusammen mit Jungtieren gesehen haben. Die Rede ist von vier kleinen Wölfen. Haben sie die Tiere wirklich gesehen, oder handelt es sich um Jägerlatein? Es gibt keine Funde, die die Aussagen belegen.

Beutetiere werden grösser

Jedoch lässt das Verhalten von M16 und F5 den Schluss zu, dass sie im Frühsommer tatsächlich Nachwuchs aufziehen. Statt wie bisher durch die Alpen von Kanton zu Kanton zu ziehen, werden die beiden oberhalb von Salgesch, zwischen Montana und der Varneralp, plötzlich sesshaft. Für die Wölfe ein Schlaraffenland: 162 Rinder, 46 Kühe, 30 Schweine, 180 Geissen und 4 Pferde sömmern hier. Ungeschützt. Im Rudel greifen sie auf der Varneralp Schafe an, auf der benachbarten Alp Scex schliesslich auch Rinder. Ihre Beutetiere werden immer grösser. Das erste Rind ist rund 200 Kilogramm schwer. Zum Vergleich: M16 wiegt in diesem Sommer 43 Kilo. Damit ist er überdurchschnittlich gut gebaut, auch wenn ihn Bandwürmer plagen. Bevor die Wölfe das Rind von hinten her bis zur Hälfte auffressen, schleifen sie es mehrere Meter talwärts in Richtung Wald.

In der selben Woche attackieren sie ein zweites Rind. Dieses kann schwer verletzt fliehen, weisst jedoch am Rücken und an den Hinterbeinen deutliche Risswunden auf. Die Frage bleibt unbeantwortet: Wieso fressen die Wölfe in nur vier bis fünf Tagen rund 100 Kilo Fleisch? Können sie nicht weiterziehen, weil sie in einer Höhle Junge aufziehen?

Kugel aus dem Jagdgewehr

Auch durch Menschen und Hunde lassen sich die Wölfe nicht aus dem Schlaraffenland auf der Alp Scex vertreiben. Die Schutzmassnahmen der Herde schlagen fehl. Der Walliser Staatsrat entscheidet Anfang August, einen der Wölfe, den Berner Rüden oder das Walliser Weibchen, abzuschiessen. Die Wildhut hat 60 Tage Zeit, den Befehl umzusetzen.

Das Dispositiv der Walliser Wildhut ist erfolgreich. In den frühen Morgenstunden des 11.August 2010 wagt sich M16 auf der Alp Scex zu nahe an die Rinderherde heran. Warum, ist selbst für Experten unklar. Denn sein Hunger ist gestillt. Das Fleisch des Schwarznasenschafs füllt bereits seinen Magen. Die Kugel aus dem Jagdgewehr trifft ihn hinter dem linken Vorderlauf in die Brust. M16 ist auf der Stelle tot.

Berner Zeitung

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