Der Typus des zähen Berner SVP-Bundesrats hat ausgedient

Die Berner SVP-Bundesräten seit 1929 waren eher behäbige Verwalter als innovative Gestalter. Doch Samuel Schmid war das letzte Exemplar dieser aussterbenden Gattung.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Vom legendären, 1929 gewählten Bauernführer Rudolf Minger bis zum 2008 abgetretenen Samuel Schmid sass meist ein Vertreter der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) und ihrer Nachfolgepartei SVP für Bern im Bundesrat. Bloss in der Ära des Bündners Leon Schlumpf wurde dieses Berner SVP-Dauerabo für einige Jahre ausgesetzt.

Behäbige Verwalter

Aus der langen Reihe dieser SVP-Granden lässt sich ein Berner Bundesratstypus ableiten: Er ist Bauern- oder Lehrersohn, kommt vom Land, ist Fürsprecher und hat sich auf einer langen Ochsentour vom Gemeindepräsidenten über den Grossen Rat, den Nationalrat und hohe Parteiämter zäh hochgearbeitet – wie in der Hierarchie von Chinas Kommunistischer Partei. Zäh wartet er jahrelang darauf, in dem Moment oben auf der Berner Parteileiter zu stehen, wenn im Bundesrat der Berner Stuhl frei wird.

Naturgemäss muss ein sich so voranarbeitender Mann ein kompromissbereiter und staatsgläubiger Taktiker sein. Berner SVP-Bundesräte wie Rudolf Gnägi oder Samuel Schmid fielen denn auch als behäbige Verwalter statt als innovative Gestalter und Macher auf.

Samuel Schmid war das letzte Exemplar dieser aussterbenden Gattung. Das Fixseil, an dem sich ein Berner SVP-Spitzenkandidat in die Landesregierung emporgehangelt hatte, wurde in Schmids Ära gekappt. Von Zürich aus.

Der dort erstarkende SVP-Flügel von Christoph Blocher riss den Bernern im nationalen SVP-Cockpit das Steuer aus der Hand. «Der alte Typ des Berner Verwalters wurde zu einem Ausdruck des trägen, wenig dynamischen Kantons», sagt Adrian Vatter, Politikwissenschaftler an der Universität Bern.

Nicht nur im Kanton Bern ist das Parteiensystem laut Vatter volatil geworden. Auch der langjährige FDP-Bundesratssitz der Waadt oder der CVP-Sitz des Tessins gehören der Vergangenheit an. Analog haben die Bürgerlichen im Kanton Bern durch das Erstarken der rot-grünen Städte einen der beiden Ständeratssitze verloren. «Es ist auch gut, dass heute eine Region nicht immer mit der gleichen Partei identifiziert wird», findet Vatter.

Das Klima sei in der Politik kompetitiver geworden. Vatter erkennt einen neuen, jüngeren, agilen Typus im Bundesrat. Alain Berset und Simonetta Sommaruga gehören für ihn dazu. Johann Schneider-Ammann, obwohl Unternehmer, entspreche eher dem Verwaltertypus.

Spitzenpersonal der Zukunft

Sind heute schon Berner Persönlichkeiten erkennbar, die sich nach Simonetta Sommarugas Rücktritt für einen Berner Bundesratssitz eignen? «Wenn die Grünen durch Verluste der CVP den Anspruch auf einen Bundesratssitz durchsetzen könnten, wäre Alt-Regierungsrat Bernhard Pulver ein valabler und chancenreicher Kandidat», glaubt Adrian Vatter. Er sieht beim Berner Spitzenpersonal aber derzeit eine Lücke, jungen Nachwuchspolitikerinnen der SP mangle es noch an Erfahrung. 

Auch Alt-Regierungsrätin Barbara Egger (SP) erkennt ein «Interregnum». Für sie gäbe es zurzeit nur eine Berner Kandidatin für die Landesregierung, die aber der Politik bald den Rücken kehre: die Stadtberner Gemeinderätin Ursula Wyss (SP).

«Sie ist eine Macherin», begründet Egger die Empfehlung ihrer Parteikollegin. Ob Wyss nach der verpassten Wahl ins Berner Stadtpräsidium den Sprung in den Bundesrat schaffen würde, müsste sich erst weisen.

Und die Berner SVP? «Wir hätten gute Kandidaten», erklärt Aliki Panayides, Berner SVP-Kantonalsekretärin, selbstbewusst. Sie nennt die Nationalräte Werner Salzmann, Albert Rösti und Andreas Aebi.

Nationales Format dürfte man allerdings höchstens SVP-Parteipräsident Rösti zugestehen. In weiser Einschätzung der Kräfteverhältnisse fügt denn Panayides auch an, dass ein Bundesratssitz für die Berner SVP «derzeit nicht im Vordergrund» stehe.

Berner Zeitung

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