Der Selbstbetrug im grünen Grossraum Bern

Der Politgeograf Michael Hermann aus Zürich hält weder den Stadt-Land-Graben noch die Wirtschaftsstruktur für Berns Hauptproblem. Er kritisiert vielmehr die Wachstumsverweigerung im Grossraum Bern.

In keiner Agglomeration sind die Pendlerwege länger als im Raum Bern. Nicht zuletzt deshalb, weil Berner  Vororte (im Bild Thörishaus) die Überbauung von Grünflächen blockieren und so das Bevölkerungswachstum aufs Land, in den angrenzenden Kanton Freiburg exportieren. Michael Hermann (links) ist Politgeograf und lebt in Zürich. Aufgewachsen ist er im bernischen Huttwil.

In keiner Agglomeration sind die Pendlerwege länger als im Raum Bern. Nicht zuletzt deshalb, weil Berner Vororte (im Bild Thörishaus) die Überbauung von Grünflächen blockieren und so das Bevölkerungswachstum aufs Land, in den angrenzenden Kanton Freiburg exportieren. Michael Hermann (links) ist Politgeograf und lebt in Zürich. Aufgewachsen ist er im bernischen Huttwil. Bild: Andreas Blatter

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Bern habe langfristig gute Aussichten, als Agrarkanton von der steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu profitieren, sagt Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar. Teilen Sie diesen Optimismus, Herr Hermann?
Michael Hermann: Die Bedeutung der Nahrungsmittelproduktion wird tatsächlich unterschätzt. Und die Idee ist plausibel, dass der globalisierte Markt nach agrarischen Hochqualitätsprodukten verlangen könnte. So wie nach Schweizer Luxusuhren. Die Frage ist aber: Wenn so eine Entwicklung kommt, passiert sie dann im Kanton Bern? Um 1900 waren die Berner Nahrungsmittelfirmen hervorragend aufgestellt. Aber diese Stärken hat der Kanton Bern verloren.

Typischer Berner Pessimismus! Man kann doch hoffen.
Ich spüre in Straubhaars Prognose die oft geäusserte Hoffnung, dass es aus der Berner Strukturkrise einen goldenen Ausweg gebe. Diese Hoffnung spielt auch mit beim Versuch, die Hauptstadtregion als Lobbyzentrale zu positionieren. Oder bei der Idee, in Bern ein nationales Medizinzentrum oder eine Infrastrukturdrehscheibe zu errichten.

Das sind doch gute Ideen!
In Bern denkt man gern in Konzepten und Szenarien. Es hat etwas Faszinierendes an sich, wie sich derzeit Organisationen, Politiker, Medien, Buchautoren wie Sie beide und bald auch ein Universitätsforum (siehe Infobox) Gedanken darüber machen, wie Bern wirtschaftlich genesen könnte. Die Vorstellung, dass bestehende Probleme mit einem grossen politischen Wurf von oben gelöst werden können, ist für mich Ausdruck eines Obrigkeitsdenkens und einer Staatsgläubigkeit, wie sie typisch sind für Bern. Diese Vorstellung wird in meinen Augen überschätzt.

Wie kann Bern denn nach Ihrer Ansicht wirtschaftlich genesen?
Es kommt dann etwas in Gang, wenn viele einzelne Menschen und Unternehmen die Ärmel hochkrempeln, innovativ sind, Ideen umsetzen – und wenn ihnen dabei keine Steine in den Weg gelegt werden. Bern ist die Zentrale der Politik, und es ist das Wesen der Politik, Prozesse zu steuern. Aber ein wirtschaftlicher Entwicklungsprozess ist viel weniger lenkbar, als man das in Bern glaubt. Die Schweiz ist ja kein zentral dirigiertes Land. Gerade das macht den Erfolg und die Klugheit des Schweizer Modells aus. Was zählt, ist die Summe aller Einzelinitiativen.

So eine Summe von Einzelinitiativen sieht der Berner Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher in der hohen Zahl von Berner Industriearbeitsplätzen.
Ja, diese Zahl ist hoch. Aber es gibt keine Anzeichen, dafür dass sich Berns nationale Rolle völlig verändern könnte. Dass sich die Flughäfen oder die ETHs nicht in Bern befinden, hat über Jahrzehnte zu einer Hierarchie der Standorte geführt, die man nicht einfach auf den Kopf stellen kann. Und der Kanton ist von einer über 200-jährigen Tradition der Unternehmerfeindlichkeit und Wachstumsskepsis geprägt. Die Kantonspolitik kann nicht einfach das Steuer herumreissen. Bern bekommt auch zu spüren, wie sich in einer mobilen Gesellschaft die Leute sortieren. Die Ehrgeizigen gehen halt eher nach Zürich, das vergleichsweise rau, anonym und leistungsorientiert ist. In Zürich aber wird man, anders als in Bern, positiv betrachtet, wenn man erfolgshungrig ist.

Mit anderen Worten: Bern ist auf der Verliererstrasse?
Ich würde Bern primär zu Realismus raten. Es gibt keine leichten Lösungen, die man von oben verordnen kann. Man kann den grossen Kanton nicht verpflanzen. An seiner Lage in der Mitte zwischen den beiden Schweizer Wachstumspolen im Westen und im Osten lässt sich nichts ändern. Berns Zukunft hängt vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Klima ab, von der Leistungsbereitschaft. Die lassen sich verändern. Ich spüre aber noch wenig Bereitschaft dazu. Man verharrt in Bern lieber in der Pose: Wir wollen gar nicht sein wie Zürich, unser grüner Kanton hat dafür eine hohe Lebensqualität.

Was spricht denn gegen diese Selbsteinschätzung?
Es ist realistisch, zu sagen, dass Bern sich nicht mit Zürich messen kann. Aber das steht ja gar nicht zur Debatte. Realität ist, dass von den 56 Agglomerationen des Landes nur gerade Grenchen und La Chaux-de-Fonds in den letzten 30 Jahren ein noch geringeres Bevölkerungswachstum zu verzeichnen hatten als die Stadt Bern und ihr Umland.

Warum ist das so?
Nicht zuletzt deshalb, weil die Wachstumsskepsis und ein ländlich-dörfliches Denken schon hinter der Gemeindegrenze von Köniz und selbst in der Kernstadt Bern spürbar sind. Nicht von ungefähr spriessen in Bern grüne Parteien in allen Schattierungen. Kaum eine andere Schweizer Stadt hat ein so breites, wachstumskritisches Spektrum.

Es gibt doch gute Gründe für Wachstumskritik.
Ja, die gibt es. Aber die Berner unterliegen einem Selbstbetrug, wenn sie die Agglomeration Bern für besonders ökologisch halten.

Selbstbetrug?
Es mag schön sein, wenn man vor der Haustür das Wachstum eindämmen kann, aber es findet dann woanders statt. Weil man sich in der Agglomeration Bern weigert, Land einzuzonen und zentrumsnahe, verdichtete Wohnbauprojekte in vielen Vorortsgemeinden blockiert sind, wird das Wachstum in die Kantone Freiburg oder Wallis exportiert. In keiner anderen Agglomeration werden weitere Arbeitswege zurückgelegt als in Bern. Diese Mobilität ist nicht ökologisch, verursacht hohe Kosten, und sie führt zu einem Abfluss von Steuergeldern.

Ist es nicht eher so, dass der Kanton Freiburg als Trittbrettfahrer von Bern und den Steuern der in Bern Arbeitenden profitiert?
Man kann dem Kanton Freiburg oder dem Wallis vorwerfen, dass sie wenig raumplanerische Sorge zur Landschaft tragen und so die Zersiedlung und den Autoverkehr noch antreiben. Aber es ist ein Berner Entscheid, mitten in der Agglomeration Bern möglichst viele grüne Hinterhöfe zu bewahren, statt in den Vorortsgemeinden mehr zentrumsnahen Wohnraum anzubieten. Die Nachfrage danach nimmt im ganzen Land zu.

Zur Stärkung der Wirtschaft müsste der Raum Bern vor allem auch Unternehmen ansiedeln. Alle diskutieren darüber, wie Berns Wirtschaft auf Vordermann zu bringen sei. Dabei ist die gar nicht so schlecht. Das wahre Problem Berns ist das mangelnde Bevölkerungswachstum. Bern hat ein besonders ungünstiges Verhältnis zwischen dem Wachstum an Arbeitsplätzen und an Einwohnern. Was nützt es, wenn Jobs geschaffen werden, die Menschen aber anderswo ihre Lebenswelt gestalten, einkaufen und Steuern zahlen?

Ist es nicht das Hauptproblem des Kantons Bern, dass viele Landregionen am finanziellen Tropf der Agglomeration Bern hängen und diese so bremsen?
Zumindest in einem Punkt ist der Stadt-Land-Gegensatz im Kanton Bern gar nicht so stark ausgeprägt. Wachstumsfeindliches, ländliches Denken ist auch mitten in der Agglomeration Bern verbreitet. Die Peripherie zu beschuldigen, ist kurzsichtig. Für die Verdichtungsverweigerung in der Agglomeration Bern können die Berner Oberländer nichts. Das Bild vom pulsierenden Zentrum und dem bremsenden Hinterland stimmt nur bedingt. Überhaupt müsste der Kanton Bern sein Zentrum wohl grösser denken: von Thun über Bern bis nach Biel und Langenthal.

Kann Bern mittelfristig auf Zuzüger aus den überteuerten Ballungsräumen in Zürich und am Genfersee hoffen?
Vorderhand wächst die Zahl der Zupendler nach Bern. Das zeigt, dass immer mehr Leute in Bern arbeiten, aber nicht herziehen. Dieser Effekt könnte durch einen Viertelstundentakt der Intercityzüge sogar noch verschärft werden. Hinzu kommt noch eine Fehleinschätzung: Im Raum Zürich wird derzeit in zentrumsnahen Regionen, die neu durch S-Bahnen erschlossen worden sind, so stark gebaut, dass sich die Wohnpreise mittelfristig stabilisieren dürften. Warum hat sich der Kanton Zürich trotz empfindlicher Steuereinbussen nach der Finanzkrise einigermassen gut gehalten? Weil viele neue Steuerzahler in den Grossraum Zürich gezogen sind.

Der Kanton Bern muss drastisch sparen. Zu welcher Sparstrategie würden Sie ihm raten?
Das kann ich nicht sagen, ich bin zu weit weg. Wenn man Passstrassen und Spitäler schliessen würde, löst man damit vielleicht nur heftige politische Gegenreaktionen und Beharrungskräfte aus. Ich bin gespannt, ob der Spardruck im Kanton zu einem Umdenken führt. Zumindest besteht die Chance, dass so die eine oder andere Lebenslüge in sich zusammenbricht.

Wandel halten Sie im Kanton Bern dennoch für möglich?
Natürlich. Es gab in den letzten 200 Jahren auch Berner Aufbrüche und Veränderungen der Berner Mentalität. Heute ist allerdings die Mobilität viel höher. Innovationsfreudige können widrigen Umständen den Rücken zudrehen. Aber eigentlich sind Lage und Erreichbarkeit des Kantons Bern ideal. Wächst die Schweiz weiterhin so dynamisch, wird er irgendwann vom Sog aus Zürich und vom Genfersee profitieren. Dafür muss Bern aber sein hausgemachtes Problem mit dem Bevölkerungswachstum lösen. Ich bin allerdings nicht sicher, ob das Berner Problembewusstsein dafür gross genug ist.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.05.2013, 14:23 Uhr

Michael Herrmann (Bild: Keystone)

Zur Person

Eloquent und schonungslos analysiert der Politgeograf in einem Zürcher Quartiercafé das Malaise des Kantons Bern. Hermann (42) weiss, wovon er spricht. Er ist im bernischen Huttwil aufgewachsen. Früh hat er sich entschieden, nicht in Bern zu studieren, sondern «im rauen, leistungsorientierten Zürich», wo aber mehr Spielraum für Eigeninitiative herrsche als in Bern. Nach dem Abschluss des Studiums hat Hermann die Forschungsstelle
Sotomo (www.sotomo.ch) für Gesellschaft, Politik und Raum aufgebaut. Sie ist mit dem Geografischen Institut der Uni Zürich liiert. Hermann ist spezialisiert auf sozialräumliche Analysen von Politik und Gesellschaft und gefragt als Kommentator der Schweizer Politik.

Der in Zürich lebende Politgeograf gehört zur hochkarätigen Rettungscrew, die ab dem nächsten Mittwoch an drei «Forumsgesprächen» an der Universität Bern Wege aus Berns Stagnation und finanzieller Enge weisen soll. Das Thema lautet: «Der Kanton Bern – Stadt und Land müssen sich bewegen». Organisator ist das Forum für Universität und Gesellschaft. An den drei Anlässen jeweils am Dienstag treten ab 18 Uhr im Unihauptgebäude renommierte Referenten auf. Am 29.Mai (in der Aula 210) skizzieren sie die Fakten von Berns Lage. Am 5.Juni (im Auditorium Maximum 110) geht es um Berns künftige Herausforderungen, am 19.Juni (im Auditorium Maximum) um Optionen und Visionen.

Programm: www.forum.unibe.ch

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