«Der Respekt vor der Polizei hat abgenommen»

Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) zeigt sich besorgt über die zunehmende Gewalt gegen Polizisten. Der Regierungsrat möchte nicht spezielle Strafen bei Angriffen auf Polizisten, sondern das Strafmass grundsätzlich überdenken.

Der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser.

Der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser.

(Bild: Andreas Blatter)

Herr Käser, waren Sie als oberster Chef seit dem Vorfall von gestern schon beim Polizeikorps? Hans-Jürg Käser: Beim Korps war ich noch nicht. Ich habe jedoch mit einzelnen Mitgliedern gesprochen. Die Leute sind sehr betroffen. Wenn ein Kollege im Dienst sein Leben lässt, geht das an die Nieren.

Ist beim Einsatz in Schafhausen etwas schiefgelaufen? Es ist zu früh, darüber bereits Aussagen zu machen. Für mich ist wichtig, festzuhalten, dass solche Einsätze Courant normal sind. Es kommt immer wieder vor, dass die Polizei einen Betreibungsweibel begleitet. Die meisten dieser Einsätze gehen jedoch ohne grössere Probleme über die Bühne.

Nicht aber am Dienstag in Schafhausen. Das stimmt, doch das war ein Einzelfall und kaum vorauszusehen. Der Täter war im Dorf als friedlich und ruhig bekannt. Auch die Polizei kannte ihn von früheren Begegnungen. Man konnte immer mit ihm sprechen, seine Persönlichkeit schien nicht kritisch zu sein. Es war deshalb nicht davon auszugehen, dass die Räumung zu einem schwierigen Fall würde. Am Montag kam es dann aber nicht zu einem Gespräch, die Polizisten konnten gar nicht erst mit ihm reden.

Im Nachhinein: Hätte man etwas anders machen müssen? Es ist zu früh, um dies zu beurteilen. Die Zusammenarbeit unter Behörden ist nach dem Fall Kneubühl in Biel untersucht worden. Es gibt nun ein Handbuch über den Informationsaustausch zwischen den Behörden von Kanton und Gemeinden. Ich gehe davon aus, dass die Empfehlungen in diesem Handbuch beachtet werden.

Das Opfer trug keine Schutzweste. Jeder Polizist entscheidet selbst, ob er sie trägt. Muss der Kanton hier über die Bücher? Die Bestimmung übers Tragen der Schutzweste wird im Zuge der laufenden Untersuchung geprüft. Ich bin der Meinung, dass die Einsatzkräfte selbst einschätzen sollten, wann sie die Weste tragen müssen. Solche Situationen wie in Schafhausen können nämlich auch bei Verkehrskontrollen auftreten. Und ich frage jetzt: Muss die Polizei künftig jede Verkehrskontrolle in Schutzbekleidung durchführen? Bevor wir entscheiden, wollen wir die Erfahrungen der Mitarbeiter an der Front anhören und sie in den Entscheid mit einbeziehen.

Polizisten klagen, der Respekt ihnen gegenüber gehe mehr und mehr verloren. Autoritäten haben heute nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher. Der Respekt der Menschen gegenüber der Polizei hat abgenommen. Beschimpfungen und Gewalt gegenüber den Uniformierten haben in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen. Darüber bin ich besorgt.

Was kann man dagegen tun? Respekt kann man nicht befehlen oder ein Gesetz machen. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Man kann zu Respekt aufrufen und die Kinder dazu erziehen.

Der Schweizerische Polizei verband fordert härtere Strafen bei Gewalttaten an Polizisten. Was sagen Sie dazu? Ich denke, man muss bei der Bestrafung von Gewalttaten nicht Spezialfälle einführen, sondern den Gesamtzusammenhang sehen. Es gibt bereits Forderungen nach einer Revision des erst kürzlich in Kraft getretenen neuen Strafgesetzbuches.

Besuchen Sie die Familie des Verstorbenen? Polizeikommandant Stefan Blättler hat die Familie besucht. Ich entscheide später, ob ich das auch tun werde.

Kann die Familie auf Hilfe vom Kanton zählen? Wir werden alle Möglichkeiten wahrnehmen, um die Hinterbliebenen nach Kräften zu unterstützen. Aber den Ehemann und Vater kann man damit nicht ersetzen.

Berner Zeitung

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