Der Gelbschnabel erlebt sein blaues Wunder und sieht rot

Wir überschreiten rote Linien, machen eine Fahrt ins Blaue und werden gelb vor Neid. Zum ­Abschluss unserer Herbstserie gehen wir mit dem Sprachforscher Christian Schmid auf die Suche nach Farben in Redensarten.

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Wann haben Sie zuletzt Farbe bekannt? Wahrscheinlich ist es noch nicht lange her. Bestimmt wussten Sie auch sofort, was mit dem Ausdruck «Farbe bekennen» gemeint ist – wohingegen nur wenige den Ursprung dieser Redewendung kennen dürften. Jemand, der sich mit Redensarten bestens auskennt, ist der Sprachforscher und Autor Christian Schmid. In diesen Tagen erscheint sein zweites Buch über Redewendungen. «Weil Farben für uns wichtig sind, spielen Farbwörter in der Sprache eine grosse Rolle», sagt er. Mehr noch: Da Farben auch als Anzeichen und Symbole gelten, verwenden wir sie in unzähligen Redensarten, um Regungen, Erregungen und Wertungen zu verbildlichen.

Zwiespältig ist zum Beispiel die Bedeutung der Farbe Blau. In der Romantik steht die blaue Blume für die Sehnsucht. Sie schwingt auch mit, wenn der Volksmund ins Blaue hineinredet oder eine Fahrt ins Blaue macht. Einige Menschen sind stolz auf ihr blaues Blut, ein Ausdruck, der aus dem Spanischen entlehnt ist: «Sangre azul» bezeichnete laut Schmid die Angehörigen des nördlichen Adels, deren blaue Adern durch die helle Haut schimmerten. Und meist ist man froh, mit einem blauen Auge davonzukommen, also mit einer nur kleinen Verletzung.

Blau kann aber auch das Gegenteil von romantisch, schön oder harmlos bedeuten. Blauäugig möchte man zumindest im übertragenen Sinn lieber nicht sein, obschon Blau als Augenfarbe das Sinnbild der Treue ist. Verzichten könnte man auf Menschen, die das Blaue vom Himmel herunterlügen oder ständig blau sind. Ganz zu schweigen vom blauen Brief, den niemand erhalten will, denn dabei ärgert man sich grün und blau.

Diese negative Bedeutung von Blau könnte laut Christian Schmid aus dem Rotwelschen stammen, der alten Gaunersprache. «Lau» steht dort für «böse, schlecht, negativ im Allgemeinen». Abgeleitet von diesem Wort ergibt sich auch die Bedeutung von Blau im Sinne von «gar nichts». Deshalb machen wir ab und zu einfach blau – und nicht etwa gelb.

Gelb galt vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit als Farbe der Absonderung, der Krankheit, der Schande und der Strafe. Der Scharfrichter musste gelbe Kleider tragen, Arme, Juden, Prostituierte und säumige Schuldner gelbe Zeichen. Deshalb bringt heute der gelbe Wagen und nicht etwa der rote jemanden in die Psychiatrie. «Laut ‹Schweizerdeutschem Wörterbuch› wurde einer mit dem ‹gelben Abschied› mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt», sagt Schmid. «De Geel und de Scheel» galten zudem als Personifizierungen des Neides – bis heute wird jemand wegen der Galle, die hochkommt, gelb vor Neid.

Zwei weitere Redensarten mit der Farbe Gelb haben ihren Ursprung im Tierreich: Etwas ist nicht das Gelbe vom Ei, also nicht das Beste. Und Jungvögel, die im Nest den Schnabel aufreissen, um Futter zu bekommen, haben oft auffällig gelbe Schnabelränder oder Schnabelöffnungen. Daher stammt der Ausdruck Gelbschnabel für jemanden, der noch jung und unerfahren ist. Aus dem Gelbschnabel und der traditionellen Farbe für Unreife – Grün – entstand dann der heute geläufigere Grünschnabel.

Rot ist die Farbe der Liebe – und zugleich eine Warnung. «Das kommt wohl daher, dass Rot die häufigste Reizfarbe ist», sagt Schmid. Wer sehr wütend ist, sieht nur noch rot. Oder etwas ist für jemanden ein rotes Tuch – ein Ausdruck, der aus dem Ritual des Stierkampfs stammt. Noch jung ist die Redensart «Jemandem die Rote Karte zeigen», die tatsächlich vom Fussballspiel inspiriert ist. Diese Signalwirkung der roten Farbe ist auch erkennbar, wenn jemand rote Zahlen schreibt oder die rote Linie überschreitet. Rote Zahlen gehen auf die handgeschriebenen kaufmännischen Bilanzen zurück, in denen Defizite mit roter und Gewinne mit schwarzer Tinte geschrieben wurden. Und auch bei der roten Linie ist von einer Markierfarbe die Rede. So zeige etwa auf einem Messgerät die rote Markierung das Maximum an, das verantwortet werden könne, erklärt Schmid.

In einem Signal könnte auch die Redensart «Den roten Hahn aufs Dach setzen» ihren Ursprung haben. Der Ausdruck wurde auf ein Gaunerzeichen zurückgeführt, laut dem ein mit rotem Ocker gezeichneter Hahn Brandstiftung bedeutet habe. Für Christian Schmid ist dies durchaus plausibel, denn: «Der früh krähende Hahn kündet anbrechendes Licht an. Und bereits in einer altnordischen Göttersage symbolisierte der rote Hahn Fjalar das flackernde Feuer.»

Doch das bildliche Rot kann auch sehr positiv sein. Wenn man zum Beispiel für jemanden den roten Teppich ausrollt, ist dies ein Zeichen der Ehrerbietung. Und den roten Faden möchte man möglichst nicht verlieren. Ihn gibt es übrigens nicht nur im bildlichen Sinn: Der Ausdruck stammt aus der Schifffahrt. Laut Schmid ist er seit 1776 in der englischen Flotte Brauch.

Bekannt gemacht hat ihn kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe in seinen «Wahl­verwandtschaften»: «Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet.»

Aber weshalb sagen wir nun, dass jemand Farbe bekennt? Auch hier weiss Christian Schmid Bescheid: Der Ausdruck stammt aus der Sprache des Kartenspiels und besagt, man habe aus der eigenen Hand die von den anderen geforderte Farbe nachzuspielen. Wer Farbe bekennt, legt also seine Karten auf den Tisch.

In unserer Herbstserie widmeten wir uns während dreier Wochen den Farben Blau, Gelb und Rot. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.10.2017, 10:14 Uhr

Christian Schmid, Autor und Sprachforscher. (Bild: zvg)

Verblüffend, was alles kalbern kann

«Mir stinkts» heisst das neue Buch von Christian Schmid, in dem er fünfzig Redensarten unter die Lupe nimmt. Eine amüsante Lektüre mit Erkenntnisgewinn.

Der erste Redensarten-Band von Christian Schmid «Blas mer i d Schue» war monatelang in der Schweizer Bestsellerliste. Nun legt der Sprachforscher und Autor aus Schaffhausen im Berner Cosmos-Verlag einen zweiten Band nach. In «Mir stinkts» begibt er sich auf die Suche nach den Ursprüngen und Bedeutungsnuancen von fünfzig schweizerdeutschen Redensarten wie etwa «Fiischter wi inere Chue», «Das schläckt e ke Geiss ewägg» oder «Eim i ds Schilee gränne».

Zu jeder dieser Redensarten präsentiert der Autor fundiert recherchierte Lesehappen und verblüfft damit den Leser immer wieder. So zeigt er zum Beispiel auf, dass in anderen Ländern nicht etwa jemandem der Scheitstock kalbert, wenn er übermässig viel Glück hat. Sondern meistens der Ochse. Kalbern können in diesem übertragenen Sinn aber auch die Sau, der Sägebock, der Besenstiel, der Melkstuhl oder gar der Stiefelknecht – je nachdem, in welcher Gegend man sich gerade befindet.

Schmids Buch sorgt auch für Klarheit: So kann der Ausdruck «Das passt win e Pfuuscht uf enes Oug» durchaus für kontroverse Diskussionen sorgen. Denn während für einige klar ist, dass damit etwas völlig Unpassendes beschrieben wird, sind andere überzeugt, dass es sich dabei um etwas total Passendes handeln muss. Wie Schmid aufzeigt, stimmen beide Deutungen. Allerdings bedeutet die Redensart ursprünglich, dass etwas überhaupt nicht passt, wie Schmid anhand von jahrhundertealten Quellen aufzeigt. Dass etwas im Sprachgebrauch perfekt «wie die Faust aufs Auge» passen kann, ist eine neue Erscheinung. «Sie kann nur so verstanden werden, dass sich ein ursprünglich scherzhafter, ironischer Gebrauch der Redensart zu verfestigen beginnt», schreibt Schmid. sar

Christian Schmid: «Mir stinkts». Cosmos-Verlag, 248 Seiten. Vernissage: 31. Oktober, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher, Bern.

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