Der Chefapotheker lässt parallel importieren

Die Schweizer bezahlen nicht nur beim Einkauf zu hohe Preise. Über Steuern und Krankenkassenprämien bezahlen sie viele überteuerte Spitalprodukte, sagt der Chefapotheker der Oberländer Spitäler FMI: Enea Martinelli lässt deshalb gerade ein paar Herzschrittmacher parallel importieren.

Enea Martinelli, Chefapotheker und BDP-Grossrat.<p class='credit'>(Bild: Andreas Blatter)</p>

Enea Martinelli, Chefapotheker und BDP-Grossrat.

(Bild: Andreas Blatter)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Kürzlich rief Enea Martinelli seinen Lieferanten an und bestellte fünf Herzschrittmacher. Da er die Geräte direkt aus Deutschland am offiziellen Händler in der Schweiz vorbei importiert – ein «Parallelimport» eben –, kann sein Arbeitgeber, das Regionale Spitalzentrum FMI mit den Akutspitälern Interlaken und Frutigen, sparen: rund 15 Prozent, laut Martinelli bis zu 1600 Franken pro Stück.

Genaue Zahlen und vor allem den Namen des Lieferanten will Martinelli, FMI-Chefapotheker und BDP-Grossrat, nicht öffentlich preisgeben. Das Geschäft mit Parallelimporten erfordere Diskretion. «Anders gehts nicht, sonst versiegt unsere Quelle.»

Ein «Winkelried»

Martinelli berichtet gern von seinen Aktivitäten als Preisdrücker im Markt der Medizinprodukte, der von Bandagen bis Prothesen alles umfasst. Der frühere Präsident des Schweizer Verbands der Spitalapotheker versucht seit Jahren, den oft internationalen Herstellern und ihren hiesigen Vertretern zu Leibe zu rücken. «Die haben alle nur ein Ziel: die reiche Schweiz schröpfen, so gut es geht.» Wegen seines Einsatzes pries ihn die Coop-Zeitung 2004 als «Winkelried im Schweizer Gesundheitswesen».

Kürzlich liess sich Martinelli von seinem Importeur des Vertrauens eine Liste aller lieferbaren Produkte mailen, um herauszufinden, wie viel sich angesichts der massiven Überbewertung des Frankens sparen liesse. Seine Bilanz: «Die offiziellen Lieferanten geben die Währungsgewinne fast gar nicht an uns weiter. Die Preisunterschiede machten in vielen Fällen ein Drittel aus, inklusive Lieferung und Zoll.» Zum Teil hätten die Händler gute Erklärungen – grosse Lagerbestände etwa –, zum Teil hätten sie seine Anfragen gar nicht beantwortet.

Mittel zum Zweck

Der Chefapotheker will nun versuchen, weitere Produkte parallel zu importieren. Er habe dies schon mehrmals getan, immer aus Deutschland. Beim letzten Anlauf vor den Herzschrittmachern kauften die FMI-Spitäler ihr Infusionsbesteck vorübergehend im Ausland ein. Meist habe der Schweizer Händler zuletzt reagiert und die Preise gesenkt, als er erkannt habe, dass das Spital wirklich in der Lage sei, die Ware parallel zu importieren.

«Es ist immer dasselbe: Zuerst versuchen die Händler, unsere Lieferwege zu unterbrechen, statt die Preise zu senken.» Daher sei Diskretion so wichtig: Die Herstellerfirmen und ihre offiziellen Händler setzten alles daran, um herauszufinden, welcher deutsche Abnehmer die Ware zu tieferen Preisen in die Schweiz liefere «Sie versuchen, solche Löcher zu stopfen.» Für Martinelli sind Parallelimporte Mittel zum Zweck. Das Ziel sei stets, den Schweizer Händler zu Preissenkungen zu bewegen. Und wie stellt er sicher, dass er keine schlechte oder gefälschte Produkte kauft? Er kenne stets alle Lieferanten, zudem liege immer die Bescheinigung vom Zoll vor, so Martinelli.

Martinelli schätzt, dass die FMI-Spitäler dank Parallelimporten bisher eine höhere sechsstellige Summe eingespart haben. Genau lasse sich das nicht beziffern. Indes muss er sich denselben Vorwurf gefallen lassen wie all jene, die im Ausland einkaufen: Schadet er nicht der hiesigen Wirtschaft? Er verwirft die Hände: «Dieses Argument bringen die Schweizer Lieferanten immer wieder.» Der finanzielle Druck auf die Spitäler sei aber so hoch, dass sie alle Sparmöglichkeiten prüfen müssten. «Letztlich fragt sich, ob wir einen Lieferanten unter Druck setzen oder eigenes Personal abbauen.» Die Entscheidung sei klar, zumal ein grosser Teil der überhöhten Preise ins Ausland fliesse.

Der streitbare Apotheker wettert auch über überrissene Medikamentenpreise. Hier lasse sich mit Parallelimport aber wenig ausrichten: Bei patentgeschützten Mitteln hat das Bundesparlament Parallelimporte verboten; sei der Patentschutz abgelaufen, kämen rasch günstigere Generika auf den Markt. Parallelimporte lohnten sich dann nicht mehr.

Der Kostendruck wirkt

Martinelli ist einer jener Spitalangestellten, die dem Kostendruck auch Positives abgewinnen. Er gibt offen zu, dass sich die Spitäler erst richtig um die Preise von Medizinprodukten und Medikamenten kümmern, seit sie diese nicht mehr einfach den Krankenkassen verrechnen können. Die Materialkosten eines Herzschrittmachers etwa sind seit ein paar Jahren in der Fallpauschale, die das Spital erhält, integriert; kann es den Herzschrittmacher günstiger kaufen, bleibt mehr Geld für Personal- und andere Kosten.

Berner Zeitung

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