Das Leck nach Luginbühls Abgang bringt die BDP in Not

Der überraschende Rücktritt von Ständerat Werner Luginbühl zwingt die BDP Kanton Bern dazu, früher als erwartet ihren Regierungssitz aufs Spiel zu setzen. Die Verteidigung wird nächstes Jahr zur Herkulesaufgabe.

Philippe Müller

Ja, er habe Werner Luginbühl mehrmals darum gebeten, dieses Jahr nochmals zur Ständeratswahl anzutreten. Das sagte BDP-Kantonalpräsident Jan Gnägi am Freitag vor den Medien.

Man kann ihn, der mit seinem jungen Alter von 28 Jahren quasi der Leib gewordene Widerspruch der überalterten Berner Partei ist, verstehen: Wäre der 61-jährige Oberländer Luginbühl bereit gewesen, seinen Sitz im Ständerat zu verteidigen, hätte das der BDP wert­volle Zeit verschafft. Sie hätte dann in Ruhe im Hintergrund neues Personal aufbauen und dieses für die kantonalen Wahlen 2022 beziehungsweise die nationalen Wahlen 2023 ins Rennen schicken können.

Nun aber hat sich Luginbühl nach mehr als drei Jahrzehnten in der kommunalen, kantonalen und nationalen Politik entschieden, sich auf andere Mandate wie etwa das Verwaltungsratspräsidium der Kraftwerke Oberhasli zu fokussieren. Die BDP hat auf diese überraschende Vakanz innert kürzester Zeit mit einer cleveren Strategie reagiert, indem Finanzdirektorin Beatrice Simon ihren Sitz in der Berner Kantonsregierung mit jenem im Ständerat tauschen soll.

Simons Wahl in die kleine Kammer des nationalen Parlaments kann aus heutiger Sicht als wahrscheinlich betrachtet werden, hat sie doch in den letzten fünf Jahren bei den Regierungsratswahlen zweimal das beste Resultat aller Kandidierenden erreicht. Sie ist also Majorzwahl-erprobt und geniesst in der Bevölkerung viel Goodwill und breite Unter­stützung.

Das Ziel, den Ständeratssitz zu verteidigen, dürfte die BDP also erreichen. Und mit dem smarten Schachzug, dass sich Simon vielleicht auch noch gleich als Zugpferd auf die Nationalratsliste setzen lässt, könnte sich die Partei womöglich einen weiteren schmerzhaften Sitzverlust in der grossen Kammer ersparen. Damit aber hätte die kleine Berner BDP ihr bestes Pulver auch bereits verschossen – und sich neue Probleme geschaffen.

Sollte Beatrice Simon im Herbst in den Ständerat gewählt werden, stellt sich sofort die Frage, wie respektive mit wem die BDP ihren Sitz im Berner Regierungsrat verteidigen will. Denn bereits scheint klar, dass die SP mit einem Angriff versuchen wird, die links-grüne Mehrheit in der Regierung zurückzuerobern. Womöglich mit dem beliebten Ex-Fernsehmann und Nationalrat Matthias Aebischer.

Die BDP, die aktuell alle ihre wichtigen Mandate mit älter gewordenen Parteimitgliedern der ersten Stunde besetzt, ist also unter Zugzwang. Sie wird kaum umhinkommen, eines der älteren Schlachtrösser davon zu überzeugen, in den Wahlkampf um Simons Regierungsmandat zu ziehen. Am ehesten traut man dies Nationalrat Lorenz Hess zu.

Als kantonaler Jägerpräsident würde der 58-jährige Nationalrat und Gemeindepräsident von Stettlen viele Stimmen bis weit ins SVP-Lager holen und hätte daher wohl auch von der SVP Kanton Bern die Akzeptanz als Kandidat. Ein Mitglied der Grossratsfraktion – etwa Fraktionschefin Anita Luginbühl oder Parteipräsident Jan Gnägi – gegen Aebischer antreten zu lassen, dürfte für die BDP ein zu grosses Risiko darstellen.

Hess sagte am Freitag auf Anfrage, dass er sich der Ausgangslage sehr wohl bewusst sei. «Es ist für mich aber noch zu früh, um mich zu einer allfälligen Kandidatur äussern zu können.»

Selbst wenn der BDP händeringend beide Kraftakte gelingen sollten und sie sowohl den Ständerats- wie auch den Regierungssitz verteidigen könnte, würde das das Hauptmanko der überalterten Partei der vergangenen Jahre nur bedingt kaschieren: Die BDP Kanton Bern hat sich viel zu lange auf ihre verdienten und bekannten Leistungsträger verlassen, die ihre ersten politischen Erfolge allesamt in der SVP errungen haben und eher früher als später den Rückzug antreten werden.

Dazu gehören die Nationalräte Urs Gasche, Hans Grunder, Heinz Siegenthaler, Lorenz Hess sowie Regierungsrätin Beatrice Simon. Die eigentliche Nagelprobe wird die Berner BDP bei den nationalen Wahlen 2023 zu bestehen haben. Dann wird sich die Frage beantworten lassen, ob diese Partei künftig noch existieren wird.

Denn die allermeisten der heutigen Mandatsträger werden bis dahin zurückgetreten sein. Die Lücken müssten dann jüngere Parteimitglieder füllen, die jetzt aufgebaut werden müssen. Auf kantonaler Ebene kann man diese derzeit an einer Hand abzählen. Diese politische Grundlagenarbeit wird am Ende für die Partei bedeutender sein als die beiden bevorstehenden Hauruckübungen.

Berner Zeitung

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