Christine Häsler solls für die Grünen richten

Für die Berner Grünen werden die Nationalratswahlen zu einer Zitterpartie. Zittern müssen sie vor allem um ihren dritten Nationalratssitz, den die Oberländerin Christine Häsler verteidigen soll.

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Die Grünen sind eine junge Partei, die Anfang der Achtzigerjahre mit dem wachsenden Umweltbewusstsein auf der politischen Landkarte erschien. Während sie sich auf nationaler Ebene 1983 formierten, dauerte es im Kanton Bern etwas länger. Nicht weil hier das Umweltbewusstsein geringer war, sondern weil es in Bern bereits etablierte ökologische Bewegungen gab. Bereits 1955 hatte sich das «Junge Bern» um Mani Matter gebildet. Diese Gruppierung war allerdings nicht grün, sondern vor allem eine unorthodoxe Alternative zum verkrusteten Machtapparat in der Bundesstadt. Erst in den Achtzigerjahren rückten grüne Anliegen in ihren Fokus.

In derselben Zeit spaltete sich von der FDP eine Freie Liste ab, und auch Linksaussenparteien schrieben sich die Ökologie auf ihre Fahne. Junges Bern und Freie Liste fusionierten nach Jahren des Konkurrenzkampfs 1991 zur heutigen GFL, die als Teil des Rot-Grün-Mitte-Bündnisses in der Stadt immer noch eine halbwegs eigenständige Kraft ist. Auf kantonaler Ebene kam es aber 2006 zur Gründung der Grünen Partei als Zusammenschluss von Grünen und GFL.

Stark sind die Grünen vor allem in städtischen Gebieten, aber wenn sie über bekannte Köpfe verfügen, bilden sich auch in Landgemeinden wie Madiswil, Mühlethurnen oder Münsingen kleine Hochburgen.

Vorläufer der Grünliberalen

Die komplizierte Vorgeschichte ist bis heute spürbar. Bekannte Köpfe wie Regierungsrat Bernhard Pulver oder der ehemalige Nationalrat Alec von Graffenried sind politisch in der GFL gross geworden und stehen dem ausgeprägten Linkskurs der heutigen Grünen mit einer gewissen Reserve gegenüber. Die GFL war im Geist eher eine Vorläuferin der grünliberalen Partei, die dann aber ohne sie 2007 von Zürich aus gegründet wurde.

Inzwischen sind die Grünen eine klare Linkspartei, deren Spektrum auf der Skala des Parlamentarierratings der «Neuen Zürcher Zeitung» von –10 bis +10 von –9,5 bis –6,8 reicht. Damit politisiert die Partei exakt innerhalb der Bandbreite der SP-Fraktion. Ihr Alleinstellungsmerkmal, die Umweltpolitik, ist vor allem noch Image. Fukushima verlieh den Grünen vor vier Jahren noch einmal Auftrieb. Ob sie auf lange Sicht als grüne Abteilung der SP eine Zukunft haben, ist allerdings eine andere Frage.

Verluste im Kanton

Obwohl sie eine treibende Kraft für die Energiewende waren und damit ihr Kernthema zuoberst auf der politischen Agenda stand, fuhren die Grünen dieses Jahr bei kantonalen Wahlen in Luzern, im Baselland und in Zürich Verluste ein.

Auch für die Nationalratswahlen sieht es gemäss Prognosen nicht gut aus. Bei den Berner Grünen kommt hinzu, dass sie mit Franziska Teuscher und Alec von Graffenried im Verlauf der letzten Legislatur zwei Zugpferde verloren haben, die 2011 beide um die 70'000 Stimmen erreichten, während die drittplatzierte Regula Rytz mit 40'000 Stimmen deutlich zurücklag. Rund 33'000 Wähler haben 2011 grün gewählt. Teuscher und von Graffenried haben weit über die eigene Partei hinaus auch in der Mitte gepunktet. Das wird sich kaum wiederholen, politisieren Rytz’ und Teuschers Nachfolgerin Aline Trede doch prononciert links.

Gemäss Parlamentarierrating bei –8,1 und –7,9. Für die eben erst für Alec von Graffenried nachgerutschte Christine Häsler ist das Rating wegen der kurzen Zeit im Rat nicht aussagekräftig.

Inzwischen ist Rytz Parteipräsidentin, und Trede verschafft sich Aufmerksamkeit als umtriebige Wahlkämpferin mit hoher Medienpräsenz. Aber das wird die beiden Abgänge kaum kompensieren. Und Christine Häsler, die erst im Frühsommer für Alec von Graffenried in den Nationalrat einziehen konnte, hatte kaum Zeit, sich mit Politik bemerkbar zu machen. Häsler wird zwar nach Kräften forciert und durch eine aussichtslose Ständeratskandidatur zusätzlich unterstützt, aber es wäre schon ein grosser Erfolg, wenn es den Grünen gelänge, alle drei Sitze zu verteidigen.

Knappes Wahlbudget

Zumindest holen die Grünen aus ihren knappen Mitteln viel heraus. Obwohl der Partei lediglich 150'000 Franken zur Verfügung stehen, ist sie mit einem grafisch markanten, frischen Auftritt präsent. Parteisekretärin Regula Tschanz glaubt auch, dass die politische Grosswetterlage mit den Themen Asyl und Hitzesommer ein gutes Resultat begünstigt. Zudem ist sie überzeugt, dass die Arbeit der grünen Delegation im Parlament Früchte tragen wird.

Höchste Mandatsabgaben

Inhaltlich stehen die Grünen für die Förderung erneuerbarer Energien, den Klimaschutz und die Verteidigung der Sozialwerke. Sie wollen die Zersiedelung stoppen, Gegensteuer zu einer Entsolidarisierung geben und den Datenschutz stärken. Auch die Grünen kennen keine Verpflichtung ihrer Kandidierenden auf das Wahlprogramm, lassen sie aber Grundsätze für eine Kandidatur und ein «Leitbild» unterschreiben. Und die Grünen müssen unter den Parteien die höchste Mandatsabgabe bezahlen: 7500 Franken von ihrem Gehalt müssen ihre Nationalräte jedes Jahr allein der Kantonalpartei abliefern.

Berner Zeitung

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