Bis Mai müssen die umgeknickten Fichten weggeräumt sein

Die Verantwortlichen gehen trotz der Sturmschäden durch Burglind davon aus, dass der Holzpreis stabil bleibt. Um Folgeschäden zu verhindern, müssen die Eigentümer rasch handeln.

Dutzende umgeknickte Bäume prägen das Bild nach dem Sturm Burglind im Wald zwischen Bolligen und Krauchthal.
Video: Raphael Moser

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Es sind gefährliche Arbeiten, die auf die Berner Forstleute in den kommenden Wochen und Monaten zukommen. Über den ganzen Kanton gesehen hat der Sturm Burglind vergangene Woche 400'000 Kubikmeter Holz ge­worfen, wie die Volkswirtschaftsdirektion am Dienstag bekannt gab. Das entspricht rund dreimal dem Volumen des Bettenhochhauses des Inselspitals.

Zwar sind die Waldschäden somit rund zehnmal kleiner als beim Sturm Lothar im Jahr 1999. Trotzdem gilt es ­diese nun aufzuräumen. Nur: Die umgeknickten Bäume liegen kreuz und quer im Wald, manche stehen unter Spannung. Bei unvorsichtigem Handeln besteht für die Aufräumequipen Lebensgefahr. Das zeigt die Vergangenheit. Nach Lothar starben in den Schweizer Wäldern sechzehn Personen bei Forstarbeiten. Neun Jahre zuvor, 1990 beim Sturm Vifian, waren es sogar doppelt so viele.

Deshalb rät das kantonale Amt für Wald den Besitzern der betroffenen Schadenflächen, Ruhe zu bewahren und sich zuerst einen Überblick zu verschaffen. Zudem sollten Privatpersonen geschädigte Gebiete meiden.

Gleichzeitig beginnt für die Waldeigentümer auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Je länger das Holz liegen bleibt, desto anfälliger wird es für Insektenbefall etwa durch den Borkenkäfer. Spätestens im Mai sollten deshalb wenigstens die besonders gefährdeten Fichten weggeräumt sein. Ansonsten drohen laut Kanton eine Vermehrung der Käfer und damit «massive Schäden am Waldbestand».

Kanton kann verpflichten

Am stärksten betroffen von Burglind sind im Kanton Bern die ­Wälder im Mittelland und in den Voralpen. Laut der Volkswirtschaftsdirektion handelt es sich anders als bei Lothar aber mehrheitlich um sogenannte Streuschäden, also um vereinzelt umgeworfene oder gebrochene Bäume. Trotzdem sind auch ganze Waldstücke niedergeworfen worden, etwa in Niederbipp oder zwischen Bolligen und Krauchthal.

Priorität bei den Aufräumarbeiten haben laut Walter Beer, Verantwortlicher Waldschutz beim Kanton, Schutzwälder, die Ge­bäude oder Verkehrswege vor Lawinen, Steinschlag, Hangmuren und Rutschungen schützen. «Wenn Bestände mit hohem öffentlichem Interesse betroffen sind, können wir Waldbesitzer auch zu den notwendigen Arbeiten verpflichten», sagt Beer.

Wie oft dies der Fall sein wird, könne er noch nicht sagen. Da aber im Oberland die Schäden gering sind, werde es wohl nicht sehr häufig vorkommen. Verpflichtet der Kanton doch, so erhalten die Waldbesitzer einen staatlichen Beitrag an das Aufrüsten von Fichtenholz. Ansonsten müssen sie die Kosten für die Aufräumarbeiten selber berappen.

Die Hälfte gehört Privaten

Die Eigentümer können aber ausserhalb der Schutzwälder auch selber entscheiden, ob sie die Schäden wegräumen oder liegen lassen. Nur bezüglich der borkenkäferanfälligen Fichten rät der Kanton zu einem raschen Handeln. Das Aufräumen sei ein Job für «Forstprofis». Wenn private Eigentümer nicht die nötige Erfahrung hätten, empfiehlt Beer, dass sie sich Beratung bei den Revierförstern oder Hilfe bei Forstunternehmen holen sollten. «Es sollen keine Risiken ein­gegangen werden, die Arbeits­sicherheit hat oberste Priorität.»

Knapp die Hälfte des Berner Waldes gehört privaten Eigentümern. Das sind sage und schreibe rund 34'000 an der Zahl. Mit 48 Prozent liegt der Privatwaldanteil damit deutlich über dem Schweizer Durchschnitt von 28 Prozent. Die andere Hälfte der Waldfläche gehört öffentlichen Besitzern wie Bund, Kanton und Gemeinden. Grösster Waldeigentümer ist der Kanton Bern selbst mit rund 12'000 Hektaren oder 7 Prozent der Fläche.

Preise dürften stabil bleiben

Insbesondere die privaten Be­sitzer dürften während der letzten Woche gezittert haben. Burglind hat auch in wirtschaftlicher Hinsicht unschöne Erinnerungen an Lothar geweckt. Denn der Markt wurde damals mit Sturmholz überschwemmt, die Preise gingen um ein Drittel zurück. Dass so ­etwas erneut geschieht, damit rechnet Walter Beer nicht. Die 400'000 Kubikmeter Schadholz entsprächen rund der Hälfte der durchschnittlichen Jahresnutzung im Kanton Bern. «Wir gehen deshalb davon aus, dass die Preise stabil bleiben und der Markt das absorbieren kann», so Beer.

Dieser Meinung ist zwar auch SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal. Der Präsident der Berner Waldbesitzer sagt aber: «Wir kämpfen in der Schweiz mit einer starken ausländischen Konkurrenz. Sollte durch Burglind in Deutschland oder Österreich ein Überangebot an Sturmholz entstehen, kommen wir noch stärker unter Druck.» Ob dies der Fall ist, kann von Siebenthal noch nicht abschätzen.

Aber auch wenn der Markt die hiesige Menge Holz aufnehmen kann, fallen für die Waldbesitzer Mehrkosten an. «Die Aufräumarbeiten sind sehr aufwendig. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns regional effizient organisieren», sagt von Siebenthal. Eine erste Sitzung diesbezüglich ist kommende Woche geplant.

Aus Lothar gelernt

Was geschehen kann, wenn Sturmschäden nicht genügend schnell aufgeräumt werden, hat ebenfalls Lothar gezeigt. Durch die damals folgende Borken­käferepidemie hat sich die Schadholzfläche laut Waldbesitzerpräsident von Siebenthal praktisch verdoppelt. Schuld daran sei unter anderem die «ungenügende Aufräumstrategie» gewesen, sagte der Nationalrat 2010 in dieser Zeitung.

Das Problem damals sei die enorme Menge gewesen, sagt Walter Beer vom Kanton. «Es hat schlicht nicht für alles gereicht.» Man habe sich dafür entschieden, als oberste Priorität die Schutzwälder intakt zu halten. Dazu, dies zu bewerkstelligen, seien auf der anderen Seite Zonen ausgeschieden worden, wo gar nichts gemacht worden sei. «So etwas gibt es jetzt nach Burglind nicht», sagt Beer. Zudem seien die Ausmasse schlicht nicht vergleichbar. Lothar hatte in der Schweiz 13,8 Millionen Kubikmeter Sturmholz verursacht, Burglind rund eine Million.

Auch Erich von Siebenthal glaubt nicht, dass die Fehler von 1999 wiederholt werden. «Die ­Situation ist viel weniger gra­vierend.» Trotzdem sei es eine Herausforderung, die Schäden bis im Mai zu beheben. «Aber es muss möglich sein.» Und trotz des Zeitdrucks hofft von Siebenthal, dass die Aufräumarbeiten diesmal ohne Unfälle über die Bühne gehen werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2018, 06:06 Uhr

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