«Betriebe können die Lehrlinge nicht mehr auswählen»

Gut die Hälfte der Berner Schulabgängerinnen und -abgänger schlägt den Weg der Berufsbildung ein. Weil derzeit ein Mangel an guten Lehrlingen besteht, buhlen die Unternehmen um die Jugendlichen.

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Nach den Sommerferien haben im Kanton Bern 6989 oder 77 Prozent von insgesamt 8832 Schulabgängerinnen und -abgängern eine Berufslehre oder eine berufliche Attestausbildung begonnen. Laut der kantonalen Erziehungsdirektion ist der Anteil der Jugendlichen, die nach dem neunten Schuljahr den Weg der Berufsbildung einschlagen, in den letzten Jahren gestiegen. Bei der Berufswahl der Jugendlichen führt die kaufmännische Lehre wie bereits in den Vorjahren die Ausbildungshitliste an (siehe Tabelle).

Offenbar konnten auch die meisten Berner Unternehmen ihre Lehrstellen besetzen. Aktuell sind im Kanton Bern nur 65 Ausbildungsplätze für Lehrbeginn 2013 offen. Letztes Jahr waren es über 900. Eine Zahl, die sich nachträglich allerdings als falsch erwies (siehe Box).

Töffli gegen Lehrvertrag

Doch auch dass derzeit geburtenschwache Jahrgänge die Schule abschliessen, ist auf dem Arbeitsmarkt spürbar. «Die Betriebe können ihre Lehrling nicht mehr wie früher auswählen», sagt Christoph Düby, Leiter der kantonalen Abteilung Betriebliche Bildung. Dies führe dazu, dass die Unternehmen richtiggehend um ihren Berufsnachwuchs buhlten. Es sei ähnlich wie in den 1980er-Jahren, als ein Arbeitgeber einem Lehrling ein Töffli schenkte, wenn er bei ihm den Lehrvertrag unterschrieb. Heute locken laut Düby Unternehmer während der Lehre mit einem Praktikum in China. «Die Lehrlinge können in dieser Zeit die Berufsschule online absolvieren.»

Die Swisscom hat es laut einer Sprecherin nicht nötig, die Jugendlichen zu ködern: «Wir erhalten immer noch mehrere Tausend Bewerbungen pro Jahr.» Dass das Unternehmen seinen 820 Lernenden ein SBB-Generalabo bezahle, sei Teil des Berufsbildungskonzepts. Dieses sehe vor, dass die Lernenden nach sechs Monaten das Projekt und damit oft den Standort wechselten. Mit dem Abo garantiere man ihre Mobilität.

Kampf um Talente

Christoph Erb, Direktor Berner KMU, sieht das China-Praktikum weniger als Zückerli, denn als Vorbereitung auf die berufliche Laufbahn. «Unternehmen mit Niederlassungen im Ausland haben zunehmend Mühe, Mitarbeitende zu finden, die bereit sind, fernab der Heimat zu arbeiten.» Dass viele Betriebe Mühe haben, genügend gute Lehrlinge zu finden, bestätigt er hingegen. Dies berge die Gefahr, dass die Ausbildungsbereitschaft sinke. Beim Verband KV Schweiz spricht man vom Kampf um Talente. Dadurch rutsche die Selektion in der Tendenz nach vorne, so Verbandssprecher Ingo Boltshauser. Das heisst, dass die Lehrbetriebe zum Teil bereits mit Achtklässlern Lehrverträge abschliessen. Eine Praxis, die der Verband ablehnt. «Für viele Jugendliche ist das zu früh. Damit steigt die Gefahr, dass sie die Lehre später abbrechen.»

Hier erfahren Sie, welche Berufslehren am beliebtesten sind.Hier Lesen Sie, welche Berufe Mühe haben, Nachwuchs zu finden.

Berner Zeitung

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