Berns vergessener Beitrag zur Weltkultur

Wahrlich ein Welterbe: Vor 200 Jahren erschien «Der schweizerische Robinson» des Berner Pfarrers Johann David Wyss (1743–1818), der zum literarischen Exportschlager der Nation wurde. Im Herbst legt Erfolgsautor Peter Stamm eine Nacherzählung vor. Seltsam, dass Berns Touristiker die Robinsonade mit dem mythischen Baumhaus nicht ausschlachten.

Eine Familie, zwei Doggen, ein rettendes Floss: Szene aus der berühmt gewordenen Disney-Verfilmung «Swiss Family Robinson»  (1960), inspiriert  von der Robinsonade des Berners Johann David Wyss.

Eine Familie, zwei Doggen, ein rettendes Floss: Szene aus der berühmt gewordenen Disney-Verfilmung «Swiss Family Robinson» (1960), inspiriert von der Robinsonade des Berners Johann David Wyss. Bild: Imago

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Johann David – wer? Michael Keller, Kadermitglied bei Bern Tourismus, muss am Telefon eine denkerische Zusatzschlaufe absolvieren. Dass es zu stürmischen Berner Zeiten Ende des 18.Jahrhunderts einen Münsterpfarrer namens Johann David Wyss gab – das wissen in der Bundesstadt heute die wenigsten. Keller, der die Abteilung «Tourist Information» leitet, weiss es am Ende doch. Und er weiss auch, woher: «Freunde aus den USA haben mich darauf aufmerksam gemacht», sagt der Berner und lacht.

Johann David Wyss hat vor 200 Jahren den literarischen Exportschlager schlechthin geschrieben: «Der schweizerische Robinson», ein Longseller der Jugendliteratur, den die halbe Welt kennt und der Kinder in den USA zu «Abertausenden von Baumhäusern in den Hintergärten» inspiriert hat. Das zumindest behauptet Peter von Matt in seinem neuen Essayband «Das Kalb vor der Gotthardpost». Knapp zwei Seiten widmet der Doyen der Schweizer Literaturwissenschaft dem Berner Auswandererroman, seiner verblüffend paradoxen Wirkungsgeschichte. Und er kommentiert sie mit einer ironischen Pointe, die nicht nur Berns Touristiker interessieren dürfte: «‹Der schweizerische Robinson› steht, weltweit gesehen, gleichrangig neben Spyris ‹Heidi›, nur weiss das in der Schweiz kaum mehr jemand, und die Tourismusindustrie wie auch die Berner Stadtwerbung haben es bis heute verpasst, den Evergreen nutzbringend auszubeuten.»

Der Schatz bei den Burgern

Wie ist es möglich, dass ein Berner Gottesdiener zum Klassiker des Abenteuerromans avanciert? Und wie kommt es, dass «Der schweizerische Robinson», dieses wahre Berner Welterbe, in der Heimat so gut wie unbekannt ist?

Der vergessene Schatz liegt im Unesco-Perimeter unweit des Berner Münsters, im Archiv der Burgerbibliothek, Signatur FA Wyss 125. Vier Lederbände, 841 Seiten, dicht beschrieben, in schwungvoller Handschrift. Golden schimmert der Buchbauch, auf dem Rücken steht der Originaltitel: «Charackteristick meiner Kinder. In einer Robinsonade.» Es ist ein utopisches Familienporträt vor exotisch-abenteuerlicher Kulisse. Johann David Wyss schrieb es für seine vier Söhne, ohne je an eine Veröffentlichung zu denken.

Ein Jahrhundert bevor Johanna Spyri (1827–1901) das Waisenmädchen Heidi von der Alp ins garstige Frankfurt schickte, dachte sich der schreibende Stadtpfarrer für seine Protagonisten ein ungleich garstigeres Pädagogikprogramm aus. Zumindest auf den ersten Blick: Ein übler Sturm bringt eine auswanderungswillige Berner Pfarrfamilie bei Neuguinea in Not. Tagelang treibt das Segelschiff mit zersplittertem Mast in der Südsee, läuft auf einen Felsen auf, füllt sich mit Wasser. Die Mannschaft macht sich davon. Zurück bleibt: die Berner Familie – Vater und Mutter mit den Sprösslingen Fritz, Ernst, Jack und Franz. Des Weiteren die Doggen Türk und Bill, dazu Hühner, Schafe und Ziegen in unbekannter Zahl. Glück im Unglück: Die Familie erreicht mittels Floss eine unbewohnte Halbinsel. Und die gerettete Ausrüstung mutet fast schon feudal an: «Drey Vogelflinten, drey Jagdrohre samt Schrot, Kugeln und Bley» finden ihren Weg an Land, dazu «eine Kiste mit Fleischtäfelchen und eine andere mit feinem Zwieback, samt einem eisernen Kochhafen, einer Fischruthe in einem Stock, und endlich ein Fässchen mit Nägeln, so wie Hämmer, Zangen, Sägen, Beile, Bohrer, und nöthiges Segeltuch zu einem Gezelt.»

So nimmt diese Familienrobinsonade ihren wackeren, schier endlosen Lauf. Man kocht Meerkrebssuppe, unternimmt kühne Expeditionen ins Landesinnere, man nutzt die Vorzüge zivilisierter Jagdrohre im Kampf gegen wildes Getier und erschliesst die reiche Flora der Insel, die vom Ich-Erzähler zuletzt als «Neu-Schweizerland» besungen wird.

Multimedia-«Edutainment»

Und irgendwann entsteht auch das, was Peter von Matt als «effektvollsten Einfall» des Werks rühmt, weil er «in ungezählten Kinderseelen die Fantasie entzündet» habe: ein stolzes Baumhaus samt «Vestibül», «Hundestall» und «Galerie mit Aussicht in die Ferne». Das Baumhaus, sagt von Matt, «wurde zu einer mythischen Grösse in der Welt der internationalen Jugendliteratur, allen englischsprachigen Halbwüchsigen so selbstverständlich vertraut wie Huckleberry Finns Floss auf dem Mississippi». Die Abbildung zeigt das gezimmerte Haus im Astwerk eines Riesenbaums. Es ist eine von vielen Illustrationen, die das Manuskript bereithält – Federzeichnungen, Gouachen, Aquarelle, angefertigt von Johann Emanuel Wyss (1782–1837), dem zweitjüngsten Sohn des Verfassers.

Vater Wyss wollte unterhaltend belehren – und schuf mit dem «Schweizerischen Robinson» ein Musterbeispiel für multimediales «Edutainment» des späten 18.Jahrhunderts, infiziert vom Geist der Aufklärung. Ein enzyklopädischer Eifer durchzieht das Werk. 164 Tierarten und 102 Pflanzen werden darin entdeckt und verhandelt, meist in pädagogisch-betulichen Dialogen zwischen Vater und Söhnen.

Jean-Jacques Rousseau schrieb mit «Émile» (1762) das pädagogische Hauptwerk der Epoche. Wyss, der «fromme Aufklärer» (von Matt), dürfte es gelesen haben. Ebenso das Meisterwerk von Daniel Defoe: «Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe» (1719) ging als erster englischer Roman und als existenzielle Abenteuerstory schlechthin in die Geschichte ein, hundertfach übertragen, imitiert und variiert.

Beliebter als Defoes Original

Für Stadtpfarrer Wyss ist die Robinsonade eine populäre literarische Folie – für seinen zweiten Sohn wohl auch ein Verkaufsargument erster Güte. Johann Rudolf Wyss (1781–1830), Philosophieprofessor, Lehrer von Jeremias Gotthelf und Dichter der alten Schweizer Landeshymne («Rufst du, mein Vaterland»), bringt das väterliche Werk noch zu dessen Lebzeiten an die Öffentlichkeit. Der erste Band erscheint 1812, der letzte 1827. Titel: «Der schweizerische Robinson oder der schiffbrüchige Schweizer Prediger und seine Familie. Ein lehrreiches Buch für Kinder und Kinderfreunde zu Stadt und Land.»

Die Publikation wird zum phänomenalen Erfolg – vor allem im fremdsprachigen Ausland. Sowohl die französische als auch die englische Übersetzung erscheinen Mitte der 1820er-Jahre bereits in fünfter Auflage. Bis zur Jahrhundertwende werden Dutzende Übersetzungen und Bearbeitungen veröffentlicht. Und in Frankreich soll die Berner Robinson-Adaption im 19.Jahrhundert gar beliebter gewesen sein als das Original von Defoe.

Überleben als Sozialevent

Wie war das möglich? Kein Autor hat das Grundmotiv von Defoes Werk so originell umgedeutet wie Johann David Wyss. Mit seiner Familienrobinsonade macht der Menschenfreund vom Münster den Überlebenskampf zum abenteuerlichen Sozialevent, das die (Kinder-)Fantasien entzündet, gerade weil die Protagonisten in der Mehrheit selber Kinder sind. Die frühe Tendenz, Defoes Roman als Jugendbuch wahrzunehmen, findet im «schweizerischen Robinson» ihre ebenso konsequente wie potente Fortsetzung. Auch Jules Verne, der Science-Fiction-Pionier, liest den Wurf in jungen Jahren – und lässt sich davon als gestandener Autor zu drei Familienrobinsonaden inspirieren. Der letzte Roman der Reihe, «Das zweite Vaterland» (1900), ist ausdrücklich als Fortsetzung der Berner Geschichte angelegt.

Im 20.Jahrhundert wird «Der schweizerische Robinson» definitiv zum Exportschlager. Der Auswandererroman wandert gewissermassen nach Übersee aus – und strandet an der Küste der Populärkultur. 1960, zwanzig Jahre nach der ersten Leinwandadaption, gelingt Walt Disney mit «Swiss Family Robinson» die bis heute populärste Verfilmung. Es entstehen TV-Filme und -Serien, Trickfilme, Bilderbücher, Hörspiele, Comics. Und Mitte der 80er-Jahre erscheint gar ein Game für den Dinosauriercomputer Commodore 64.

Transkripteure gesucht

Vom gottesfürchtigen «Edutainment»-Projekt des Johann David Wyss ist da natürlich nicht mehr viel übrig. Die Absichten des Münsterpfarrers bleiben allerdings nicht erst beim medialen Siegeszug im 20.Jahrhundert auf der Strecke. Von Anfang an ist an seiner Robinsonade ziemlich unbekümmert herumgeflickt worden. Um das Buch «lesbarer» zu machen, wurde manches gestrichen zugunsten der abenteuerlichen Unterhaltungsgeschichte. Und genau genommen weiss man heute nicht einmal, was Vater Wyss ursprünglich gedichtet hat.

Offenbar hat bereits der erste Herausgeber Johann Rudolf Wyss das väterliche Werk nach Gutdünken gekürzt und frisiert. Denise Wittwer Hesse, zuständig für den Bereich Privatarchive in der Burgerbibliothek, sagt es so: «Es hat sich gezeigt, dass das Originalmanuskript und die Erstausgaben voneinander abweichen. Aber wir wissen nicht, wie stark.» Um das herauszufinden, müsste man die Lederbände transkribieren – was laut Denise Wittwer «Monate, vielleicht gar Jahre in Anspruch nehmen dürfte».

Die Version des Erfolgsautors

1997 ging das Originalmanuskript von Robert L.Wyss, dem früheren Direktor des Historischen Museums, in den Besitz der Burgerbibliothek über. Seither sei es praktisch nie bestellt worden, erzählt Wittwer. Einmal kam eine russische Übersetzerin vorbei. Und einmal kam auch Peter Stamm, Erfolgsautor aus der Ostschweiz. Stamm hatte die Berner Robinsonade als Kind gelesen und geliebt. «Als ich es meinen Kindern vorlesen wollte, fand ich keine gute Ausgabe und beschloss, selbst eine zu schreiben», erzählt der Autor. Im Herbst erscheint seine «Nacherzählung» im Fischer-Verlag, mit einem Nachwort von Peter von Matt.

Es sei ihm nicht darum gegangen, die Robinsonade zu «modernisieren», sagt Stamm. «Ich habe die Sprache stark vereinfacht und viele didaktische Bemerkungen gestrichen. Ansonsten bin ich ziemlich nah am Original geblieben.» Da im Buch «sehr viel gejagt» werde, habe er einige Szenen weggekürzt. Dafür habe er auch «ein paar Dinge» hinzugefügt, «etwa die Herstellung von Seife, Schokolade, Kaffeeersatz, und dass die Buben Schwimmen lernen», so Stamm.

Warum, um Gottes Willen, ist dieses Pastorenwerk in der Heimat nie populär geworden? Stamm hat einen Strauss von Vermutungen: «Dass das Buch in Seefahrernationen mehr Erfolg hatte als in der Schweiz mag damit zu tun haben, dass die Geschichte für diese einfach näherlag», sagt Stamm. «In den USA mag dazugekommen sein, dass dort der Pionier eine nationale Identifikationsfigur ist.» Vielleicht habe man Wyss aber auch übelgenommen, «dass er dem Land seiner späten Jahre ziemlich kritisch gegenüberstand». Überhaupt: «Die Schweiz tut sich ja immer schwer mit Autoren, die international Erfolg haben», so Stamm. Peter von Matts Erklärung klingt lakonischer – und eine Spur süffisanter: Wyss habe «einen Wurf produziert, der von der Fantasie der lesenden Schweiz trotz zahlreicher Erweckungsversuche nicht angemessen quittiert wurde. Wäre das Baumhaus auf einer Alp gestanden, hätte die Sache wohl anders ausgesehen.»

Und was ist mit von Matts sanfter Provokation an die Adresse der «Berner Stadtwerbung»? Michael Keller von Bern Tourismus zeigt sich unbeeindruckt: Nein, eine Marketingoffensive zum Publikationsjubiläum sei nicht geplant. «Die Geschichte spielt in exotischen Gefilden und lässt sich nicht in die Schweiz oder Bern transferieren. Es gibt zu wenig ‹Fleisch am Knochen› für eine touristische Verwertung.» Liegt das Potenzial nicht darin, dass die halbe Welt diese Berner Geschichte kennt und dass man diese halbe Welt damit nach Bern locken könnte? Keller verneint: «Von Wyss ist in Bern nichts mehr zu sehen, und der Besuch des Münsters alleine reicht nicht aus, um eine ‹Wyss Experience› zu schaffen. Wir würden also Leute anlocken und ihnen dann nichts zum Thema bieten können.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.07.2012, 09:14 Uhr

«Falkenhorst nach seiner Vollendung»: Die kaum bekannte Illustration aus dem Manuskript des «Schweizerischen Robinson». Das stolze Baumhaus ist der Prototyp einer globalen Fantasie. (Bild: Familienarchiv Wyss)

Belesener Pfarrer: Johann David Wyss (1743–1818). (Bild: Burgerbibliothek Bern)

Wer war Johann David Wyss?

Zuletzt widmete er sich der Bienenzucht, auf dem «Buchsigut» (Buchseegut) in Köniz, das er 1803 erworben hatte. Ob man sich Johann David Wyss als glücklichen Rentner vorstellen darf, ist nicht bekannt. Wie so manches rund um diesen Mann, der die wirkungsmächtigste Robinsonade nach Defoes «Robinson Crusoe» geschaffen hat.
Wyss, geboren 1743 in Bern, war der Spross einer der ältesten Berner Familien. Sein Vater Johann Anton Wyss (1721–1803) betrieb im «Backstubenhaus» an der unteren Kesslergasse (die heutige Münstergasse) eine geerbte Bäckerei, begeisterte sich aber mehr fürs Militärische, wurde zum Oberst befördert, erhielt das Kommando über die Bernische Artillerie und machte sich unter anderem um die Verbesserung des Schiesspulvers verdient, das in ganz Europa als «Berner Pulver» bekannt wurde. Ob die auffallend jagd- und schiessfreudige Familie in «Der schweizerische Robinson» ein spätes Echo darauf ist?
Auch Johann David Wyss verschlug es in militärische Gefilde, allerdings in philanthropischer Mission. Nach dem Theologie- und Philosophiestudium ging Wyss 23-jährig als Feldprediger ins Regiment von Samuel Tscharner, das in königlich-sardinischen Diensten stand. Dort nahm er sich die Bibliothek des Regimentsarztes vor und bildete sich als Autodidakt umfassend weiter. 32-jährig erhielt er in Seedorf seine erste Pfarrstelle, wurde aber schon zwei Jahre später 1777 ans Berner Münster befördert, wo er fast vierzig Jahre blieb. In dieser Zeit stieg er vom «3.Helfer» zum «1.Pfarrer» (1813) auf. 1799 allerdings, als man dem engagierten Pastor und Wohltäter die oberste Pfarrstelle am Münster anbot, lehnte er ab. Ein Jahr nach dem Zusammenbruch des Ancien Régime und der Installierung der Helvetischen Republik durch Napoleon soll Wyss die exponierte Stelle als zu schwierig und belastend empfunden haben.
Wo Johann David Wyss politisch genau stand, bleibt diffus. Als Aufklärungstheologe, der die Religion als «Mittel zur Volkserziehung» betrachtete, war er der Moderne durchaus zugewandt. Und im «schweizerischen Robinson» finden sich spitze Bemerkungen gegen das Berner Patriziat. Andererseits zeichnete Johann Rudolf Wyss seinen Vater später als Mann von «antirevolutionärer Gesinnung», der die «Lust zu seinem Vaterlande» verloren habe. «Der Niedergang des bernischen Staatswesens, die hereinbrechende Revolution (...) haben den politisch doch konservativ gesinnten Pfarrherrn irritiert.»
Vor diesem Hintergrund liesse sich der «schweizerische Robinson» durchaus auch als eskapistisches Fantasiewerk eines Desillusionierten lesen: Eine schiffbrüchige Berner Auswandererfamilie baut sich in der Ferne ein besseres «Neu-Schweizerland» auf. Wie sagt Sprössling Jack im Buch? «Von Europa mag ich nichts hören.»mei

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