Berner Sozialtherapeut gesteht Missbrauch von 114 Kindern

Ein 54-jähriger Sozialtherapeut aus dem Kanton Bern hat gestanden, in den vergangenen 29 Jahren in neun Heimen in der Schweiz und Süddeutschland 114 Pflegebefohlene und Kinder sexuell missbraucht zu haben.

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Die meisten Opfer sind geistig und körperlich behindert. Die sexuellen Übergriffe fanden mehrheitlich in den Heimen statt, aber auch zu Hause und in Hallenbädern, wie die Berner Strafverfolgungsbehörden am Dienstag in Bern bekanntgaben. Während der Nachtwache oder bei der Intimpflege betastete der Mann seine Opfer an den Geschlechtsteilen. Es kam auch zu oralem Verkehr und analem Missbrauch.

Die meisten Opfer sind junge, zum Teil schwerstbehinderte Männer, aber auch Frauen und Kinder. Letztere gehörten zum Teil zu Familien von Heimangestellten. Das jüngste Opfer ist ein Kind, das zur Tatzeit einjährig war.

Der Mann ging gezielt vor, wie die Berner Behörden erklärten. So wartete er etwa ab, bis er allein mit den Opfern war, und kaschierte die Missbräuche, indem er den Opfern Ersatzwäsche anzog. Auch suchte er sich in vielen Fällen Opfer, die aufgrund der Behinderungen nicht oder nur schlecht sprechen können.

Der Mann forderte zum Teil auch Opfer auf, gegenseitig sexuelle Handlungen aneinander vorzunehmen, und zum Teil misshandelte er Opfer mehrmals am gleichen Tag. Betroffen sind mehrheitlich Heime im Kanton Bern sowie ein Heim im Kanton Aargau, zwei in Appenzell Ausserrhoden und eines in Süddeutschland.

18 Fälle wurden von ihm durch Foto- oder Videoaufnahmen festgehalten. Darauf sei zum Teil zu sehen, sagte Gabriele Berger von der Kapo Bern, wie die Behinderten sich wehrten oder durch ihre Körperhaltung Widerstand ausdrückten. Gemäss aktuellem Stand der Ermittlungen sind die Fotos und Bilder nicht in Umlauf gebracht worden.

Froh um Verhaftung

Der 54-jährige bezeichnet sich selbst als pädophil. Das Verfahren gegen ihn wurde Ende März 2010 im Kanton Aargau eingeleitet. Zwei männliche Bewohner eines Behindertenheims hatten den Eltern erzählt, dass sie mit einem Betreuer sexuelle Kontakte hatten.

Nach ersten Ermittlungen erhärtete sich der Verdacht. Anfang April nahm die Kantonspolizei Bern den Mann an seinem Wohnort im Berner Oberland fest. Er befindet sich seither in Haft. Nach der Festnahme sagte er laut Berger, er sei froh, dass seine Verfehlungen nun ans Licht gekommen seien. Er habe einfach nicht widerstehen können.

122 Opfer

Die Kantonspolizei Bern hat bisher 122 Opfer identifiziert. Die Differenz zur Zahl von 114 Geständnissen erklärt sich durch acht versuchte Missbräuche, welche dem Mann derzeit vorgeworfen werden. Die Berner Behörden gehen davon aus, dass die die meisten Opfer identifiziert sind. Der Mann sei kooperativ.

Ermittelt wird wegen sexueller Handlungen mit Kindern, Abhängigen und Anstaltspfleglingen sowie wegen Schändung. Der grösste Teil der Fälle dürfte verjährt sein, doch gehen die Behörden davon aus, dass 33 Fälle strafrechtlich verfolgt werden können. Die Ermittlungen dauern laut den Berner Behörden noch monatelang.

Dutzende von Personen arbeiten am Fall. Untersucht wird auch, ob sich im Zusammenhang mit den Missbräuchen des 54-jährigen auch andere Personen in den betroffenen Heimen strafbar gemacht haben.

Mitte Januar wurden die betroffenen Heime kontaktiert. Seit Dienstag werden die Opfer respektive ihre gesetzlichen Vertreter informiert. Die Berner Kantonspolizei hat eine Hotline eingerichtet. Sie veröffentlicht Informationen auch auf ihrer Internetseite www.police.be.ch.

Ermittlungen schon 2003

Die Behörden teilten auch mit, dass gegen den Verdächtigten schon 2003 einmal ermittelt worden sei. Ausgangspunkt damals sei ein Strafverfahren gegen einen anderen Betreuer gewesen. Ein 13- jähriges, geistig schwer behindertes Mädchen hatte erklärt, es hätten auch Übergriffe durch den heute 54-jährigen stattgefunden.

Fachleute hätten damals an der Authentizität dieser Aussagen gezweifelt, halten die Behörden jetzt fest. Trotz umfangreicher Ermittlungen habe der Verdacht gegen den Mann damals nicht erhärtet werden können. Gegen ihn liegen deshalb keine Vorstrafen wegen Sexualdelikten vor. Nun werde der Vorfall aber «natürlich» erneut untersucht, hiess es am Dienstag.

tan/sda

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