Berner Schäfchen ignorieren die CVP

Schweizweit ist die CVP viel stärker als die EVP. Im Kanton Bern jedoch herrscht bei den christlichen Mitteparteien verkehrte Welt.

Bild: Max Spring

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Wie eine Partei tickt, zeigt sich an ihren Versammlungen: Die SVP lässt den «Berner Marsch» erklingen, die FDP lädt einen Re­ferenten aus der Wirtschaft ein – und die Evangelische Volkspartei (EVP) pflegt ihre Nähe zu Gott. Parteipräsidentin Christine Schnegg begrüsst die Delegierten an der Stadtberner Nägeligasse in der Kapelle, an deren Torbogen «Vereinshaus der Evangelischen Gesellschaft» steht. Und bevor es im Geschäftssitz der Partei an die Wahl der Stimmenzähler geht, faltet die oberste EVP-Frau die Hände und beginnt laut zu beten. «Das tun wir immer, auch vor Fraktionssitzungen und höchstwahrscheinlich auch in den Ortsparteien», sagt die Lysserin, die auch Präsidentin der EVP-Fraktion im Grossen Rat ist. «Wir anerkennen damit, dass wir auf Gottes Führung angewiesen sind.»

Die EVP ist national betrachtet eine winzige Partei. Sie stellt gerade mal zwei Nationalräte, die bei der CVP-Fraktion Unterschlupf finden. Doch eine dieser Nationalräte ist Marianne Streiff aus dem Kanton Bern. Denn auch hier ist die EVP zwar eine kleine Partei – aber schweizweit am stärksten, dicht gefolgt von Zürich. Sie stellt zwölf Vertreter im Kantonsparlament und portiert bei den anstehenden Wahlen wiederum, zwar chancenlos, aber selbstbewusst, einen Regierungsratskandidaten. Im Gegensatz dazu ist die CVP in Bern kaum existent. 2011 verlor sie ihren einzigen Nationalratssitz, vor vier Jahren flog ihre letzte Vertreterin aus dem Grossen Rat. Schwächer als im Kanton Bern ist die CVP nirgends in der Schweiz. Bei den anstehenden Wahlen wollen beide Parteien zulegen.

Die Partei der Katholiken

Im protestantischen Kanton Bern hatte die CVP als Partei der Katholiken seit je einen schweren Stand. «Sie ist eine Partei der Zugewanderten», sagt Co-Präsident Synes Ernst. Der Bund, die SBB, die Post – sie alle lockten zwischen 1960 und 1990 viele Arbeitskräfte aus den katholischen Stammlanden in die Bundesstadt, die dann in der CVP ihre politische Heimat wiederfanden. Mit den heutigen Verkehrsmitteln muss nicht mehr zwingend nach Bern ziehen, wer hier arbeitet – und kann so in seiner Heimat weiterpolitisieren.

Federn lassen musste die Berner CVP zudem, als sich mit dem Nordjura und dem Laufental die beiden katholischen Regionen vom Kanton abspalteten. Würden diese Gebiete heute noch zu Bern gehören, hätte diese CVP-Sektion zwei Na­tionalräte und einen Ständerat im Bundeshaus. Heute ist sie in den Städten Thun und Bern sowie im Südjura am stärksten. Dort tritt sie auch zu den Wahlen an. Im Südjura geht sie dabei sogar eine Listenverbindung mit den Separatisten ein, die katholisch geprägt sind. Ein Dilemma für die CVP, denn wer mit Separatisten zusammenarbeitet, gilt im Kanton Bern rasch als unpatriotisch.

Die Mühen der Mittepartei

Kommt hinzu, dass die CVP nicht nur in Bern, sondern auch schweizweit Wähler verliert. Zum einen hat sie als grosse Mittepartei Mühe, sich zu positionieren. «Als grosse Partei vereint sie eher linke sowie konservative Kräfte», sagt Andreas Ladner, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Lausanne. Zum anderen hat sie Konkurrenz erhalten: Vor allem von der SVP, die mittlerweile auch in katholischen Kantonen stark ist. Aber auch von der BDP, die ein sehr ähnliches Profil hat. Was als Alleinstellungsmerkmal bleibt, ist der Katholizismus.

Aber: Bei der CVP käme es im Gegensatz zur EVP kaum jemandem in den Sinn, an einer Versammlung zu beten. Der Glaube ist weit weniger zentral als bei der EVP. «Wir definieren uns als Partei mit christlichem Wertehintergrund», sagt Synes Ernst. «Aber viele unserer Exponenten sind reformiert.» So auch Reto Nause, der CVP-Gemeinderat in der Stadt Bern.

Die Nische gefunden

Die bewusst christliche Wählerschaft wird im Kanton Bern denn auch seit fast hundert Jahren von der EVP bedient. Sie war nie gross und kämpft deshalb nicht mit den gleichen Schwierigkeiten wie die CVP. Vielmehr hat sie eine Nische gefunden, die sie in den letzten zwanzig Jahren mit viel Basisarbeit in den Ortsparteien aus­gebaut hat und deshalb nun so stark ist wie selten zuvor. Die EVP-Klientel stammt aus Freikirchen und den Landeskirchen. «Auch für Katholiken sind wir die richtige Partei», weibelt Chris­tine Schnegg. Der Glaube spielt bei der EVP eine zentrale Rolle – wer sich damit nicht identifizieren kann, wählt wohl eine andere Partei. «Dabei verwenden wir lediglich ein anderes Vocabulaire für Werte, die sehr modern sind», sagt Schnegg. «Wir sprechen von Bewahrung der Schöpfung, andere von Nachhaltigkeit.»

Besonders stark ist die EVP in der Region Thun und in Langenthal. Mühe hat sie in der Stadt Bern und im Berner Jura – also dort, wo die CVP vergleichsweise stark ist. Abgesehen vom Leben des christlichen Glaubens hat sich die EVP schweizweit eher links der CVP positioniert. Auch im Kanton Bern stimmt sie oft mit dem linken Flügel und ist somit die linkste der Mitteparteien. Die Parteipräsidentin allerdings spricht lieber von einer «sozialen konservativen Partei». «Wir leiten das Soziale von der Bibel ab, konservativ sind wir, weil wir Werte bewahren wollen.» Doch wer als tiefgläubiger Christ mehr bewahrend als sozial tickt, hat im Kanton Bern noch eine weitere Option: die EDU, die sehr auf der Linie der SVP politisiert.

Der lohnende Kampf

Die EDU ist national betrachtet noch kleiner als die EVP – und im Kanton Bern dennoch stärker als die CVP. Sie stellt fünf Mitglieder im Grossen Rat. Während die EVP hofft, bei den bevorstehenden Wahlen einen 13. Sitz zu ergattern und somit an ihre allerstärkste Zeit von 2006 anzuknüpfen, kämpft die CVP für die Rückkehr ins Parlament. «Es ist sehr schwierig, Politik zu machen, wenn man nicht in den entsprechenden Gremien Einsitz nehmen kann», sagt Synes Ernst.

Doch auch wenn die CVP weiterhin in der Kantonspolitik aussen vor bleibt: Sie wird den Kanton Bern nicht aufgeben. «Gerade für den Wähleranteil der CVP Schweiz spielt die Berner Sektion durchaus eine Rolle», sagt Ernst. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.03.2018, 10:26 Uhr

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