Asperger: Eine Diagnose macht Karriere

Kinder mit Autismus gibt es im Kanton Bern innert acht Jahren 47-mal mehr, die meisten davon mit der Asperger-Diagnose. Bei dieser Explosion spielt auch der Integrationsauftrag der Volksschule eine Rolle.

Kräftige Zunahme innert fünf Jahren.

Christoph Aebischer@cab1ane

Auf das letzte Schuljahr hin musste die bernische Gesundheitsdirektion handeln: Sie stoppte das stete Wachstum für sonderpädagogische Unterstützung und fixierte die Maximalhöhe. Der Betrag wuchs innert acht Jahren kontinuierlich von annähernd 0 auf nun 10 Millionen Franken pro Jahr an. Wurden damit im letzten Schuljahr noch 352 Kinder unterstützt, muss das Geld im laufenden Schuljahr nun für 421 reichen. Einen wesentlichen Beitrag zur Zunahme leistet die explodierende Anzahl an Autismusdiagnosen, vor allem in der milderen Form des Asperger-Syndroms (siehe Box).

Die Zahl der Schüler mit Autismus stieg von 3 im Schuljahr 2005/2006 auf 142 im Schuljahr 2010/2011 an (inklusive Asperger). Damit diese in der Regelklasse unterrichtet werden konnten, erhielt jeder Schüler im Pilotprojekt der Nathalie-Stiftung ursprünglich bis zu 24 Zusatzlektionen pro Woche durch eine heilpädagogische Lehrperson, dazu wird häufig ebenfalls die Klassenlehrkraft entlastet. Im Durchschnitt waren es vor 2011 knapp 7 Lektionen, wie eine eben beendete, durch die Erziehungsdirektion in Auftrag gegebene Evaluation aufzeigt. Aktuell sind es laut Erziehungsdirektion zum Teil nur noch 4.

Zunahme der Sonderschüler

Insgesamt stieg die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die in Regelklassen sonderpädagogisch betreut werden innert sieben Jahren um das Achtfache an. Während diese Entwicklung gewollt ist – die Integration ist seit 2008 im Volksschulgesetz festgehalten –, lässt eine andere aufhorchen: Die Integration hat nicht wie erwartet zu weniger Schülerinnen und Schülern in Sonderschulen geführt. Relativ zu den insgesamt sinkenden Schülerzahlen im Kanton Bern stieg deren Zahl gemäss der neuen Evaluation sogar auf aktuell über 2000.

David Schmid, Leiter der kantonalen Erziehungsberatung, ortet einen Zusammenhang mit der Auflösung vieler Kleinklassen im Zuge der Integration: «Waren viele Schülerinnen und Schüler in deren überschaubarem Rahmen noch gut aufgehoben, überforderten sie dann die Grösse und das Tempo in der Regelschulklasse.» Konsequenz: Sie wurden entweder ausgeschult und landeten in einer Sonderschule oder erhielten heilpädagogische Unterstützung in der Regelklasse. Die Ausschulung bedingt laut Schmid eine Beurteilung auf der Erziehungsberatung. Auch heilpädagogische Unterstützung hängt oft davon ab. Eigentlich rät er zur Zurückhaltung bei Diagnosen. Hier macht Schmid aber eine Ausnahme: «Eine Diagnose kann Sinn machen, wenn sie die spezifische Unterstützung eines Kindes ermöglicht.»

Und dazu bot sich das erst kürzlich anerkannte Asperger-Syndrom an? «Die Gefahr besteht, dass eine neue Diagnose einen Anreiz schafft», räumt Schmid ein. Das Asperger-Syndrom habe in diesem Sinne das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS als «Modediagnose» abgelöst. Pikant: Für Asperger-Kinder liess sich bis vor kurzem mehr Unterstützung generieren.

Schwierigen Kindern wird also eine Störung zugeschrieben, damit sie unterstützt werden können? Das lässt Erwin Sommer, Leiter des Kindergarten- und Volksschulamts, nicht gelten: «Ich habe in meiner Zeit als aktiver Lehrer ebenfalls Kinder unterrichtet, die im Rückblick betrachtet wohl unter diesem Syndrom gelitten haben. Ich wäre froh gewesen, wenn ich mehr gewusst darüber hätte», sagt er. Früher seien etliche dieser Schüler einfach bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie gelandet und etwa in ein Heim eingewiesen worden, argumentiert er. Jetzt würden sie vermehrt erkannt und richtig unterstützt.

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